Zeitung Heute : Rechtsextreme Provider: New-Economy-Nazis

Burkhard Schröder

Jens Siefert, einer der bekanntesten Nazis Hamburg, ist Internet-Provider geworden. Seine Firma Netzpunkt (www.netzpunkt.net) in der Hamburger Eiffestrasse sitzt dort, wo Siefert seit längerer Zeit auch das so genannten Nationale Infotelefon Hamburg (NIT) betreibt. Die unverfängliche Website der New-Nazi-Economy verzichtet auf die in diesem Milieu übliche Tümelei. Das Internet heißt dort nicht "Weltnetz", und der potenzielle Kunde findet nur "Verweise" auf Software-Firmen und Computerzeitschriften. Es gibt sogar einen ganz undeutschen "Test-Shop".

Der Macintosh-Fan Siefert gehört zu einer braunen Seilschaft, die seit Jahren die neuen Medien für die ultrarechte Szene hoffähig macht. Der Rechtsextremist ist nach eigenen Angaben bereits seit Mitte 1995 online. 1998 war er Mitunterzeichner eines offenen Briefes an die Firma Apple "In Sorge um die Zukunft der Macintosh-Plattform in Deutschland". Heute ist er auf Linux umgestiegen und auch etwas flexibler, was seine Kundschaft angeht: "Jeder kann Programme, Webspace und Service bei mir kaufen, unabhängig von Religion, Hautfarbe, Abstammung, Weltanschauung oder sexueller Ausrichtung."

Auschwitz-Mythos

Jens Siefert ist der Spezialist für die Technik, insbesondere für die Nationalen Infotelefone. Bei diversen Schulungen durch das Landesarbeitsamt erwarb er sich auch die Kenntnisse, die man als brauner ISP braucht. André Goertz, einer seiner Vertrauten, organisiert die Inhalte des zur Zeit bedeutendsten rechten Portals seines NIZ-Verlages.

1995 standen Siefert und Goertz gemeinsam vor Gericht, weil ein Staatsanwalt meinte, der Begriff "Auschwitz-Mythos", der in der Nazi-Szene ironisch gebraucht wird, müsse strafrechtlich verfolgt werden. Thorsten Lemmer puscht mit seinem Vertrieb "Moderne Zeiten" und seinem Hochglanz-Musikmagazin Rocknord Nazi-Pop in den Mainstream.

Thorsten Lemmer ließ sich schon vor drei Jahren von Siefert den WWW-Auftritt gestalten. Damals hieß "Netzpunkt" allerdings noch "Skuld". Daher stammt eine von Sieferts früheren E-Mail-Adresse: skuld@nit.de. Einer der ersten Online-Auftritte der deutschen Nazi-Szene war das "Abendland"-Projekt, gefordert durch die braune Medien-Dreieinigkeit NIZ, "Moderne Zeiten" und "Rock Nord".

So schnell vergisst jemand wie Siefert seine einschlägige politische Sozialisation nicht. Sie führte ihn über die heute verbotene Freiheitliche Deutsche Arbeiterpartei zu den Jungen Nationaldemokraten, dann zu den "freien Kameradschaften". Seine Infotelefone forderten im Herbst 1993 die "Kameraden" bundesweit auf, gegen die politischen Gegner aktiv vorzugehen. Im "Einblick", einer Namensliste von Nazi-Gegnern mit Adressen, forderte die Anti-Antifa, den dort Genannten "unruhige Nächte" zu bereiten.

Die "Kameraden" der Medien-Seilschaft sind jedoch dem Stiefelfaschisten-Alter entwachsen. Mit Glatze und Skinhead-Proll-Manieren verschreckt man ja meistens doch nur die Kunden. Deswegen grenzen sich die Herren vornehm auch von "der Szene" ab. Man nennt sich schon "progressiver Nationalist". Das hindert Jens Siefert aber auch nicht daran, mit "der Szene" Geld zu verdienen: Er gestaltete beispielsweise die Website des "Club88" in Neumünster und des "Bündnis Rechts für Lübeck". Computerprogramme, sagt Jens Siefert, seien ja "weder rechts noch links".

Dass auch Nazis sich der ökonomischen Gesetze des Kapitalismus bedienen, ist nur für denjenigen verwunderlich, der meint, Rassisten und Antisemiten wären automatisch dumm und sähen dann auch so aus. Jens Sieferts Firma ist auch nicht die erste dieser Art, wie antifaschistische Rechercheure in der fido.ger.antifa vor einigen Wochen aufgeregt mitteilten.

Symptom, nicht Ursache

Schon Mitte der neunziger Jahre arbeiteten zwei Sysops des Nazi-Mailboxverbundes Thule-Netz in Computerfirmen, einer sogar als Chef. Die NPD lässt ihre Website von WoBo-Design in Bochum gestalten. Und die Warnung, die Nazis würden "Passwort-geschützte Infos, E-Mails und SMS-Mailketten" benutzten, klingt wie die übliche sinnfreie Verfassungsschutz-Lyrik zum Thema Internet. Nazis nutzen schon auch Telefonapparate.

New-Economy-Nazis ohne Glatze sind gut. Sie beweisen eins: Nazis sind nur ein Symptom, nicht die Ursache des Alltags-Rassismus. Und warum sollte die Beschäftigung mit professioneller Software davor schützen, politisch keinen Durchblick zu haben?

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