Zeitung Heute : Rechnen, Stricken, Kochen Über die Leidenschaften eines

ausgezeichneten Mathematikers

Rudolf Kellermann
Lehrer. Lange Zeit konnte sich der Mathematiker nicht entscheiden, ob er lieber in die Forschung
Lehrer. Lange Zeit konnte sich der Mathematiker nicht entscheiden, ob er lieber in die ForschungFoto: Ulrich Dahl/Technische Universit

„Ich wünsche mir eine bessere Kooperation mit anderen Wissenschaftsgebieten“, sagt der Mathematiker Volker Mehrmann. Die hohe Spezialisierung der Wissenschaft habe dazu geführt, dass es wenig Kommunikation zwischen den einzelnen Bereichen gibt. Viele Probleme in der Hochtechnologie könnten seiner Meinung nach mit Hilfe der Mathematik viel schneller gelöst werden. „Aber die Anwender und die Mathematiker haben oft keine gemeinsame Sprache. Das möchte ich überwinden“, sagt der TU-Professor und ist überzeugt, dass ihm der Gewinn des „ERC Grant“, der höchst dotierten europäischen Forschungsförderung, hier große Möglichkeiten bietet.

Mit den fast zwei Millionen Euro will er gemeinsam mit Mechanikern, Elektro- und Verfahrenstechnikern sowie Informatikern die mathematische „Modellierung, Simulation und Regelung von Multi-Physik-Systemen“ neu gestalten. In vielen mechanischen, elektronischen oder auch chemischen Systemen wird heute mit Hilfe des Rechners modelliert und auf der Basis dieser Modelle optimiert. Diese Vorgehensweise hilft unter anderem, teure Experimente zu vermeiden.

Nicht nur durch den Gewinn des ERC Grant gehört der 56-Jährige zu Europas Spitzenwissenschaftlern und den besten Drittmitteleinwerbern der TU Berlin. Und das, obwohl er eigentlich gar nicht Forscher werden wollte: „Ich hatte meine Zukunft immer als Mathematiklehrer gesehen. Schließlich bin ich ja auch Lehrer geworden, halt an einer Universität und nicht an der Schule.“ Die Lehre ist für ihn ein zentraler Punkt seiner Arbeit. „Ohne Vorlesungen und Seminare sowie die Arbeit mit Studierenden und Doktoranden würde mir auch die Forschung weniger Spaß machen“, sagt er.

Lange Zeit konnte sich Mehrmann nicht zwischen den beiden Berufswegen entscheiden. Also machte er in Bielefeld nicht nur das Diplom in Mathematik, sondern legte auch das Staatsexamen ab. „Der Grund dafür, dass ich zunächst ein Diplom machte, war mein damaliger Professor; er lehnte es ab, mir ein Thema für eine Examensarbeit in der Numerischen Mathematik zu geben.“ Ein entscheidender Schritt für den jungen Mathematiker in Richtung Wissenschaft war sein erster Aufenthalt in den USA, wo er ein Jahr an der Kent State University verbrachte und viele neue Impulse erhielt. Dort wandelte er sich vom theoretisch orientierten zum anwendungsorientierten Mathematiker.

„Auch wenn zu meiner heutigen Forschung zum Beispiel Untersuchungen zur optimalen Regelung von Tropfengrößenverteilungen in gerührten flüssigen Systemen gehören, ist die theoretische Grundlagenforschung für mich weiterhin eine wichtige Voraussetzung“, sagt Mehrmann.

Obwohl er lieber an die Universität Dortmund zum Studium gegangen wäre, musste er sich der zentralen Vergabestelle beugen und in seiner Heimat Bielefeld bleiben. Mehrmann erzählt, dass er immer gerne in kleineren Städten war. „Vor Berlin hätte ich damals Angst gehabt.“ Noch heute hat er eine enge Beziehung zur Stadt Bielefeld, der ältere seiner beiden Söhne studiert dort Mathematik und ist treuer Fan der Arminia, deren Trainer Ewald Lienen Mehrmann noch vom gemeinsamen Studium kennt. Auf Duelle zwischen Berlin und Bielefeld angesprochen, meint er mit einem Augenzwinkern: „Zwei Niederlagen pro Saison könnte Hertha ja wohl verschmerzen.“

Mehrmann hat jedoch nicht Fußball, sondern Handball gespielt und in dieser Sportart auch Jugendmannschaften trainiert. „Bis die Knie nicht mehr mitmachten“, sagt er heute. Er ist dem Handball aber noch so zugetan, dass er die diesjährige Weltmeisterschaft im Fernsehen kaum verfolgen konnte. „Das hätten meine Nerven nicht überstanden“, behauptet er.

Zur Nervenberuhigung allerdings hat er ein geeignetes Mittel gefunden: „Ich stricke und koche leidenschaftlich gerne, dabei kann ich wunderbar entspannen.“ Wobei er seine Kochkünste nicht ganz freiwillig erwarb, denn als Vegetarier habe man es manchmal schwer. Da sei es das Einfachste, selbst zu kochen, sagt Mehrmann.

Viel Zeit bleibt ihm dafür aber nicht, denn der Wissenschaftler ist auch Sprecher des DFG-Forschungszentrums Matheon „Mathematik für Schlüsseltechnologien“, seit diesem Jahr Präsident der Gesellschaft für Angewandte Mathematik und Mechanik und im Vorstand der Europäischen Mathematischen Gesellschaft. „Das sind alles Posten, bei denen ich etwas verändern, wichtige Probleme lösen, die Mathematik populärer machen oder auch verkrustete Strukturen aufbrechen kann“, sagt Mehrmann. Rudolf Kellermann

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