Zeitung Heute : Rechtsextremismus: Der deutsche Mann trinkt Weizenkorn

Frank Jansen Kurt Sagatz

Deutschland im Herbst. Die Welt blickt nach den Schreckensmeldungen über den angeblich rechtsradikal motivierten Mord an einem kleinen Jungen nach Sebnitz und die Online-Gemeinde ins Gästebuch der südsächsischen Kleinstadt, wo fortan in einem zeitgeschichtlichen, aber vergänglichen Dokument die deutsch-deutschen Ressentiments sich darin niederschlagen, den gesamten Osten als Hort des deutschen Rechtsradikalismus zu brandmarken. In beinahe faschistoider Manier wird von Links beleidigt und gedroht - bis schließlich nicht mehr abzustreiten ist, dass alles an jenem Junitag vor drei Jahren auch ganz anders abgelaufen sein könnte. Nun ist die Zeit gekommen für die Rechten, die bislang am virtuellen Pranger standen und mit ihrer Überzeugung keinen Fuß mehr an den Boden bekamen. Nicht jedoch die Überzeugungsversuche ihrer Agitprop-Funktionäre erzeugen Aufmerksamkeit, sondern vielmehr die versteckten Hinweise des Zweifels an dem bislang angenommenen Tathergang im Sebnitzer Schwimmbad. Kleine Meldungen von durchaus glaubwürdigen Quellen, im Netz gefunden und schnell als Meinungsbeitrag im Sebnitzer Internet-Gästebuch gepostet, rufen auf einmal zum Innehalten auf und nur die Häufigkeit, mit der diese Statements mit ein und derselben Internet-Adresse unterschrieben waren, macht stutzig.

Hinter der Adresse mit den drei Buchstaben NIT, kombiniert mit dem Zusatz "Blitz", verbirgt sich eine der im Netz weit verbreiteten Newsseiten mit Nachrichten, Archiv, Forum und Linkliste, wie sie es privat oder semiprofessionell betrieben Hunderte im deutschsprachigen Teil des World Wide Web gibt. Grafisch neutral in weiss mit blauen Navigationsleisten gehalten - ein scheinbar normaler Internet-Auftritt. Doch so unverdächtig, wie der "NIT-Blitz" mit seinen "Täglich nationalen Nachrichten" daherkommt, ist die Website der "Salonfaschisten", wie sie andernorts im Netz tituliert werden, beileibe nicht. Dieses 1993 eingerichtete "Nationale Infotelefon" (NIT) um den norddeutschen Rechtsextremisten André Goertz ist die logische Fortsetzung der Frey-Publikationen ("Nationalzeitung") ins Internet-Zeitalter und liefert der Szene das tägliche Abbild ihrer Weltsicht.

Wer ist dieser André Goertz? Auf einer Homepage mit Homestory unter dem Titel "Goertz indiskret..." erzählt der Neonazi im Telegrammstil, wofür er schwärmt. Als da wäre: "Farbe: schwarz", "Tier: Frosch", "Essen: Kartoffelsalat mit Würstchen", "Getränke: Warsteiner, Baileys, Frieda Hinrichs (Kirsch-Weizenkorn)", "Süßes: Alles Sorten Frucht- und Weingummi", "sammelt: Energydrinks und Bierseidel". Dazu ist die obere Hälfte von André Goertz abgebildet - ein Bierbauch mit weißem Hemd, dunkler Krawatte, schwarzen Hosenträgern, Schnäuzer, Brille und jovialem Grinsen. Die Homepage ist zurzeit allerdings unerreichbar.

Der 30-jährige Selbstdarsteller, "Konfession: praktizierend evangelisch-lutherisch", leitete Anfang der 90er Jahre den Hamburger Ableger der Neonazigruppe "Freiheitliche Deutsche Arbeiterpartei (FAP)", die der Bundesinnenminister 1995 verbot. Ein Jahr später brachte Goertz ein Strategiepapier mit der Überschrift "Der Bruch" in Umlauf. Darin wird eine "Ideologieguerilla" propagiert, die das Internet möglichst konspirativ nutzen soll. Die zahllosen unpolitischen User sollen aufgehetzt werden - ohne zu wissen, von wem. Über eine weitgehend anonyme Massenpropaganda der Umsturz vorbereitet.

Jenseits der braunen Primitiv-Propaganda und gerade noch im Rahmen der deutschen Gesetze operiert auch der Ex-Linke Horst Mahler, der die NPD demnächst im Verbotsprozess vor dem Bundesverfassungsgericht verteidigen soll, auf seiner Homepage. Mahler hat sich zu einem der wichtigsten Ideologen der Szene empor gearbeitet, in dem er einen Teil des pseudo-philosophischen Fundaments formuliert und den Mitgliedern durch das Aufstellen von Verschwörungstheorien Schein-Argumente mit verquerer Logik liefert. Was die "taz" nicht abdrucken will und auch in die Interviews mit der "Woche" nicht hineinpasst und von "Spiegel"-Chefredakteur Aust ignoriert wird, verbreitet Mahler über die dezent daherkommende Website - auf weitaus gefährlichere Art als über alle Sites von Gruppierungen wie der inzwischen verbotenen Skinhead-Bewegung "Blood & Honour".

Als Vorstufe der Internet-Aktivitäten deutscher Neonazis gelten die Mailbox-Verbünde, über die ein Teil der Szene im vergangenen Jahrzehnt kommunizierte. Im 1993 eingerichteten "Thule-Netz" und dem nach internem Streit vier Jahre später abgespaltenen "Nordland-Netz" wurde Manöverkritik nach Aufmärschen zum "Gedenken" an Rudolf Heß geübt und die Zweckmäßigkeit diverser Straftaten diskutiert.

Als die Szene die Möglichkeiten des Internet erkannte, verloren die Mailbox-Verbünde an Popularität. Schließlich wurden "Thule-Netz" und "Nordland-Netz" ins Internet verlegt. Über die "Thule Netz"-Homepage rief 1998 ein Neonazi zum Abtauchen in den Untergrund auf: "Die Zeit für demokratische Spielregeln ist vorbei."

Abgetaucht - zumindest was die Erreichbarkeit durch die deutsche Justiz angeht - sind indes die meisten rechten Internet-Sites, deren Zahl sich im letzten Jahr nahezu verdoppelt hat. Hinter rund 800 Adressen in aller Welt verbergen sich deutsche Neonazis. Der Großteil davon, rund 90 Prozent, wird nach Erkenntnissen des Verfassungsschutzes aus den USA und Kanada ins Netz eingespeist.

Auf Straffreiheit können sich die Betreiber der ultrarechten Websites nicht mehr verlassen. Anfang Dezember stellte der Bundesgerichtshof im Fall des australischen Holocaust-Leugners Frederick Toben in Korrektur zur einem Urteil des Landgerichts Mannheim fest, dass der Straftatbestand der Volksverhetzung auch greift, wenn - wie in diesem Fall - der Völkermord an den Juden durch die Nationalsozialisten über einen Webserver im Ausland geleugnet wird.

Rassistische Hetze und NS-Nostalgie reichen indes manchen Neonazis nicht aus. Was sich in ihrer Fantasie sonst noch abspielt, demonstriert der Berliner Ableger der weltweit agierenden "Hammerskins". In dem Blättchen "Wehrt euch!" werden auch "nette Internetadressen" angepriesen. Eine dieser Websites, in diesem Fall eine unpolitische, bietet laut Hammerskins "Humor gröbster Sorte". Was dann auf dem Monitor erscheint, ist mit dem Wort ekelerregend nur mäßig beschrieben. Föten in Glasbehältern, zerplatzte Schädel, blutverschmierte Leichen und sexuelle Obszönitäten, alles in Farbe. Kommentar der Hammerskins Berlin: "Was für eine geniale Site!!!"

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