Zeitung Heute : Rechte im Netz: Kampf gegen die Nazi-Spieler

In Computerspielen werden Juden vergast[läuf]

In Computerspielen werden Juden vergast, läuft die Jagd auf Schwarze. Kann man davon ausgehen, dass diese Spieler auch Rechtsextremisten sind?

Dazu gibt es keine genauen Untersuchungen. Solche Spiele haben aber natürlich auch immer den Charakter einer gezielten Provokation. Man kann sich damit gegenüber der Pädagogen- und Erwachsenenwelt abgrenzen. Die Spieler haben also nicht automatisch ein geschlossenes rechtsextremistisches Weltbild. Ein größeres Problem sehe ich in den rechtsextremistischen Spiele-Clans, die sich jetzt im Internet bilden. Diese Communities, in denen sich Gleichgesinnte treffen und in ihrem Weltbild bestärken, können so etwas wie Keimzellen für den organisierten Rechtsextremismus sein.

Haben Sie Kontakt zu solchen Spiele-Clans?

Ich habe verschiedene Anführer aus der rechtsextremistischen Spieleszene angeschrieben und Franz (Name von der Redaktion geändert) war der einzige, der mir geantwortet hat. Er ist der Anführer eines Spiele-Clans namens "Front Germania". Franz hat zwar eine klare, rechtsextreme politische Einstellung, aber nach seinen Aussagen hat sein Spiele-Clan nichts mit dem organisierten Rechtsextremismus zu tun.

Was kam bei den Gesprächen heraus?

Die Spieler nutzen das Internet auch als "Identitäts-Workshop" und probieren verschiedene Rollen aus. Dabei legen sich die Spieler neben rechtsextremistischen Identitäten auch andere Identitäten zu. Ich beobachte weiterhin, wie Franz sich in Spieleforen im Internet präsentiert. Da "Nazi-Spieler" von der Gamer-Community geschnitten oder offen bekämpft werden, verzichtet Franz inzwischen auf eindeutige Nazi-Symbolik und rechtsextreme Äußerungen. Einige Clan-Mitglieder haben rassistischen und nazistischen Parolen sogar abgeschworen, um wieder ins Spiel zu kommen.

Welche Entwicklung haben rechtsextremistische Spiele in den vergangenen Jahren genommen?

Zum einen gibt es die Nazispiele aus der Frühzeit der Computerspiele, wie C64 und Amiga, vor allem den "KZ-Manager". Das Spiel ist ein zynisches "Strategiespiel", in dem man sich vom KZ-Aufseher zum KZ-Manager hocharbeiten muss. Der Spieler hat jeweils zu entscheiden, ob er Juden ins Arbeitslager schickt oder sie im KZ vergasen lässt. Danach berechnet sich sein Erfolg in dem Spiel. Es gibt gerade eine ganz neue Version davon, die "KZ-Manager-Millennium-Version", in der es darum geht, Türken in ein Konzentrationslager in Hamburg zu bringen und zu vergasen. Die neueren Spiele sind Abwandlungen von kommerziellen Spielen, bei denen einzelne Levels mit rassistischen Inhalten gefüllt wurden. Das Bekannteste heißt "White-Power-Doom" und ist eine Variante des Ego-Shooters "Doom". In diesem abgewandelten Ego-Shooter geht es nicht mehr darum, Monster oder Mutanten zu jagen, sondern Schwarze und Juden zu töten.

Wie groß ist die Gefahr, im Netz mit solchen Spielen in Berührung zu kommen?

Wer sich ein bisschen in der Szene auskennt, findet die Spiele relativ schnell. Sie liegen auf normalen Webseiten und man kann sie sich dort ohne Probleme herunterladen. Es gibt keinen Passwortschutz oder versteckte Bereiche. Aber wer sich nicht auskennt und keine Eingangsadresse hat, muss schon sehr gezielt suchen. Viele deutsche Suchmaschinen geben sich Mühe, dass man solche Spiele nicht findet, aber in den USA ist man da wesentlich freizügiger.

Diese Freizügigkeit führt in Amerika aber auch zu vielen Problemen. Der Attentäter von Littleton, der 13 Mitschüler erschoss, hat mit einem Ego-Shooter trainiert. Schlägt virtuelle irgendwann in reale Gewalt um?

Eine direkte Verbindung gibt es mit Sicherheit nicht. Bei rechtsextremistischen Spielern besteht aber eine größere Gefahr: dass sie das Gewalthandeln, das sie im Spiel "trainiert" haben, auch in der Realität umsetzen. Während das Schießen in Baller-Spielen normalerweise eine sportliche Herausforderung darstellt, kommen im Bereich der Nazi-Games auch politische Motive ins Spiel. Die Tötungshemmung ist tendenziell herabgesetzt, weil die Figuren, auf die geschossen wird, in der rechtsextremen Gedankenwelt als "unwertes Leben" gelten. Auf einigen rechtsextremen Spiele-Sites wird das Töten von Andersdenkenden ausdrücklich zum Programm erhoben, wenn schon im Intro Schwarze erschossen oder reale Bilder von Massakern an Schwarzen präsentiert werden. Auf einigen Spiele-Sites gibt es zusätzlich auch Informationen über reale Waffen, zum Beispiel Anleitungen für den Bau von Briefbomben. Da verwischt dann die Grenze zwischen Virtualität und Realität. Der Täter von Littleton war ja ein fanatischer Doom-Spieler und sein Angriffsplan, der auf seiner Homepage stand, erinnert ziemlich stark an das Szenario aus dem Spiel.

Auch das US-Militär setzt solche "Ballerspiele" für die Ausbildung von Soldaten ein ...

Richtig, bei der US-Army gibt es eine Abteilung, die Computerspiele daraufhin testet, ob sie auch für die Ausbildungzwecke genutzt werden können. Vor einigen Jahren hat sie das so genannte "Marine-Doom" entwickelt, das Soldaten auf den Häuserkampf vorbereitet. Diese Tatsache zeigt, welches Potenzial in solchen Spielen steckt.

Was kann gegen die Verbreitung solcher Spiele getan werden?

Anbieter können dafür sorgen, dass das auf ihren Servern nicht gespeichert wird. Es gibt Keywords, die solche Spiele vermuten lassen, und nach denen man suchen kann. Wenn die Spiele von Deutschen auf einem deutschen Server zugänglich gemacht werden, kann man rechtlich dagegen vorgehen. Die Spiele sind indiziert und zum Teil auch bundesweit beschlagnahmt. In der Regel werden sie aber anonym über ausländische Hoster ins Netz gestellt. Wichtiger als die Provider sind deshalb hier die Nutzer des Internet, die sofort melden sollten, wenn sie auf menschenverachtende Spiele stoßen, zum Beispiel über die E-Mail-Adresse hotline@jugendschutz.net . Auch wenn Nazi-Spiele im Ausland liegen, kann man dagegen vorgehen, weil sie häufig die allgemeinen Geschäftsbedingungen der Provider verletzen, die rassistische Propaganda verbietet.

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