Reallöhne : Arbeit lohnt sich immer weniger

Die Löhne der Arbeitnehmer in Deutschland sind in den vergangenen Jahren erstmals während eines Aufschwungs gesunken. Die Reallöhne sinken bereits seit Jahren – auch weil die Gewerkschaften schwächer geworden sind.

Carsten Brönstrup

BerlinBerlin - Die Löhne der Arbeitnehmer in Deutschland sind in den vergangenen Jahren erstmals während eines Aufschwungs gesunken. Zugleich sind die Einkommen von Kapitalbesitzern und Selbstständigen kräftig gestiegen, wie aus einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) hervorgeht. Die Arbeitnehmer seien die „Verlierer“ des vergangenen Aufschwungs, sagte DIW-Ökonom Karl Brenke am Mittwoch in Berlin.

Zwischen 2004 und 2008 seien die realen Nettolöhne um 0,8 Prozent geschrumpft, ergaben Berechnungen des DIW. Dies sei einmalig in der Geschichte der Bundesrepublik. Normalerweise wächst in Aufschwungphasen der Spielraum für Lohnerhöhungen, weil Arbeitskräfte knapp werden und die Unternehmer höhere Löhne zahlen, um Streiks zu vermeiden. Dieses Mal habe es auf breiter Front keinen Zuwachs gegeben. Auch im internationalen Vergleich schnitt die Bundesrepublik schlecht ab: Während die Löhne in EU-Staaten wie Großbritannien, Dänemark oder den Niederlanden zwischen 2000 und 2008 deutlich zulegten, schrumpften sie hierzulande um mehr als elf Prozent. Gestiegene staatliche Belastungen seien aber nicht die Ursache, wie die DIW-Forscher ausrechneten. Zwar entfielen im vergangenen Jahr 48 Prozent der Löhne auf Sozialbeiträge und Steuern. Diese Quote sei aber seit einigen Jahren relativ konstant. Auch eine Zunahme einfacher und schlecht bezahlter Tätigkeiten sei nicht der Grund für die schwache Lohnentwicklung. Qualifizierte Tätigkeiten seien vielmehr immer wichtiger geworden. Daher sei es laut DIW eigentlich zu erwarten gewesen, dass wegen besser ausgebildeter Arbeitnehmer „die Entlohnungen im Schnitt kräftig gewachsen wären“.

Auch bei der Frage, wie die Früchte von Wachstum verteilt werden, schneiden die Beschäftigten schlecht ab. Die Lohnquote, also der Anteil der Arbeitnehmerentgelte am Volkseinkommen, sei seit 2000 gesunken, 2007 sogar mit 61 Prozent so gering wie nie gewesen. Als Ursache für die schlechte Lage der Arbeitnehmer sieht das DIW die Schwäche der Gewerkschaften. Die gestiegene Bedeutung von Dienstleistungsjobs schwäche die Position der Arbeitnehmervertreter, die sich noch immer auf die Industrie stützten. Generell hätte die schwache Lohnentwicklung die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen aber gestärkt. Dies habe auch zu mehr Beschäftigung geführt. Dennoch empfahl das DIW, Spielraum besser zu nutzen – also zusätzliches Volkseinkommen zwischen Unternehmern und Arbeitnehmern zu verteilen. Ökonomen erwarten aber, dass die Löhne unter Druck bleiben. „Diese Entwicklung wird weitergehen, mit einem starken Anstieg der Löhne ist angesichts der Krise nicht zu rechnen“, sagte Michael Burda, Professor an der Humboldt-Universität.

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