Zeitung Heute : Realitätsflucht begehen

Marc Neller

Wie ein West-Berliner die Stadt erleben kann

Wie die Dinge stehen, ist eine Flucht aus der Realität sehr gut begründet. Schnee, Schneematsch, demnächst fallen die Temperaturen wohl wieder auf antarktisches Niveau. Vermutlich vergisst dieser Winter zu enden, wir lassen Ostern aus und feiern stattdessen nochmal Weihnachten. Der Gedanke, es könnte einen Sommer fast ohne Insekten geben, wenn er denn nicht ersatzlos entfiele – nun ja. Auch nicht gerade erwärmend oder inspirierend.

Der Entschluss, der Tristesse zu entfliehen steht, die Gelegenheit ist günstig. Freies Wochenende, zwei Tage Zeit. Die Vorbereitungen beginnen am Freitagabend mit Autosuggestion, denn die Flucht erfordert äußerste Disziplin: nicht in Versuchung geraten, möglichst wenig draußen aufhalten. Um nicht ohne Not Gefallen an der klaren Luft zu finden. Bücher? Zu gefährlich. Ein kluger Gedanke, eine schöne Passage und ehe man sich versieht, hält man inne, überlegt, sieht aus dem Fenster. Schon ist die ganze Verdrängungsarbeit dahin. Kino eignet sich besser. Räume ohne Fenster, geöffnet ab mittags, danach muss man das Gebäude zehn Stunden lang nicht verlassen. Zudem laufen derzeit vergleichsweise lohnenswerte Filme und im Kino wird nicht viel gesprochen, also auch nicht übers Wetter. Und zwei Vormittage lassen sich mit je ein, zwei Klassikern aus der Videothek leicht überbrücken. Sollte hinhauen, den Winter zu vergessen.

Ich sehe: Knallhart, einen Film über die rauen Seiten Neuköllns. Sommer vorm Balkon, und die Welt ist ein einziger Prenzlauer Berg. Elementarteilchen, im Gegensatz zur Romanvorlage lässt der Regisseur ein bisschen Liebe überleben. Brokeback Mountain. Usw.

Alles in allem glückt die Flucht . Am Sonntagabend nach der letzten Vorstellung, auf dem Nachhauseweg, kommt es mir zwar so vor, als rieselte Schnee vom Himmel. War aber nur eine kleine Bildstörung kurz vor Programmschluss. Kommt vor, so was.

Das Kinoprogramm finden Sie täglich in dieser Zeitung. Falls Sie Probleme mit Bildstörungen haben, wenden Sie sich an Ihren Optiker oder den Elektronik-Fachhändler Ihrer Wahl.

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