Zeitung Heute : Rebellion im Matrosenanzug

Sie waren die letzte Bastion gut gescheitelter Jungen-Artigkeit: die Wiener Sängerknaben. Doch nun erlebt die 500 Jahre alte Institution einen radikalen Wandel – jetzt wird gerappt und getanzt

Jörg Königsdorf

Die 25 Blechtonnen stehen im strengen Halbkreis angeordnet. Aufreizend blitzen sie in der Nachmittagssonne, die durch die Fenster des Übungsraums fällt – fast als würden sie sich schon darauf freuen, dass 25 Jungen gleich einen Heidenlärm mit ihnen veranstalten werden.

Es ist die letzte Probe des Tages und zugleich die heikelste. Teils, weil die Knaben des Haydn-Chores, einer der vier Unterabteilungen der Wiener Sängerknaben, mit den Gedanken schon beim abendlichen Fußballturnier sind. Vor allem aber, weil sie etwas völlig Ungewohntes üben sollen: Immer wieder erklärt Chorleiter Gerald Wirth, wie sie ihre Tonnen in präziser Gruppenchoreografie über den Boden schieben, wann sie in die Hände klatschen sollen und – pianissimo, bitte! – trommeln dürfen. Und immer wieder wirft er falkenaugenscharfe Blicke in die Runde, ermahnt halblaut jeden, der in Gefahr ist, die Konzentration zu verlieren: „Schieb, schieb, eins, zwei, drei! Kevin, mitzählen! Eins, zwei, eins, zwei, Robert, nicht mit der Trommel kippeln!“

Noch nie hat Wirth seine Autorität so gebraucht wie jetzt. Denn das Projekt, das in diesen Spätsommertagen im Ferienheim der Wiener Sängerknaben am Wörthersee heranreift, soll allen zeigen, dass der berühmteste Knabenchor der Welt unter seiner Leitung eine radikale Wandlung durchgemacht hat: Statt artig aufgereiht im Matrosenanzug den „Donauwalzer“ oder das „Heideröslein“ zu singen, werden die Knaben die neue Saison des Wiener Schauspielhauses mit „Wiener Lächeln“, einem eigens für sie konzipierten Theaterstück, eröffnen, in dem sie rappen, tanzen und sämtliche Wiener-Sängerknaben-Klischees durch den Kakao ziehen. Im Januar kommt die Produktion für ein Gastspiel nach Berlin an die Komische Oper.

Die Knaben im Verein mit der wildesten Off-Bühne Wiens, das wäre bis vor kurzem undenkbar gewesen. Doch seitdem Gerald Wirth vor drei Jahren die Leitung und damit die Verantwortung für 100 Jungen zwischen zehn und 14 Jahren übernommen hat, weht ein neuer Geist durch die mehr als 500 Jahre alte Institution. Fast sein ganzes Leben hat der 39-Jährige hier verbracht, erst als Chormitglied und Zögling des Sängerknaben-Internats, dann 15 Jahre als Leiter eines der vier Teilchöre. Und etwas vom alten Sängerknaben-Geist, von habsburgisch-katholischer Tradition steckt wohl auch noch in ihm: Wenn er von seinem Chor spricht, strahlt er vor priesterlichem Sendungsbewusstsein. Doch Wirth trägt keine Soutane, sondern ein buntes Hawaii-Hemd und eine zerknitterte, eindeutig zu kurze Leinenhose, und seitdem er am Ruder ist, haben die Knaben nicht mehr bloß Mozart-Messen und deutsche Volkslieder, sondern auch persische Sufi-Gesänge, paschtunische Hirtenweisen und sogar die Spitzenreiter der Pop-Charts im Repertoire. Die letzte Bastion gescheitelter Jungen-Artigkeit ist gefallen.

Man könne Kinder heute nicht mehr mit Strafandrohungen zur Disziplin zwingen, sagt Wirth – stattdessen setzt er auf Erziehung zur Selbstdisziplin. Und davon brauchen sie hier eine ganze Menge, um ihr Pensum an Schule, Chorproben und Instrumentalunterricht zu bewältigen. Selbst die Sommerferien werden zur Hälfte im Ferienheim verbracht.

Ein bisschen viel sei das manchmal schon, seufzt der 13-jährige David. „Aber auf der anderen Seite – wer kommt schon in unserem Alter nach Japan und Australien?“ Acht bis elf Wochen pro Jahr tourt jeder der vier Chöre und erwirtschaftet damit gut 80 Prozent des Budgets. Gerade in Japan sind die Knaben Stars – kreischende Mädchen hätten sich an ihrem Bus die Nasen plattgedrückt, erzählt David. Dem sommersprossigen Rotschopf werden oft die schwierigen, glanzvollen Solostellen anvertraut: Sein Sopran hat die kristalline Reinheit, die Komponisten und Publikum seit Jahrhunderten an den Knabenstimmen fasziniert. Klar, dass er auch beim „Wiener Lächeln“ seinen Einsatz bekommt – in der Szene, in der es um jene Oper geht, die fast jeder von ihnen schon einmal gesungen hat: „Forget all, was ihr wisst about the ,Zauberflöte’“, schärft der Chefregisseur des Schauspielhauses, der Australier Barry Koskie, ihnen ein. „Ich habe geschrieben eine much better Version.“ Eine, die hemmungslos alle „Zauberflöten“-Hits durcheinander wirbelt: In irrwitzigen Tempo werden die Knaben auf einem Konzertflügel über die Bühne gerollt, piepsen in ihren höchsten Tönen die bekanntesten Stellen aus Mozarts Oper – und machen, sobald Pause ist, allein weiter: mit den Koloraturen der „Königin der Nacht“ – wie im Märchen übt auch hier nicht der Prinz, sondern die böse Hexe die größte Faszination aus.

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