Zeitung Heute : Raus aus der Zwangsjacke

32 Norweger diskutierten eineinhalb Jahre über ihre mangelnden Rechte

Dagmar Dehmer

Am Anfang hat es eine regelrechte Schlacht in den Medien gegeben, erzählt Hakon Haugli. Er war einer der 32 Männer, die in den vergangenen ein einhalb Jahren im norwegischen Männer-Panel über eine neue Männerrolle diskutiert haben. Da ereiferte sich ein kerniger alter Fischer, dass ausgerechnet einer wie Haugli, ein schwuler Sozialdemokrat im Osloer Stadtrat, auch für ihn nach einem neuen Männerbild suchen sollte. Und dann sollte die Gruppe auch noch Vorschläge machen, wie der Gewalt gegen Frauen beizukommen sein könnte. Eine ziemliche Zumutung – fanden einige.

Die damalige Minister für Kinder und Gleichstellung, Karita Bekkemellem, hatte die 32 Männer berufen, um „über ihre mangelnden Rechte zu diskutieren“. Sie stellte im Sommer 2007 fest, dass Männer im Bildungssystem immer mehr zurückfallen, dass sie nur selten das Sorgerecht für ihre Kinder bekommen, wenn sie sich scheiden lassen, und dass sie ganz anderen Gesundheitsgefahren ausgesetzt seien als Frauen. Bekkemellem forderte die 32 Politiker, Künstler, Sportler und anderen prominenten Panel-Mitglieder auf, ihre Forderungen zu formulieren, denn „es wird Zeit, dass die Männer selbst über ihre mangelnden Rechte diskutieren. Das können die Frauen schließlich nicht für sie übernehmen.“ Vor wenigen Tagen hat die neue Ministerin für Kinder und Gleichstellung, Anniken Huitfeldt, den Bericht des Männer-Panels entgegen genommen.

Das wichtigste Ergebnis ist das, was Hakon Haugli schon nach dem ersten Treffen gefordert hat: „Wir müssen eine neue Definition für Männlichkeit finden.“ Mit dieser Meinung hat er sich offenbar durchgesetzt. Denn das war auch die wichtigste Botschaft des Sprechers des Männer-Panels, Arild Stokkan-Grande. Die Zeitung „Aftenposten“ zitiert ihn bei der Übergabe des Papiers an die Ministerin mit der Einschätzung: „Männer sollten auch weiterhin in der Lage sein, Männer zu sein. Aber wir müssen aus der Zwangsjacke ausbrechen“, die das konventionelle Männerbild ihnen auferlege. Eine Veränderung von männlichen Vorbildern sei auch der wichtigste Faktor, wenn es darum gehe, Gewalt gegen Frauen zu vermeiden, meinte der Abgeordnete Stokkan-Grande. Die Männer fühlten sich zunehmend unwohl in den von ihnen geforderten Rollen, weil sie noch immer Gefahr liefen, „ihre Ehre zu verlieren“, wenn sie ihnen nicht entsprächen, heißt es in dem Papier.

Schon in ihrem Männerbericht für das Projekt „Caring Maskulinities“, an dem sich auch Deutschland beteiligt hat, und das die Situation von Männern als „Sorgende“ genauer beleuchten sollte, beschrieben die norwegischen Autoren die Unterschiede zwischen Frauen und Männern in der Arbeitswelt ausführlich. Die norwegische Erwerbsquote ist bei Frauen wie bei Männern sehr hoch, weil in dem boomenden Land nahezu Vollbeschäftigung herrscht. Die frühere Frauenministerin Bekkemellem sagte im vergangenen Herbst: „Wir brauchen jede Arbeitskraft.“ Männer zwischen 16 und 74 Jahren gehen zu 74,5 Prozent einer Erwerbsarbeit nach, bei den Frauen dieser Altersgruppe sind es 69 Prozent. Unterschiede gibt es bei der Bezahlung: Frauen kommen im Schnitt auf rund 87 Prozent der Bezahlung wie die Männer. Der Grund: Frauen arbeiten in schlecht bezahlten Dienstleistungsberufen wie in Kindertagesstätten, Altenheimen, Grundschulen oder im Einzelhandel. Männer arbeiten in der Ölindustrie oder bei Banken, an der Börse oder an den Universitäten. Die Lücke bei der Bezahlung hat aber auch damit zu tun, dass Frauen länger als Männer Elternzeit nehmen. Zwar nahmen in Norwegen schon 2004 immerhin 71 Prozent der Väter Elternzeit, allerdings beschränkte sich das auf die sogenannte Vaterquote von vier, beziehungsweise inzwischen sechs Wochen. Nur etwa 18 Prozent der Männer nahm im Jahr 2006 eine längere Pause für die Kinder in Anspruch.

Obwohl Norwegen inzwischen in vielen Wirtschaftsbereichen sehr flexible Arbeitszeiten anbietet, um Eltern mehr Zeit mit ihren Kindern zu ermöglichen, dominieren die Männer die Überstunden-Statistik. 24 Prozent machen regelmäßig Überstunden, 17 Prozent der Frauen tun das allerdings auch. Etwa 16 Prozent der Überstunden werden nicht bezahlt, und etwa 80 Prozent dieser Leitungen erbringen nach Angaben des norwegischen Gewerkschaftsverbands die Männer. Diese starke Bindung an den Beruf und die Furcht vor Nachteilen, wenn sie länger aussteigen, dürfte der Hauptgrund dafür sein, warum Männer nur eine kurze Elternzeit in Anspruch nehmen. Eine Rolle spielt aber offenbar auch, dass Arbeitgeber von ihren männlichen Beschäftigten erwarten, dass sie lediglich die Vater-Quote nehmen. Und der Fall, dass „meine Frau ihren Beruf mehr liebt als ich“, wie ihn der junge Richter Anders Mathisen schildert, dürfte eher ungewöhnlich sein. Er blieb fünf Monate bei seiner kleinen Tochter.

Allerdings zeigte sich bei den Diskussionen des Männer-Panels, dass die Norweger gerne mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen würden. Einen besseren Ausgleich zwischen der Arbeit und dem Familienleben wünschten sich die meisten Teilnehmer des Männer-Panels – und unterscheiden sich damit kaum von anderen Europäern. Dagmar Dehmer

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