Zeitung Heute : Rechnen mit der großen Wolke

Sind PCs bald überflüssig?

Patricia Pätzold
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Foto: TU-Presse/DahlUlrich Dahl/Technische Universit

Büros voller Computertechnik in jedem kleinen und großen Unternehmen, Kabelsalat, verzweifelte Gesichter vor einem abgestürzten Computer – dem soll das „Cloud-Computing“ bald ein Ende setzen. „Das ist der jüngste Trend in der Informatik“, sagt Odej Kao, der an der TU Berlin das Fachgebiet „Komplexe und Verteilte IT-Systeme“ leitet. Die Idee dahinter ist so einfach, wie die Umsetzung ambitioniert ist: Ein großer Anbieter baut einen Verbund vieler Rechner mit einer großen Speicher- und Rechenkapazität auf. Wie eine riesige Wolke erscheint das Gebilde, an dem sich die vielen Nutzer beteiligen, weshalb es Experten „Cloud-Infrastruktur“ nennen.

Auf den Servern sind Anwendungsprogramme installiert zum Beispiel für die Bürokommunikation, aber auch teure Spezialsoftware, die in Industrie, Wissenschaft und Behörden gebraucht wird. Der Anbieter kümmert sich um die Wartung und garantiert die ständige Bereitschaft der Systeme. Der Anwender hingegen benötigt in seinem Büro nur noch einen Monitor, eine Tastatur und eine Verbindung zum Internet. Nach Bedarf kauft er Speicherplatz und Arbeitszeit mit einem der Spezialprogramme ein, der Zugriff auf die Software erfolgt über das Internet. „Braucht er den Platz und das Programm nicht mehr, zahlt er auch nicht mehr“, sagt Kao.

Im Prinzip funktioniert das Cloud-Computing wie die Versorgung mit Strom und Wasser. Nicht jeder hat sein eigenes Kraftwerk zuhause stehen, sondern kauft Strom und Wasser nach Bedarf von einem großen Anbieter. So soll zukünftig auch nicht mehr jeder seinen eigenen Rechner beziehungsweise Server unter seinem Schreibtisch stehen haben. Der Nutzer braucht keine Administratorenkenntnisse, keine Wartung, weniger Energie und weniger Platz.

Doch Cloud-Computing bietet noch mehr, gerade beim Management von großen Informationsmengen. „Umfangreiche Datenanalysen können auf Cloud-Infrastrukturen viel preiswerter gemacht werden“, sagt Volker Markl, Leiter des Fachgebiets „Datenbanksysteme und Informationsmanagement“ an der TU Berlin. Er nennt ein Beispiel: Was halten die Fernsehzuschauer von dem besprochenen Thema in der TV-Sendung oder von dem (Wahl-)Kandidaten? „Um das herauszufinden müssen die Suchmaschinen Daten aus vielen tausend Web- oder Blogger-Seiten erkennen, filtern und zusammenrechnen“, erläutert Markl. „Die Ergebnisse wären sehr wertvoll, etwa für Wahlprognosen.“

Kao und Markl entwickeln zusammen mit Johann-Christoph Freytag – Professor für Datenbanken und Informationssysteme von der Humboldt-Universität – eine Cloud-Infrastruktur für die schnelle Bearbeitung von komplexen Informationsanfragen. Dafür erhielten sie unlängst den Forschungs- und Innovationspreis der Firma Hewlett Packard, der mit 100 000 Euro dotiert ist. Patricia Pätzold

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