Zeitung Heute : Rebell unter Hoffnungslosen

Vier Jahre saß er in Haft, jetzt will er Präsident in Weißrussland werden – Andrej Klimow braucht dazu Löwenmut

Ingo Petz[Minsk]

Die Wohnblocks stehen in diesem Bezirk der weißrussischen Hauptstadt Minsk wie Soldaten, eine müde Armee. Der Himmel ist wie Beton an diesem Tag. Regen prasselt auf die unbefestigten Wege und füttert immer neue Pfützen im Matsch. Irgendwo da oben hinter einem der unzähligen Fenster wohnt er – Andrej Klimow, „ein Mann, der keine Angst mehr hat, vor nichts und niemandem, weil er den Tod bereits besiegt hat“. Das wird er später über sich sagen. Es ist eine gute Voraussetzung, wenn jemand Präsident werden will in einem Land, das wie ein Gefängnis ist.

„Langsamer Tod“ wird in Weißrussland das Gefängnis genannt. Klimow, 39, saß vier Jahre, er wurde geschlagen und musste Arbeitsdienst leisten. „Das hat mich stark, ja unbesiegbar gemacht“, sagt er in seiner Wohnung. Klimow trägt ein locker sitzendes Hemd, eine blaue Jeans und Hauslatschen. Er ist nicht besonders groß, und sicher würde er nicht auffallen, wären da nicht seine Augen. Schmale Schlitze, von schwarzen Rändern umgeben, beobachten sie alles so konzentriert, als könnten sie Laserstrahlen schießen – wie ein Superheld. Und so einer müsste Klimow schon sein, wenn er 2006 Präsident in Weißrussland werden will.

Reden kann er auch. Es wirkt nur etwas komisch, wie er da in seinem Fernsehsessel sitzt und seine Stimme so laut wird, als wäre sie ein Gewehr, mit dem er ohne Unterlass feuert. Auf seine Feinde, die auch in seinem Wohnzimmer sind. „Klar werde ich abgehört. Der Präsident soll wissen, dass ich bereit bin und keine Angst habe“, kracht es.

1996 war der damals 30-jährige Klimow Abgeordneter des 13. Obersten Sowjets, des weißrussischen Parlaments. Er betrieb ein Amtsenthebungsverfahren gegen den Präsidenten Alexander Lukaschenko, der die Verfassung zu Gunsten seiner Macht geändert hatte. Nachdem das gescheitert war, arbeitete Klimow an einer Dokumentation über Verfassungsverletzungen. 1998 wurde er schließlich verhaftet. Die offiziellen Anschuldigungen: Steuerhinterziehung und Veruntreuung von Krediten. Denn Klimow war auch Bauunternehmer, und er hatte eine Bank, die „Andrej-Klimow-Bank“. 500 Angestellte hatte er damals, er finanzierte eine Zeitung, die ihn unterstützte. Die Verhaftung des jungen Oppositionspolitikers verursachte internationalen Protest. Amnesty International stufte Klimow als politischen Gefangenen ein. 2000 wurde er schuldig gesprochen und sein Vermögen von 15 Millionen US-Dollar konfisziert. Seit Februar 2002 ist er wieder frei.

„Wir leben in einem furchtbaren Land mit furchtbaren Menschen an der Macht“, das sagte Klimow direkt nach seiner vorzeitigen Entlassung. „Saddam Hussein ist ein Lamm im Vergleich zu unseren Kerlen, denn von ihm weiß man immer, was zu erwarten ist. Er verbirgt seine Absichten nicht. Aber unsere Führer tragen europäische Kleidung und gehen zur Kirche, aber in Wirklichkeit verdammen sie die europäischen Werte und haben sich längst dem Teufel verkauft.“ Es klang wie eine Kampfansage an Alexander Lukaschenko, der das Land seit 1994 mit autokratischer Strenge regiert und es in eine kleine Sowjetunion verwandelt hat. Einige unliebsame Politiker und Journalisten verschwanden spurlos.

Lukaschenko, der einstige KolchosenDirektor, macht, was er will – trotz Europarat, EU, den USA oder der OSZE, die regelmäßig mehr Pressefreiheit, Menschenrechte und Demokratie fordern. „Der Westen kann mich mal“, hat Lukaschenko einmal gesagt. Er handelt mit Waffen über die staatliche Infobank, zum Beispiel mit Iran. Und weil im September Parlamentswahlen sind – die allerdings aus demokratischer Sicht kaum eine Bedeutung haben –, zieht Lukaschenko die stalinistischen Zügel immer mehr an. Private Universitäten und kritische Zeitungen sind in den letzten Monaten geschlossen worden.

„Offenbar merkt Lukaschenko, dass die Menschen ihn nicht mehr mögen“, sagt Klimow. „Er muss nun abtreten, ich helfe ihm dabei.“ Als junger Politiker mochte Klimow Lukaschenko sogar. „Der hatte so viel Energie, und bei ihm hatte man das Gefühl, dass er den Menschen helfen wolle. Die Macht hat aus ihm ein Ungeheuer gemacht.“ Im Gefängnis hat Klimow Bücher und Essays geschrieben, in denen er mit dem weißrussischen Machthaber abrechnet.

Wer Klimow einen Populisten nennt, hat wahrscheinlich Recht. Das muss er auch sein, will er eine Chance gegen einen Gegner haben, der mit allen Mitteln kämpft – in einem Land, in dem Demokratie für viele gleichbedeutend mit dem Abstieg ins Elend ist und in dem mit einem sachpolitischen Wahlkampf nichts gewonnen werden kann, schon gar nicht, wenn Lukaschenko die Regeln macht. Klimow ist ein Rebell, der in der Empörung der nur schwer politisch motivierbaren Weißrussen den ersten Schritt in Richtung Freiheit sieht.

„Wollen Sie noch einen Tee oder Schokolade?“, unterbricht er seine Agitation, und plötzlich ist er charmant. Die Sonne scheint jetzt durch das Fenster. Ein wenig erinnert Klimow an den russischen Präsidenten Wladimir Putin, dessen Kühle er allerdings nicht hat. Und Klimow behauptet, er habe es nur Putin zu verdanken, dass er noch am Leben sei. Über einen Mittelsmann, sagt er, stehe er in Kontakt mit dem Präsidenten. Zudem werde er finanziell von russischen Freunden unterstützt. „Ich werde nicht noch mal als Unternehmer arbeiten, denn so mache ich mich angreifbar.“

Russland ist entscheidend für die Zukunft Weißrusslands. Nicht erst, seitdem Weißrussland an der EU-Grenze liegt und Pufferstaat ist. Putin wird kaum Interesse an einem national starken und russenfeindlichen Nachbarn haben. Das könnte auch der Vorteil Klimows sein, der anders als viele nationalistische Oppositionspolitiker Russland nicht als Feind sieht. „Wir brauchen ein starkes Land mit einer freien Marktwirtschaft“, sagt er. „Wir können Vermittler zwischen West und Ost sein. Hier liegt auch unsere historische Rolle.“ Da Parteien einen schlechten Ruf im Land hätten, werde er als unabhängiger Kandidat antreten. „Meine einzige Chance, die Opposition brauche ich nicht.“

Rebell Klimow gefällt sich in seiner Rolle. Er gehört zu jener Generation, die noch in der Sowjetunion geschult wurde, aber nach der Unabhängigkeit Weißrusslands 1990 das erste bisschen Freiheit genießen konnte. Er wurde früh Politiker. „Falls er tatsächlich die guten Kontakte zu einflussreichen und reichen Russen und Weißrussen hat, könnte er eine Chance haben“, sagt Astrid Sahm, Weißrussland-Expertin von der Universität Mannheim. Klimow habe Charisma, sei einfallsreich, enthusiastisch, alles gute Voraussetzungen. Und viel Mut. Mutige Männer sind gefragt in Weißrussland.

An manchen Tagen wirkt das Land so hoffnungslos verloren, dass selbst der liebste Spruch der Weißrussen, „Die Hoffnung stirbt zuletzt“, nur zynisch wirkt. Mut hat Klimow wahrscheinlich. Aber was nützt der, wenn man morgen schon tot sein könnte. Hat er keine Angst? Klimow rückt mit seinem Gesicht näher. „Schauen Sie mir in die Augen“, sagt er, „ich habe den Tod bereits gesehen.“ Im Kücheneingang lehnt seine Frau mit dem Kopf gegen den Türrahmen. Sie sagt nichts. Ihr Blick wirkt ratlos. Dann verschwindet sie in der Küche.

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