Zeitung Heute : Recht statt Rache

Er hat zwölf KZs überlebt, dann hat er die Nazis gejagt – sein Leben lang. Jetzt ist Simon Wiesenthal gestorben

Thomas Lackmann

Monatelang hatte er in einer Partisanenwohnung in Lemberg gelebt, in einem Zwischenboden-Versteck. Obendrauf lag ein Teppich, stand ein Tisch. In diesem sargähnlichen Verließ hatte er begonnen, die Namen von SS-Offizieren aufzuschreiben, bei deren Verbrechen er Zeuge gewesen war. Dann wird im Nachbarhaus bei einer Schlägerei ein hoher Reichsbeamter verletzt. Bei der folgenden Razzia entdecken die Deutschen sein Versteck. Sie finden auch seine Zeichnungen. Von Geschützstellungen der Partisanen. Aus dem Ghetto. Aus Konzentrationslagern. Sie schlagen ihn zusammen und nehmen in mit, aufs Revier. Er denkt: Wenn sie mich foltern, könnte ich die Partisanen verraten. Selbstmord, denkt er.

Der berüchtigte Lemberger Judenreferent Oskar Waltke sagt ihm, er komme nun ins Gestapo-Hauptquartier. Simon Wiesenthal hat noch eine Rasierklinge. Er schneidet sich die Pulsadern auf. Er verliert fast drei Liter Blut und liegt fünf Wochen lang im Gefängniskrankenhaus. Waltke besucht ihn täglich. Er wartet auf die Gesundung des Patienten. Damit man sich „besser unterhalten“ könne. Wiesenthal schluckt Hunderte „Todespillen“ – die sich als Sacharin herausstellen. Er versucht, sich aufzuhängen, ist aber zu schwach, den Stuhl wegzustoßen. Die Rote Armee steht vor Lemberg. Er wird in das Lager zurückgebracht, aus dem er vor einigen Monaten erst entflohen war. Er rechnet sich keine Chance mehr aus und bittet den Kommandanten um die Erschießung. Der sagt: „Juden können sich nicht aussuchen, wann sie sterben dürfen.“

Im Sommer 1944 hat Simon Wiesenthal mehrmals versucht zu sterben. Keiner kann wissen, wann er stirbt, aber dass ausgerechnet er 96 werden würde, das hätte er damals nie angenommen.

Geboren wurde Simon Wiesenthal zu Silvester im Jahr 1908 im galizischen Schtetl Buczacz. Später studiert er in Lemberg und Prag Architektur. Nach dem deutschen Überfall auf die UdSSR wird er von ukrainischen Milizen verhaftet. Insgesamt wird der Häftling Wiesenthal zwölf Zwangsarbeits- und Konzentrationslager überleben. Dass er Ingenieur ist, hilft ihm. Für Adolf Kohlrautz, den Lagerleiter bei Lemberg, zeichnet er Pläne zum Ausbau der Eisenbahnanlagen. Kohlrautz und Wiesenthal werden sogar Freunde. Doch als er 1945 im KZ Mauthausen von den Amerikanern befreit wird, wiegt auch er nur noch 45 Kilo. Wenige Monate darauf, als er in Linz seine Frau Cyla wiederfindet, wird sich eine Szene abspielen, die Wiesenthal später so beschreibt: „Am ersten Abend habe ich Papier und Bleistift genommen, wir schauten uns gegenseitig an, und einer fragte den anderen: Wer lebt noch?“ Sie waren die Letzten ihrer Familien. 89 Verwandte – tot.

Überleben ist ein physischer und psychischer Kampf. Wiesenthal, der sich angesichts seiner Ängste und traumatischer Erinnerungen nicht umgebracht hat, konnte oder wollte vor den Verbrechen und ihren Folgen nicht kapitulieren. Stattdessen half er den Amerikanern, Nazi-Täter zu finden. 1947 gründet er in Linz ein Dokumentationszentrum zur Sammlung von Unterlagen über Juden und ihre Verfolger. Als der Kalte Krieg die Strafverfolgung aber ausbremst, übergibt er das Material resigniert an die Gedenkstätte Jad Vaschem in Israel und widmet sich erst einmal der Bildung von Flüchtlingen, die auswandern wollen. Aber sie hatte ihn schon gepackt, die Obsession – schon 1946, seit Adolf Eichmann: Wiesenthal hatte verhindert, dass der Genozid-Logistiker für tot erklärt wurde, womit dieser von der Fahndungsliste verschwunden wäre. Durch Kontakte mit Briefmarkensammlern findet er 1953 heraus, dass Eichmann in Argentinien lebt.

Als Eichmann, der Massenmörder, 1960 schließlich vom israelischen Geheimdienst verhaftet und 1961 in Jerusalem verurteilt wird, erhält Wiesenthals Anliegen neue Aufmerksamkeit. In Wien gründet er das „Dokumentationszentrum des Bundes Jüdischer Verfolgter des Naziregimes“. 6000 Fälle werden auf seine Hinweise hin untersucht, 1100 Täter vor Gericht gebracht. 1967 findet er in Brasilien den Kommandanten der Vernichtungslager Sobibor und Treblinka, Franz Stangl, verantwortlich für die Vergasung von 870000 Menschen. Wiesenthal gilt nun als „der Nazi-Jäger“ oder auch als „John Wayne der Juden“.

Simon Wiesenthal polarisiert bis heute in einer Nachkriegsgesellschaft, die den „Schlussstrich“ vorziehen würde. Man bewundert ihn – hasst ihn aber auch. Österreichs Kanzler Kreisky attackierte ihn in den 70er Jahren als „Nestbeschmutzer“, weil er die staatliche Karriere von Ex-Nazis torpedierte. Der Mossad spricht ihm Verdienste an der Verhaftung Eichmanns ab – ein Rivalitätsgeplänkel unter Nazijägern, aber Wiesenthals Ansehen leidet. Von jüdischer Seite und von deutschen Journalisten wird ihm in den 90er Jahren vorgeworfen, dass er – ausgerechnet er – den NS-Kollaborateur Kurt Waldheim im österreichischen Präsidentenwahlkampf verteidigt. Verschwörungstheoretiker behaupten außerdem, er sei Gestapo- und CIA-Informant gewesen.

Simon Wiesenthals Leben erinnert aber vor allem daran, dass nicht alle Juden wie Lämmer zur Schlachtbank gegangen sind. Sein Widerstand nach dem Holocaust war vor allem ein Widerstand gegen das Vergessen – aber nicht aus Rache; „Recht, nicht Rache“ heißt eines seiner Bücher. Jene Aufklärung, die sein Lebenswerk wurde, verfolgt die Täter des größten Menschheitsverbrechens. Dass kein Verbrechen ungesühnt bleiben darf und eine Anklage – wider die Rachedämonen – rational begründet werden muss, gehört zur Aufklärungsgeschichte des Abendlandes. Auch das hat Wiesenthal verteidigt. Gestern, so meldet das Simon-Wiesenthal-Zentrum in Los Angeles, ist er im Alter von 96 Jahren in seinem Haus in Wien gestorben. Friedlich.

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