Zeitung Heute : Raus aus den Federn

Die ruhigen Zeiten sind vorbei. Bei Rückenschmerzen hilft Bewegung, sagen Mediziner heute

Adelheid Müller-Lissner

GESUNDHEIT SPEZIAL: RÜCKEN

„Der Schmerz hatte keine Gestalt, nur einen Griff und eine klare Aussprache. Der Griff packte mich kurz oberhalb meines Beckens, seine Festigkeit erinnerte an meinen Turnlehrer aus der Schulzeit. Der Kommandoton übrigens auch.“ Der gebieterische Schmerz in der Lendenwirbelsäule überfiel den Schriftsteller Tilman Spengler, einen Mann in den besten Jahren, eines Morgens aus heiterem Himmel, als er sich von seinem neuen Futon erhob. Er wurde von Stund‘ an und für viele Jahre sein „neuer Herr“.

Vier von fünf erwachsenen Deutschen haben zumindest ansatzweise schon einmal erlebt, was Spengler in seinem ebenso lockeren wie leidgesättigten Buch „Wenn Männer sich verheben. Eine Leidensgeschichte in 24 Wirbeln“ (Rowohlt 1998) beschreibt. Die meisten, die sich für Vorbeugung gegen das Volksleiden interessieren, sind denn auch schon längst „gebrannte Kinder“: Sie haben schon mindestens einen Angriff des gebieterischen „neuen Herrn“ erlebt und wollen nun wissen, was sie tun können , um künftige Attacken zu verhindern oder wenigstens glimpflicher zu gestalten.

Die Vorstellungen über die richtige Vorbeugung sind inzwischen in Bewegung gekommen. Im wahrsten Sinne: Bewegung statt Schonung heißt die Maxime, und sie gilt auch dann, wenn der Rücken schon Beschwerden macht. Dass akute Rückenschmerzen schneller verschwinden, wenn die Geplagten möglichst zügig ihren normalen Alltagsgeschäften wieder nachgehen, hat schon 1995 eine finnische Studie nachgewiesen. Längere Bettruhe erwies sich dagegen nicht als wirksam. „Nach einem Hexenschuss sollte man möglichst schnell die normalen Aktivitäten wiederaufnehmen“, fasst der Rückenschmerz-Experte Christoph Stein, Leiter der Klinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin am Uniklinikum Benjamin Franklin, den aktuellen Forschungsstand zusammen.

Doch das ist leichter gesagt als getan: Um möglichst mobil zu bleiben, brauchen Menschen, die akut von den Rückenschmerzen geplagt werden, meist Schmerzmittel. Die Medikamente sollen nicht nur Bewegung ohne Qual ermöglichen, sondern auch verhindern, dass der Schmerz im Gehirn eine Gedächtnisspur hinterlässt. Inzwischen versteht man durch die Ergebnisse der psychologischen Grundlagenforschung nämlich besser, was bei Schmerz im Gehirn wirklich passiert. In jenem Teil unserer Großhirnrinde, der für Schmerzempfindungen in bestimmten Körperarealen zuständig ist – der somatosensorische Cortex – nimmt bei dauerhaft Rückenleidenden die Repräsentation dieses Körperteils mit der Zeit einen immer größeren Raum ein. Weil der Rücken im Gehirn schließlich ein überproportional großes Gebiet „besetzt“, werden später selbst kleinste Reize aus der Gegend der Wirbelsäule als Schmerz wahrgenommen. Die Voraussetzungen für chronisches Leiden sind geschaffen.

Ist vom Rücken die Rede, fällt meist ganz schnell das Wort „Bandscheibe“. Doch Schätzungen von Orthopäden zufolge haben vier von zehn Erwachsenen einen Bandscheibenvorfall, ohne je im Leben darunter zu leiden. „Formstörungen müssen nicht unbedingt mit klinischen Erscheinungen einhergehen“, schrieb der Bochumer Orthopädieprofesor Jürgen Krämer kürzlich im „Deutschen Ärzteblatt“. Der Hinweis gilt nicht zuletzt seinen ärztlichen Kollegen: Denn mit den modernen Bild gebenden Verfahren werden solche harmlosen Vorfälle von Bandscheiben und Verformungen der Wirbelsäule, von denen der Betroffene früher gar nichts wusste, wesentlich häufiger entdeckt. Dann liegt es nahe, sie für die Ursache von Beschwerden zu halten, denen in Wirklichkeit vielleicht eine Muskelverspannung zugrunde liegt. Doch die relative Raum-Enge, die Bandscheibenvorfälle im Wirbelkanal verursachen, muss nicht immer zum Problem werden.

Wenn es um Rückenprobleme geht, spielen aber nicht nur degenerierte Knochen und eingeklemmte Nerven eine Rolle, sondern vor allem starke und funktionstüchtige Muskeln. Denn die Muskulatur bildet ein „Korsett“, das uns den Rücken stärkt. Starke Bauchmuskeln sind dafür genauso wichtig wie die Muskulatur, die die Wirbelsäule direkt umgibt (siehe auch Artikel rechts).

Bewegung hilft auch bei hartnäckigen Rückenschmerzen – und inzwischen haben wissenschaftliche Studien für solche chronischen Rückenleiden die Überlegenheit eines „multimodalen“, ganzheitlichen Behandlungsansatzes zeigen können. Neben dem Kampf gegen die Schmerzen mit Medikamenten, Entspannungs- und Verhaltenstherapie gehört dazu auch Kraft-, Ausdauer- und Koordinationstraining.

Die alte Empfehlung, sich möglichst zu „schonen“, führt dagegen zu einem Vermeidungsverhalten, das negative Auswirkungen auf Muskeln und Knochen hat: Kraft und Ausdauer lassen nach, die Muskeln sind schlechter in der Lage, das Skelett zu halten, die Knochen verlieren Kalzium und bauen ab. Noch dazu zieht sich der Betroffene oft immer mehr vom gesellschaftlichen Leben zurück. Der „neue Herr“ gebietet dann zeitweise konkurrenzlos über sein Reich.

Wissenschaftliche Studien haben inzwischen auch die Vorstellungen über das „richtige“ Sitzen verändert. Biomechanische Untersuchungen haben ergeben, dass das Sitzen auf modernen Bürostühlen den Rücken weniger belastet als das Gehen. Es ist zu Unrecht in Verruf geraten. Wichtig ist allerdings die häufige Veränderung der Sitzposition. Nicht das Sitzen selbst schadet, sondern das Sitzenbleiben. Der Sportmediziner Folker Boldt vom Sport-Gesundheitspark e.V. Berlin empfiehlt fürs Büro zum Beispiel öfter Mal Bewegungsphasen einzulegen. Wer sich mal nach vorn neige, mal lässig auf dem Bürostuhl fläze und dabei auch immer wieder einmal aufstehe und herumgehe, der riskiere zwar, seinen Kollegen ein wenig auf die Nerven zu gehen. Doch seine Bandscheiben würden dafür sehr viel besser mit Flüssigkeit und Nährstoffen versorgt.

Weitere Infos im Internet unter:

www.agr-ev.de

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