Zeitung Heute : Rechnung nur bei Erfolg

Insa Lüdtke

Ohne die richtigen Kniffe und ein starkes Selbstbewusstsein kann man sich heute kaum mehr aus der Schar der Stellensucher hervortun. Auf dem Markt tummeln sich deshalb immer mehr professionelle Anbieter für Karriereberatung. Sie werben mit ihren Diensten um Hochschulabsolventen, Jobwechsler, Führungskräfte und manchmal auch um Schulabgänger. In Gruppenseminaren und in persönlichen Einzelberatungen soll man mit ihrer Hilfe den nächsten Karrieresprung gezielt vorbereiten. Ein Tagesseminar oder 60 Minuten Einzelcoaching kann da schon mal mit mehreren hundert Mark zu Buche schlagen. Wer sich aber in der aktuellen Arbeitslosenstatistik von 9,2 Prozent in Deutschland und sogar über 16 Prozent in Berlin wiederfindet, für den wird der gute Rat für den Wiedereinstieg meist zu teuer.

Dieses Problem hat jetzt einer der Jobberater erkannt und dreht den Spieß um. Er geht in Vorleistung. Mit der "Aktion Arbeitsplatz" ist am 1. September das seit zehn Jahren in Berlin ansässige "Büro für Berufsstrategie Hesse / Schrader" auf den Markt gegangen. Nur wer schließlich einen Arbeitsvertrag unterschreibt, muss die Gebühr von 3000 Mark zahlen - heißt es in der Eigenwerbung. Über einen Zeitraum von neun Monaten können Arbeitslose in vier Seminaren und fünf Einzelcoachingterminen auf den Neustart ins Berufsleben zusteuern.

Vorab wird ausgesiebt

Die Seminare sollen die persönliche Orientierung, Bewerbungsstrategien und die konkrete Vorbereitung auf das Vorstellungsgespräch umfassen. Aber auch wer erst Monate nach der Betreuung durch den Jobberater eine Stelle findet, muss die im Vertrag vereinbarten Gebühren bezahlen. Doch vor diesem "großzügigen" Angebot muss sich der Interessierte wie für einen richtigen Job auch hier bewerben. Wie in einem klassischen Vorstellungsgespräch muss der Bewerber den Jobberater wie einen zukünftigen Arbeitgeber von sich überzeugen. "Wir suchen Leute ohne Scheuklappen", betont der Diplom-Psychologe Jürgen Hesse. Die Wunschkandidaten müssten hochmotiviert und außerdem örtlich flexibel sein. Wer dagegen überzogene Gehaltsvorstellungen hat oder beispielsweise lokal gebunden ist, hat auch hier keine Chance.

Die Auslese ist also groß. In den ersten vier Wochen haben sich schon rund 65 Interessenten gemeldet. Nur zehn können aber bisher am Programm teilnehmen. Von seinen Auserwählten ist der Ideengeber überzeugt. Für den Fall, dass ein Teilnehmer früher aussteigt und das Büro nach bereits erbrachter Leistung womöglich leer ausgeht, ist man laut Auskunft des Anbieters gar nicht vorbereitet. "Wir glauben an die Teilnehmer", verspricht Hesse euphorisch, "eigentlich dürfte man hier gar keinen Vertrag machen." Hesse spricht nämlich von einer Erfolgsquote mit Arbeitsvertrag von 96 Prozent: "Aber das glaubt uns ja niemand."

Zwei Drittel der Kandidaten sind Frauen

In der Pressemitteilung spricht man lieber von 80 Prozent. Bisher haben sich allerdings zum Erstaunen des Anbieters nur Akademiker beworben. Willkommen seien nämlich auch Interessenten etwa aus dem Handwerk und dem Handel. Offensichtlich fühlte sich diese Zielgruppe aber unter der Internetadresse www.berufsstrategie.de nicht angesprochen. Der Bewerberkreis besteht zu zwei Dritteln aus Frauen. Der Altersdurchschnitt liegt allgemein bei 40 Jahren. Die meisten Teilnehmerinnen können auf eine "Flickenteppichkarriere" zurückblicken und haben bereits eine Odyssee an ABM-Stellen wie auch einen vergeblichen Bewerbungsmarathon in eigener Regie hinter sich.

Gabi Rot (Name geändert) gibt mit 50 Jahren den Wunsch nach einer festen Stelle noch nicht auf. In den zurückliegenden neun Monaten hat sie auf eigene Faust über 30 Bewerbungen auf Stellen im ganzen Bundesgebiet verschickt. Auf eine Einladung zu einem Vorstellungsgespräch wartet sie noch heute vergeblich. Die studierte Geologin: "Ich erwarte mir von der Unterstützung durch dieses Angebot besonders, mein Profil noch weiter zu klären." Sie sucht nämlich eher eine Stelle im Bereich der Ökologie. Ende August 2002 läuft der Vertrag ihrer ABM-Stelle aus, bis dahin soll es klappen.

Ihre Freundin Birgit Wagner (Name geändert) dagegen will jetzt zügig ihre Bewerbung auf den neuesten Stand bringen. "Dann werde ich eine nach der anderen rausschicken," sagt die Biologin. Die 47-Jährige hofft auf eine Stelle im nächsten Frühjahr. Trotzdem fühlt sie sich durch das neunmonatige Programm aber nicht unter Druck. Das Angebot begreifen beide eher als Ansporn im Hinblick auf die Motivation.

Kompetenzkonto

"Wir versuchen es gemeinsam", verspricht Hesse. Er stellt aber klar: "Wir können auch nicht zaubern." Denn letztlich sei es nämlich nur Hilfe zur Selbsthilfe - zum Beispiel mit einem so genannten Kompetenzkonto. Der Seminarteilnehmer erkennt damit etwa seine persönlichen Fähigkeiten, die stolz und Spass machen. Der Arbeitssuchende kann so aus der Nachfrageperspektive heraustreten und stattdessen seine persönlichen Fähigkeiten zu Markte tragen. "Doch wir sind keine Therapeuten", warnt Albert Blomert vor falschen Hoffnungen. Er führt als Coach die Einzelberatungen durch. Denn oft ist die Frustration der Arbeitslosen und mangelndes Selbstbewusstsein die größte Hürde, die vor der Unterschrift eines Arbeitsvertrages steht.

Ähnliche Erfahrungen hat auch Edith Schütte gemacht. Die promovierte Psychologin arbeitet als selbstständiger Coach und Autorin. Meist verhindere gar nicht die Außenwelt eine Veränderung, oft stünden gerade Frauen sich selbst im Weg. In ihrem aktuellen Buch "Karriereplanung für Frauen" geht es besonders um die Auflösung der Blockaden im Kopf.

Sabine Hertwig vom Berliner Büro "Beruf und Konzept" begrüßt grundsätzlich die "Aktion Arbeitsplatz" ihres Mitbewerbers. Da das finanzielle Risiko ganz beim Anbieter liegt, findet sie es auch fair gegenüber der Zielgruppe der Arbeitslosen. So lastet der Erfolgsdruck nicht auf dem Teilnehmer. Skeptisch beurteilt Hertwig die vorgesehene Zeitspanne von einem dreiviertel Jahr. Nach ihren Erfahrungen gestaltet sich der Jobeinstieg um so effizienter, je straffer die Bewerbungsvorbereitungen ablaufen. "Selten brauche ich mit meinen Klienten mehr als fünf Stunden," sagt Hertwig. Hesse formuliert dagegen das Bild, man müsse mit einer Bewerbung schließlich schwanger gehen. Es sei harte emotionale Arbeit. Hertwig gibt auch zu bedenken, dass Motivation sehr wohl mit Geld zu tun habe. Es bestehe die Gefahr, dass der Einzelne die Termine schleifen lässt, wenn er für eine einzelne Stunde nicht wie andere 250 Mark investieren muss.

Engagement der Arbeitgeber

"Das ist auch ein Problem für uns", sagt Cordula Schaub von der Stuttgarter Firma Coachacademy. Mehrere Unternehmen aus der freien Wirtschaft sponsorn hier Kurse etwa zum Thema Zeitmanagement, Kommunikations- sowie Führungstechnik für Hochschulabsolventen und junge Berufstätige. Die Betriebe wollen trotz der eventuellen Motivationsbremse den fehlenden Praxisbezug der zukünftigen Führungselite aus eigenem Interesse ausgleichen.

Die Wirtschaft zahlt aber auch für die Verlierer der modernen Arbeitswelt. Unternehmen händigen heute ihren Mitarbeitern bei Stellenabbau mit der Kündigung oft auch gleich das Angebot einer so genannten Outplacement-Firma aus. Sie bietet Erwerbslosen Kurse für den Wiedereinstieg an. Von drei Monaten bis sogar auf unbegrenzte Zeit kann der Arbeitgeber diese Leistung finanzieren. So lange das schlechte Gewissen gegenüber dem Arbeitslosen in den Köpfen der Vorgesetzten nagt.

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