Zeitung Heute : Raus aus dem Wald, rauf auf Asphalt

Mit Unterstützung der französischen Alliierten begann 1981 in Berlin der Siegeszug der Straßenläufe

Selbst wenn der 25-Kilometer-Lauf nicht der spektakulärste sein mag und auch nicht der größte unter den deutschen Straßenläufen – er ist ihr Pionier. Als er am 3. Mai 1981 gestartet wurde, war er der erste, der eine deutsche Fahrbahn benutzen durfte. „Dieser Lauf hat die Tür geöffnet für alle anderen Straßenläufe“, sagt Peter Schubert, bei der Gründung des Laufs wie heute Geschäftsführer des Berliner Leichtathletik-Verbands. Jetzt hat dieser Pionierlauf seine 30. Auflage gefeiert.

Beim ersten Mal spielte noch eine Militärkapelle, im Olympiastadion wurden französische Spezialitäten angeboten, und vom Himmel schwebten Fallschirmjäger. Wie anders hätten die Berliner da den 25-Kilometer-Lauf nennen sollen als Franzosenlauf? Ein französischer Offizier, Major Jeck Bride, hatte jedenfalls die Idee für diesen Lauf gehabt, ein Sportereignis als deutsch-französisches Volksfest. Kurz zuvor hatte er sich den Lauf von Versailles nach Paris angeschaut und war davon so begeistert, dass er mit dieser Idee zum Berliner Leichtathletik-Verband kam.

Am Tisch saß auch Horst Milde, damals Volkslaufwart in Berlin und Gründer des Berlin-Marathons. „Ich war erst einmal stinksauer, denn die wollten durch die Straßen laufen, und ich musste mit meinem Marathon noch durch den Wald rennen“, erzählt er. Jahrelang hätte ihm die Berliner Polizei bei Anfragen erwidert, die Straße sei nur für Autos da. Aber solche Vorschriften galten in Berlin eben nicht für die Alliierten.

Die Mehrheit der Teilnehmer waren am Anfang Soldaten der Alliierten, die nicht ganz freiwillig an den Start gegangen waren. „Viele sind schon nach einer Querstraße ausgestiegen“, erinnert sich Milde. Mit den Jahren nahm die Zahl der freiwilligen Läufer immer mehr zu, die der Soldaten kontinuierlich ab.

Dass die Franzosen Berlin gut kannten, zeigten sie jedoch schon bei der ersten Auflage des Rennens. Um Zuschauer an die Strecke zu ziehen, luden sie Spitzenläufer aus der Türkei ein. Bei den Männern liefen die beiden Türken Mehmet Yurdadön und Mehmet Terzi zeitgleich nach 1:16:59 Stunden ins Ziel. Auch der Drittplatzierte Ahmet Altun kam aus der Türkei, er gewann den Lauf zwei Jahre später. „Wohin man auch hörte, alle Läufer bestätigten den französischen Veranstaltungsneulingen eine organisatorische Meisterleistung“, schrieb der Tagesspiegel über die Premiere im Mai 1981, bei der 3223 Läufer am Start waren. Die Strecke sei „sehr schwer“, sagte Ingo Sensburg von der LG Süd damals, er war Halleneuropameister über 3000 Meter und belegte beim ersten 25-Kilometer-Lauf hinter den drei Türken Platz vier. „Besonders der Anstieg auf dem Rückweg am Kaiserdamm ging ganz schön auf die Knochen.“

Ein schönes Zielfoto gab es 1986, als die beiden Deutschen Herbert Steffny und Ralf Salzmann nach 1:14:33 Hand in Hand über die Linie liefen. „Erst haben irgendwelche Leute sogar überlegt, ob man sie deshalb disqualifizieren müsste“, sagt Peter Schubert. Wurden sie dann aber zum Glück doch nicht.

Inzwischen hatte der Franzosenlauf auf der Straße viele Geschwister bekommen, allen voran den Berlin-Marathon. „Ich habe gleich nach der Gründung des Franzosenlaufs an die Polizei geschrieben, dass ich mit dem Marathon auch in die Stadt will“, berichtet Horst Milde. Im selben Jahr, 1981, durfte er mit seinen Läufern vom Grunewald in die Stadt umziehen. „Der Franzosenlauf hat erst möglich gemacht, dass Berlin eine Laufstadt geworden ist“, sagt Milde, „für viele ist es eine Herzensangelegenheit, am Olympiastadion zu starten und ins Ziel zu laufen. Etwas Schöneres als durchs Marathontor ins Stadion zu laufen, gibt es doch nicht.“ Friedhard Teuffel

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar