Recht : Fouls im Fitnessraum

Wer einen Vertrag beim Fitnessstudio abschließt, ist gebunden – oftmals sogar nach dem Umzug. Welche Rechte Verbraucher haben.

Angelika Friedl

Sechs Jahre lang hatte Frauke W. (Name geändert) ihrem Fitnessstudio in Tegel die Treue gehalten. Zwei Mal wöchentlich trainierte sie dort, der Club war von ihrer Wohnung aus bequem zu Fuß zu erreichen. Dann aber zog W. mit der Familie an das andere Ende von Berlin, in das neue Häuschen nach Britz. Sie kündigte zum Monatsende, obwohl der Vertrag noch acht Monate gelten sollte. Das Training sei zeitlich nicht mehr zu schaffen, schrieb sie im Kündigungsschreiben. Über eine Stunde brauche sie für die 28 Kilometer zwischen dem Studio und ihrem neuen Haus. Aber wie Frauke W. befürchtet hatte, wurde ihre außerordentliche Kündigung nicht akzeptiert. Das Studio deutete das Schreiben in eine ordentliche Kündigung zum Vertragsende um. Und forderte gleich die acht Monatsbeiträge.

„Streitigkeiten um das Recht zur außerordentlichen oder fristlosen Kündigung sind ein häufiges Problem bei Fitness-Verträgen“, erläutert die Rechtsanwältin und Mediatorin Ulrike Hinrichs aus Schöneberg. Mitglieder wollen den Vertrag vorzeitig beenden, weil die neue Wohnung weit entfernt von der Trainingsstätte liegt. Oder weil sie zu krank sind, um weiter Hanteln stemmen zu können. „Grundsätzlich müssen bei der Kündigung eines Vertrages juristisch schwerwiegende Gründe vorliegen“, sagt Rechtsanwältin Hinrichs. Das trifft dann zu, wenn es dem Mitglied nicht mehr zugemutet werden kann, den Vertrag fortzuführen. Über den schwammigen Begriff Unzumutbarkeit lässt sich jedoch trefflich streiten.

Immerhin, bei Krankheit ist sich die Rechtsprechung ziemlich einig. Wer sie als Kündigungsgrund ins Feld führt, muss dauerhaft nicht mehr in der Lage sein, Sport treiben zu können. Das sollte der Kunde auch nachweisen. Am besten mit einem ärztlichen Attest, in dem klar und deutlich die Sportunfähigkeit bestätigt wird. „Ein gebrochener Daumen reicht keinesfalls aus“, sagt Ulrike Hinrichs. In einem solchen Fall lasse sich höchstens die sogenannte Ruhestellung des Vertrages erreichen. Auch darüber gibt es Streit: Sollte der Kunde für die Zeit seiner Erkrankung die Beiträge zurückfordern, stimmen viele Fitness-Center zwar zu, verlängern aber kurzerhand die Laufzeit des Vertrages um die ausgesparten Monate, die dann bezahlt werden sollen.

Streitigkeiten um das Recht, einen Fitness-Vertrag wegen Umzugs kündigen zu dürfen, landen häufig vor dem Richterstuhl. Bei einem großen Umzug, wie zum Beispiel von Berlin nach Hamburg, bejaht die Rechtsprechung zwar das Kündigungsrecht. Sehr strittig sind jedoch insbesondere Distanzen von 20 bis 50 Kilometer. So wie bei Frauke W. „Wir haben das Problem, dass es hier sehr viele ganz unterschiedliche Urteile von Amtsgerichten gibt“, erklärt Hinrichs.

Als nun W. die Mitgliedsbeiträge nicht mehr weiter zahlte, verklagte das Fitnessstudio sie vor dem Amtsgericht Neukölln. Rechtsanwältin Hinrichs wehrte sich mit dem Argument der Unzumutbarkeit. Man könne von ihrer Mandantin nicht verlangen, eine Stunde und länger mit der S-Bahn bis nach Tegel und wieder zurück zu fahren. W. besitze kein Auto, mit dem sie auf der Stadtautobahn – freie Fahrt vorausgesetzt – den Fitnessclub in einer halben Stunde erreichen könne. Die klagende Fitness-Kette wiederum behauptete, die Strecke sei sehr wohl zumutbar. Außerdem könne W. doch das nur einige Kilometer von der neuen Wohnung entfernte Fitnessstudio Neukölln aufsuchen, dass von ihr betrieben werde.

„In der mündlichen Verhandlung vor dem Amtsgericht stand es sozusagen Spitz auf Knopf“, sagt die Schöneberger Anwältin. Aber letztlich habe der Richter Frauke W. Recht gegeben und die Klage abgewiesen. Auch der Verweis auf das näher gelegene Studio hat der Klägerin nicht geholfen, denn zum Glück für W. war sie vertraglich nur an das Fitness-Center in Tegel gebunden und nicht an das ganze Unternehmen.

Doch nicht nur im Falle einer vorzeitigen Kündigung sollten sich Verbraucher mit dem Kleingedruckten im Fitness-Vertrag beschäftigen: Manche Clubs schreiben in die Verträge den Passus ein, dass „das Mitbringen eigener Getränke verboten“ sei. Solche Pauschalverbote seien jedoch unzulässig, nur Getränke in Glasflaschen dürfen nicht mitgebracht werden. Auf jeden Fall sollte man sich noch vor der Unterzeichnung die sogenannten Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) genau durchlesen, empfiehlt Rechtsanwältin Ulrike Hinrichs.

Zum Beispiel steht in manchen AGB, eine Kündigung sei nur per Einschreiben möglich. Das ist unzulässig, weil eine solche Regelung dann strenger ist, als es das Gesetz selbst vorschreibt. Verträge, die länger als ein Jahr laufen sollen, sind ebenfalls unwirksam. Wird ein Vertrag jedoch nicht rechtzeitig zum Vertragsende gekündigt, kann er sich automatisch verlängern. Bis zu sechs Monate hat der Bundesgerichtshof als wirksam angesehen, aber auch Vertragsverlängerungen bis zu einem Jahr werden von den meisten Gerichten noch als gültig betrachtet. Wenn einem Teile des Vertragswerkes missfallen, kann man auch Passagen streichen oder Änderungen hinzufügen. Der Kunde verhandelt dann quasi den Vertrag neu. Ist das Fitnessstudio damit nicht einverstanden, sollte man sich schnell nach einem anderen Studio umsehen.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar