Zeitung Heute : Rechnen üben

Susanne Kippenberger

Wie eine West-Berlinerin die Stadt erleben kann

Wie fast alle echten Berliner bin ich ja eine Zugereiste. Macht aber nichts, hat mir der „Spiegel“ bestätigt, anders als in Hamburg muss man hier nicht sieben Generationen warten, um endlich zu Hause zu sein. Das stand gerade in der Titelgeschichte des Magazins über das „Comeback einer Weltstadt“, an der 16 Journalisten mitgeschrieben haben. Wenn ich mich beim Zählen nicht verrechnet habe. Was durchaus möglich ist, denn unsere Mathelehrerin Frau Bender hat es in ihrem strammen BDM-Outfit und -Gehabe geschafft, uns jegliche Lust an Zahlen gründlich auszutreiben. Überhaupt war der Unterricht an unserem Essener Mädchengymnasium von verklemmter Fantasielosigkeit bestimmt. Wenn er denn überhaupt stattfand: Der naturwissenschaftliche Unterricht fiel fast komplett aus. So viel zum Thema früher war alles besser. Einziger Lichtblick war Frau Ulitz, unsere Deutschlehrerin, die mit einer solchen Begeisterung Literatur unterrichtete, dass sie uns alle angesteckt hat. Um ihr das mal zu schreiben, bin ich auf die Website der Viktoriaschule gegangen, und traute meinen Augen nicht: Aus dem düsteren alten Kasten war „ein Schulgebäude mit Flair“ geworden, das seine Schüler nicht mehr unterdrückt, sondern umwirbt, unter anderem mit Fotos vom Hausmeister, der Haare hat so lang wie die seiner Frau. Bei uns flog die Kunstlehrerin noch von der Schule, weil sie keinen BH trug.

Also noch mal von vorne: 16 „Spiegel“-Autoren haben sich zusammengetan, um mir zu sagen, was ich längst weiß, dass Berlin die entspannteste Metropole der Welt ist, und was ich noch nicht wusste: dass ich Schultheiss-Berlinerin bin. Das sind, nach „Spiegel“-Rechnung, alle, die nicht in Mitte, Kreuzberg, Prenzlauer Berg oder Friedrichshain wohnen und demnach Bionaden- und Latte-macchiato-Berliner sind. Aber vielleicht hatten die Kollegen ja auch bei Frau Bender Matheunterricht. Diesen Artikel habe ich auf jeden Fall eigenhändig und ganz alleine geschrieben. Frau Ulitz sei Dank.

Berlin, so der „Spiegel“, ist „ein Gemütszustand“. Gehen Sie raus und fühlen Sie!

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