Zeitung Heute : Rechenzentrum: "Wir wollen den Schneeball ins Rollen bringen"

Frank Willdenow

Die Schreibmaschine stirbt aus. Statt dessen klappern in den Büros und zu Hause die Computer-Tastaturen. In einer Hochschule mit Tausenden von Computer-Arbeitsplätzen, über ein Netz miteinander verbunden, braucht es erhebliche Anstrengungen, das System am Laufen zu halten. An der Humboldt-Universität gibt es dazu das Rechenzentrum. Doch dessen Aufgaben beschränken sich schon lange nicht mehr darauf, die Computernetze in Funktion zu halten.

"Der Begriff Rechenzentrum ist heutzutage irreführend", sagt sein Leiter Peter Schirmbacher. Früher verfügten nur die Rechenzentren über große und kostspielige Computer. Sie führten wissenschaftliche Berechnungen im Auftrag der Institute aus. Heute haben sich ihre Aufgaben wesentlich gewandelt. "Das Institut für Chemie verfügt beispielsweise über mehr Rechenleistung als wir", erzählt Schirmbacher. "Wir überlegen deshalb, uns in Zentrum für Computer- und Medienservice umzubenennen."

Computer sind aus der Hochschule nicht wegzudenken. Die Geräte sind nicht nur bessere Schreibmaschinen, sondern werden für verschiedenste Zwecke genutzt, etwa um große Datenmenge zu speichern oder um Broschüren zu gestalten. Hinzu kommt die Kommunikation von Computer zu Computer. An der Humboldt-Universität gibt es in 180 Gebäuden 6000 Computer-Arbeitsplätze. Beinahe alle mit Internet-Anschluss und E-Mail. 30 000 Nutzer haben Zugang zu den Systemen. Dieses riesige "Gesamtkunstwerk" muss 24 Stunden am Tag, sieben Mal die Woche störungsfrei funktionieren.

Doch mehr als das: So organisierte das Rechenzentrum unlängst eine virtuelle Vorlesung, ein Zukunftsbereich. Ein Professor und seine Studenten saßen in Erlangen, der andere Lehrende mit seinen Studierenden in Berlin. Über Video- und Tonleitungen waren beide Gruppen verbunden. Sieht so das Lehrmodell der Zukunft aus? Multimedia kann die Lehre anschaulicher machen und Studenten interaktiv einbeziehen. "Das bringt eine neue Qualität", meint Schirmbacher. "Wir wollen den Schneeball ins Rollen bringen."

An der Medizinischen Fakultät Charité der Humboldt-Universität wurde, gefördert vom Bundesforschungsministerium, das Modellprojekt Meducase ins Leben gerufen. Zusammen mit Universitäten in ganz Deutschland sollen medizinische Lehrinhalte und Übungen multimedial aufbereitet werden. "Stellen Sie sich vor, der Student bekommt über den Bildschirm einen Patienten mit unbekannter Krankheit vorgestellt", sagt Privatdozent Ralf Schumann, Verantwortlicher für das Projekt an der Charité. "Nun kann er sich Röntgenbilder anschauen, Blutwerte anzeigen oder Herzgeräusche vorspielen lassen und so die Symptome abfragen, die schließlich zur Diagnose führen."

Das Projekt ist in den Reformstudiengang Medizin der Charité eingebettet. Hier erarbeiten sich Studierende - anders als im herkömmlichen Studium - ihr theoretisches Wissen an praktischen Fällen. Diese Art des Lernens macht auch mehr Spaß. "Der Student kann bei interessanten Fällen in den Büchern nachschlagen und sogar im Internet recherchieren", erläutert Schumann. "Danach kehrt er wieder zu seinem virtuellen Patienten zurück." Bei Multimedia in der Lehre stehen die Hochschulen noch am Anfang. "Das Rechenzentrum muss deshalb solche neuen Angebote aktiv in die Universität tragen", erläutert Schirmbacher.

Zurzeit experimentiert das Rechenzentrum auch mit einem drahtlosen Netzwerk. Beispielsweise in den Gebäuden der Informatik und der Mathematik sowie einigen Hörsälen im Hauptgebäude Unter den Linden können Nutzer mit ihrem Laptop per Funk das Universitätsnetz und so das Internet erreichen. Der Service ist auch für die Studierenden gedacht. Bald soll deshalb der Innenhof des Hauptgebäudes dazukommen. "Früher ging der Student während der Vorlesungspausen ins Café", sagt Peter Schirmbacher. "Heute geht er in die Sonne und dort ins Internet."

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