Zeitung Heute : Recht ohne Gerechtigkeit: Die zwei Seiten einer Medaille - Ein Nutzer und ein Eigentümer von Datschen

Ralf Schönball Nicole Schneider

Fernab von der Bundesstraße 96 führen Sandwege durch das Thüringerviertel von Oranienburg. Rechts und links stehen alte und auch einige neue Häuser. Dazwischen gibt es Grundstücke, die mit einem kleinen Wochenendhaus bebaut sind. Ein solches Grundstück nutzt Familie Müller (Name geändert). Ein schmaler Weg schlängelt sich durch den Vorgarten. Eine alte Akazie breitet ihr Blätterdach aus. Zum Vorschein kommt ein kleines gelbes Häuschen. Wir nehmen an einem kleinen Tisch Platz und lassen die Blicke schweifen. Auf dem Rasen steht eine Schaukel, auf dem kleinen Teich blühen weiße Seerosen. "Es sah hier nicht immer so aus, wir haben verwildertes Bauland urbar gemacht", sagt Müller.

Rückblick, 1973. Auf dem Grundstück lagerte Müll, Akazien und Sträucher wucherten, und ein Nachbar züchtete Bienen. Die Eigentümer hatten die DDR 1951 verlassen. Seither lagen die 800 Quadratmeter brach. Eigentlich ist es viel zu groß, dachte Müller, aber er nahm es dennoch: Erholungsgrundsücke wiesen Behörden zu, wer nicht wollte, konnte sehen, wo er bleibt. Und die Müllers lebten zu fünft in einem Zehngeschosser in Hellersdorf: mit drei Kindern auf 65 Quadratmetern. "Das Wochenende, wenn wir auf das Grundstück fuhren, war ein kleiner Urlaub", so die 62-jährige Mutter.

Drei Jahre nach der "Zuteilung" stand ein Häuschen da. Einen Fertigteilbungalow konnten sie sich nicht leisten. Deshalb entstand das Haus Stück für Stück. "Die Steine karrten wir aus Berlin heran", sagt Müller, und er klopft auf die Fensterbank des Wohnzimmers. Damals sprengten die Behörden in der Hauptstadt der DDR viele Altbauten. Erfuhren die Müllers davon, dann sammelten sie in Nacht-und-Nebel-Aktionen Steine aus dem Schutt auf. Frau und Kinder klopften sie auf dem Grundstück zu brauchbarem Baumaterial. Daraus entstand ein 36 Quadratmeter großes Gartenhäuschen mit drei kleinen Zimmern: eins für die Kinder, ein Wohnzimmer mit Schlafstätte für die Eltern und eine bescheidene Küche - sogar mit Abfluss. Wasser pumpte die Familie hinterm Haus, und es gab einen Anbau mit Waschbecken und Toilette: das Badezimmer.

"Klein und einfach, nichts komfortables, aber es reichte aus", sagt Müller. Heute ist das Ehepaar im Ruhestand und verbringt nicht nur die Wochenenden auf dem Grundstück. Aus der Wohnung in Hellersdorf sind sie ausgezogen. Jetzt leben sie in Bernau. "Dort sind wir schnell im Grünen. Eine gute Verbindung mit der S-Bahn nach Berlin haben wir außerdem", sagt Müller. Und das Gartengrundstück in Oranienburg? Der 66-jährige atmet schwer. Die Kinder zogen ihrer eigenen Wege. Zwei wohnen 700 Kilometer entfernt im Rhein-Ruhr-Gebiet. "Und wir stoßen nun an unsere körperlichen Grenzen. Wir schaffen es nicht mehr 800 Quadratmeter zu bewirtschaften." Außerdem müsse man als Rentner genau rechnen.

"Wir zahlen zweimal Miete, monatlich für die Wohnung in Bernau und jährlich Pacht für das Grundstück", sagt Müller. Zweimal Nebenkosten für Müllabfuhr, Abwasser und Schornsteinfeger kommen hinzu. "Wir gehören nicht zu den einkommensstarken Rentnern, dass wir uns das leisten können", sagt er nun plötzlich aufgebracht. Deshalb würden die Eheleute das Grundstück gerne aufgeben und dem Eigentümer zurückgeben - doch der will nicht.

Die erste Begegnung war ein einschneidendes Erlebnis. Kurz nach der Wende 1990 fuhr ein Auto vor. Vier Herrschaften stiegen aus. Einer von ihnen rief über den Gartenzaun: "Wissen Sie eigentlich, dass dies unser Grundstück ist." Herr Müller war überrascht, ja, er wisse, dass ihm das Grundstück nicht gehöre. Darauf schmetterte man ihm die nächste Frage entgegen: "Und wie kommen Sie dazu, auf Grund und Boden, der Ihnen nicht gehört, zu bauen?" Er habe eine Baugenehmigung für das Haus, antwortete Müller und bat die Herrschaften herein. "Die Rechtsakte eine Unrechtsstaates ist selber auch Unrecht. Wir regeln alles weitere über den Anwalt", schallte es über den Gartenzaun zurück. Wer diese Personen waren, das hat Müller bis heute nicht erfahren.

Seither verkehre er mit einem Grundstücksverwalter schriftlich. Der beschränke sich darauf, jährlich die Pacht zu erhöhen. Heute zahle die Familie 1,80 Mark pro Quadratmeter für das Grundstück, 1440 Mark im Jahr. Das liege im ortsüblichen Schnitt. Doch nun fordere der Verwalter 2,40 Mark. Das zahle er nicht, solange man ihm nicht nachweise, dass die Erhöhung örtlich angemessen ist. "Ich gehöre nicht zur Fraktion der Nutzer, die damit droht, sich am Birnenbaum zu erhängen, wenn der Eigentümer das Grundstück betritt", sagt Müller. Er suche nach einem Interessenausgleich, will dabei aber nicht auch noch draufzahlen. Müller schildert seine Lage und streicht mit der rechten Hand die Tischdecke glatt. Der studierte Jurist kennt sich aus mit Gesetzen. Die Regelungen sehen bei einer Kündigung des Pachtvertrages durch den Nutzer eine Beteiligung von 50 Prozent an den Abrisskosten vor. Dass er für die "Wertschöpfung" zahlen soll, das verstößt gegen sein Rechtsempfinden. Der Eigentümer aber kündigt ihm nicht, da er in diesem Fall dem Nutzer eine Entschädigung für Haus und Pflanzen zahlen müsste. So versucht der Verwalter durch stetig steigende Pachten die Familie vom Grundstück zu drängen.

"Hier bindet der Gesetzgeber zwei aneinander, die nicht zusammen in den Ring gestiegen sind", sagt Müller. Er verstehe die Regierung nicht, die behaupte, es gebe keinen Handlungsbedarf, es bedürfe keines Interessenausgleichs. Aus einer ehrenamtlichen Beratertätigkeit weiß Müller, dass viele andere Nutzungsverhältnisse vor ähnlichen Problemen stehen. "Es muss eine Regelung auch für solche Fälle geben", sagt er. Herr Müller blickt zu seiner Frau, dann in seinen Garten. Es scheint alles so friedlich. Nur das Zwitschern der Vögel ist zu hören. Der Schein trügt. -

In der Laubenpieperkolonie nahe Tegel ist der Rasen grün, die Blumen stehen in Blüte, und die kleinen Häuser sind frisch getünscht. Die Menschen grüßen im Vorbeigehen. Heile Welt. Von außen. Zwei Stunden später, nach einem Besuch von Dora und Karl-Heinz Struwe, taumle ich zurück zum Auto. Wie viel Leiden können Menschen ertragen. Krieg, Krankheit, Schicksalsschläge - und heute ein Leben in der Laube, weil die knappe Rente nicht für eine eigene Wohnung langt. Das einzige Erbe, eine Datsche in Rangsdorf, will der Nutzer nicht freigeben. "Dann könnten wir verkaufen und eine Wohnung mieten, die an ein Pflegeheim grenzt". Ein paar Jahre würde das Geld reichen, "lange haben wir sowieso nicht mehr", sagt Dora Struwe. Eine kurze Geschichte über das Unglück.

Wenn Dora über ihr Leben erzählt, dann ist es immer auch der nahende Tod. Doch sie berichtet das ohne eine Träne in den Augen, so wie jemand vom Wetter erzählt - man nimmt die Tatsachen eben hin. Die Tatsachen: Osteoporose, Darmoperation, Halsschlagader zu 80 Prozent verstopft - 50-prozentige Behinderung. Ihr Mann: das rechte Bein amputiert, vier Bypassoperationen, eine am linken Bein, das nun von einer Wundrose geschwollen ist. Ein Pfleger kommt jeden Tag und wickelt das einzelne Bein. Das andere verlor Karl-Heinz Struwe mit 18 Jahren im Krieg. "Man findet sich damit ab", sagt er. Der mutige Mann. Und wenn seiner Frau, während sie vom Kampf ums Familieneigentum erzählt, Zahlen und Fakten durcheinander geraten, dann macht sie ihm das zum Vorwurf; aber er besänftigt sie nur ruhig. Als ich ihn wegen seines Gleichmuts anlächle, da zwinkert er mir verschmitzt zu. Der gewitzte Mann.

Seit 35 Jahren sind die beiden Rentner nun schon verheiratet. Er trägt sie, sie stützt ihn. Für Dora Struwe ist es die zweite Ehe. Ihr erster Gatte nahm sich das Leben. "Er hatte eine chronische Kriegs-Verletzung", sagt sie. Und sie lässt durchklingen, dass weniger der Körper als der Geist verwundet war vom Grauen. So sehr, dass sich die Vergangenheit schließlich der Gegenwart bemächtigte - da war kein Platz mehr für irgendeine Zukunft. Das Leben nahm sich Jahre später auch "der Kleine", das vierte Kind. Er hatte einen Beruf erlernt und Arbeit gefunden, der Kleine, er hatte sich durchgesetzt, und dann... Wieviel Leid erträgt ein Mensch? Dem Kleinen folgte der zweite Sohn, aufgezehrt von innen, starb er an Krebs. Wie stark muss diese Mutter sein!

Für das Erholungsgrundstück in Rangsdorf, das Eigentum der Struwes, der Nutzer bietet ihnen 70 000 Mark dafür. Mehr dürfen die 1353 Quadratmeter im begehrten Süden Berlins nicht kosten. Den Wert des Baulandes beziffert ein Anwalt mit 270 600 Mark. Das schamlose Angebot wollten die Struwes dennoch annehmen. Nur eine Genehmigung an den Käufer, ihr Land unbegrenzt zu beleihen, mochten sie nicht geben. "Wir haben nicht eine Mark Schulden, Sie können Fragen, wo Sie wollen", sagt Dora Struwe. Sie will auch jetzt keine Schulden machen, nur damit der Käufer zahlen kann.

Hinzu kam dann noch die Sache mit dem Anwalt. Der habe bis heute nicht die Pacht abgerechnet. Über 3000 Mark stünden den Struwes zu. Laut Gesetz sei der Anwalt zur Abrechnung binnen drei Wochen verpflichtet. Das habe er bei der Anwaltskammer erfahren, sagt Struwe. Die stellte dann die Rechnung für die Auskunft: 400 Mark. Das geht von den 1400 Mark Rente runter. Der Kampf ums Eigentum ist teuer. Als Struwes säumiger Anwalt ihnen dann schrieb, er möchte den Kaufpreis aufs eigene Konto fließen sehen, da spitzte sich die Lage zu. Bei Grundstücksverkäufen sind Überweisungen der Kaufpreise auf ein "Notaranderkonto" üblich. Das überwacht ein unabhängiger Notar. Die Gebühren für den Notar muss der Käufer zahlen. Der war dazu auch bereit: Sein Entwurf für einen Kaufvertrag sah das so auch vor. Warum nun ausgerechnet "ihr" Anwalt jenem Käufer Kosten ersparen will, das verstehen die Struwes nicht. Sie trauen sich aber auch nicht, nach den Gründen zu fragen. "Der Rechtsanwalt ist auf einmal so abweisend," sagt KarlHeinz Struwe. Eine befreundete Nachbarin, die den Sruwes hilft, habe der Anwalt kurz angebunden abgefertigt.

Wie es nun weitergeht? Die Struwe wissen es nicht. Der Vater des Nutzers, ein NVAOffizier, hat das Grundstück bebaut. Das Haus der Großeltern, wo Karl-Heinz Struwe bis zum Krieg aufgewachsen ist, ging lange nach dem Krieg in Flammen auf. "Brandstiftung, teilte uns die Volkspolizei mit", sagt Struwe. Für ein neues Haus bekam der DDR-Offizier schnell eine Baugenehmigung. Das "Datschengesetz" ist in solchen Fällen dennoch eindeutig: Der Eigentümer kann dem Nutzer nur kündigen, wenn er selbst bauen will. Auf Bedürftigkeit nimmt das Gesetz keine Rücksicht. Derzeit nutzt der Sohn des NVA-Offiziers, ein junger Arzt, das Erholungsgrundstück. Er will es haben. Aber billig. Die Situation der Eigentümer interessiert ihn nicht. Er diktiert Bedingungen. Die behinderten Rentner zermürbt die Auseinandersetzung zusehends - "wegen der Krankheit, und wir wollen hier auch mal raus."

Raus kommen die beiden kaum mehr. Der Bezirk hat Karl-Heinz Struwe den Fahrdienst "Telebus" gestrichen. Obwohl er zu 100 Prozent behindert ist, und die Wundrose am verbliebenen Bein die jahrelang geübte Bewegung auf Krücken einschränkt. Die Laube in Tegel ist zwar im Sommer schön, doch im Winter müssen die beiden Kohle und Öl schleppen für die kleinen Öfen. Das ist beschwerlich, Jahr für Jahr mehr. "Brauchen Sie noch etwas? Ich gehe einkaufen", ruft eine Frau über den Gartenzaun und löst mich vom Bann dieser Geschichte. "Nein Danke", antwortet ihr Dora Struwe. Und dann, mir zugewandt: "Gott sein Dank ist die Nachbarschaftshilfe hier gut." Um den Garten kümmere sich der arbeitslose Nachbar. "Aber dem muss man auch etwas geben", sagt Dora Struwe. Die Mittel sind begrenzt.

Der Teufel, so heißt es, scheißt auf einen großen Haufen. Die feine Gesellschaft der Gut-Ausseher und Mehr-Verdiener stimmt in jeden Lobgesang ein, auf die Liberalisierung und die Kürzung der Sozialleistungen. Das Ganze gerät aus dem Blickfeld, zumindest das ganz Soziale. So stürzen einige, aus der Generation unserer Väter, ohne Schuld, ohne Ursache in den Abgrund. Doch sie klagen nicht. Die Struwes. Sie sind bescheiden. Am Ende werden sie auch überzeugt sein, dass sie selbst schuld sind, dass alles mit rechten Dingen zugeht. Das Unrecht.

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