Rechtsextremismus : Ganz im Dunkeln

"Es sind doch unsere Kinder": In Bargischow, Ostvorpommern, hat mit Rechtsradikalen fast keiner ein Problem. Unter Nazis gilt die Region schon als Modell.

Wolfgang Bauer
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Bürgersinn, ganz rechts: In Bargischow, Ostvorpommern, hat mit Rechtsradikalen fast keiner ein Problem. -Foto: Dirk Eisermann

Über die Kinder spricht in Bargischow niemand gerne, die meisten schweigen dazu. „Ich halte mich da raus“, sagt die Dorfwirtin, 50 Jahre schon im Ort, seine Seele gewissermaßen, eine freundliche Frau. Zwei Männer brüten stumm über ihrem Bier. Die Gäste sitzen im Mantel am Tisch, die Wirtin dreht nur einen von zwei Heizkörpern auf, weil es sich sonst überhaupt nicht mehr lohnt. „Die Kinder werden sich rächen“, sagt sie abwehrend. „Sie werden kommen, wenn ich etwas gegen sie sage.“

Bargischow, Kreis Ostvorpommern, zwei Fahrtstunden von Berlin, das Jahr 17 nach dem Verlöschen der DDR. Wie ein steinerner Embryo schmiegt sich das Dorf um die alte Kirche. 388 Einwohner. LPG gleich nach der Wende geschlossen, das Geld kommt jetzt von Hartz IV. Ab und an ist auf der leeren Straße ein Rentner zu sehen. Ein Ort wie viele am östlichsten Rand von Deutschland, hinterm Deich das Haff, hinter der Grenze Polen. Es gibt keinen Pfarrer mehr und keine Feuerwehr. Jedes Jahr schreitet die Mumifizierung ein bisschen weiter voran.

Doch unter der Kruste regt sich etwas. Bei den Landtagswahlen 2006 kam die NPD in Bargischow auf 31,6 Prozent. Die Dorfkinder nennen sich seit kurzem „Deutsche Jugend“ und kämpfen für eine „artgerechte völkische Kultur“. Sie lernen, in Zweierformation zu marschieren und tragen Fahnen; nur einer im Ort versucht, etwas dagegen zu unternehmen.

Rechtsextreme Kameradschaften sind mächtiger als die Gemeinderäte

„Der Höckner ist leichtsinnig“, sagt die Dorfwirtin, als der letzte Gast gegangen ist. „Ich habe wirklich Angst um den.“

Die demokratischen Volksparteien sind in Dörfern wie Bargischow eine Schimäre aus Berlin. Längst sind mancherorts rechtsextreme Kameradschaften mächtiger als Gemeinderäte. Bald, befürchtet selbst die Polizei, werden sie in den ersten Gemeinden die Bürgermeister stellen. Vorpommern gilt unter Neonazis in ganz Mitteleuropa als Modellregion.

Es ist wenige Monate her, Volkstrauertag, da standen sie vor dem Haus der Familie Höckner. Ihre Fackeln loderten in der Dunkelheit, acht Jugendliche in Jeans im Halbkreis vor dem Kriegerdenkmal in der Ortsmitte. Einen Kranz hatten sie niedergelegt und eine Rede über deutsche Opfer und alliierte Kriegsverbrechen gehalten. Wenn Ulrich Höckner, 52, aus seinen Wohnzimmerfenstern sieht, kann er die Aufmärsche sehen. „Das ist absolut gespenstisch“, sagt er. Die siebenköpfige Familie war vor zehn Jahren aus Ostberlin nach Bargischow gezogen, weil sie der Stadt überdrüssig und Höckner im nahen Anklam Kreisstellenleiter der Caritas geworden war. Ihre Wahl war auf das alte Schulhaus von Bargischow gefallen. In einem Jahr Arbeit sanierten sie es, die Kinder halfen die Wände zu streichen, die Nachbarjungs schoben Schubkarren voller Zement. Höckner führt durch das liebevoll renovierte Haus: Hohe helle Räume, Parkett, Bücher, klassische Musik.

Die Kinder grüßten sie plötzlich mit Hitlergruß

Ein Traum vom Landleben schien sich zu erfüllen – bis Steine durch die neuen Fenster flogen. Dann wurden die Gartensträucher herausgerissen. Die Kinder grüßten sie nun mit Hitlergruß und drohten mit Prügeln. „Die Bibelmenschen“, zischten sie. „Die Zecken.“ Die Neuen im Ort waren anders als die anderen. Zum Beispiel hatten sie Arbeit. „Eine Zeit lang waren wir wie belagert“, sagt Höckner.

Ein Schlammpfad führt von den Höckners zum Jugendclub, vorbei am Haus des Polizisten, der im Gemeinderat sitzt, der Dorfkneipe und dem Fischhändler. Fetzen von lauter Rockmusik dröhnen aus der blau gestrichenen Baracke. Im Garten sind Spuren von Wehrsportübungen zu sehen, Kriechgänge, hölzerne Barrieren. Aus einem Hauseingang gegenüber des Clubs löst sich ein Junge, rennt über die Straße, verschwindet hinter der Tür der Baracke, die Musik erstirbt. „Ihr könnt hier nicht rein“, sagt ein stämmiger junger Mann und versperrt die Tür. Das sei ein normaler Jugendclub, sagt er. Der NPD-Landtagsabgeordnete Michael Andrejewski, zu dessen Wahlkreis das Dorf gehört, lobt die Besatzung der blauen Baracke. Es ist das Hauptquartier des „Heimatbund Pommern“, einer der aktivsten Neonazi-Organisationen in Mecklenburg- Vorpommern. „Die NPD und die Jungs in Bargischow sind wie Marine und Heer“, sagt Andrejewski, „verschiedene Waffengattungen einer Armee“.

Der Bürgermeister des Dorfes, in dem die Kinder marschieren, hat kein Problem. Die wenigsten dort seien rechtsextrem, sagt Karl-Heinz Thurow, als er abends seinen Stellvertreter und Polizeischichtleiter auf ein Glas Rotwein besucht. Seit 300 Jahren bewohnen die Thurows den höchsten Hügel im Dorf. Ihre Rinder beweiden die Wiesen im Hinterland. Thurow trägt einen sorgsam geschnittenen Vollbart und lächelt duldsam, wenn Kritik aufkommt. Mit einem Lächeln hatte er auch reagiert, als Ulrich Höckner während einer Bürgerfragestunde darauf drängte, etwas gegen die Rechten im Jugendclub zu tun. Die seien ihm egal, soll der Bürgermeister gesagt haben. Er habe nicht mal mehr den Schlüssel. „Bürgermeister übergibt Jugendclub der NPD“, schrieben daraufhin die Zeitungen. Seither sagt auch Thurow über die Dorfkinder lieber nichts mehr.

"Stimme der Freiheit" heißt ihre Kampfzeitschrift

Die Aufregung, die sogar die Landeshauptstadt Schwerin erreichte, brachte ein Beraterteam des „Regionalzentrums für demokratische Kultur“ ins Dorf. Finanziert durch Bund und Land, versucht die Organisation, in Mecklenburg-Vorpommern gegen rechts zu kämpfen. In Bargischow berät sie Thurow beim Aufsetzen einer Hausordnung für den Jugendclub. Nun soll ein Erwachsener gefunden werden, der den Schlüssel erhält. Das aber ist bis heute nicht geglückt.

Am nächsten Abend ist es dunkel im Jugendclub, dafür brennt im Sitzungssaal der benachbarten Gemeindebaracke Licht. Drei Mitglieder des „Heimatbundes“ putzen den Raum, in dem sonst Bürgermeister und Gemeinderat tagen. Ein 16-Jähriger, der im Sommer seinen Eid auf die Vereinsfahne abgelegt hat, spült die Gläser, ein 15-Jähriger versucht, eine abgefallene Gardinenstange wieder anzubringen. „Wir hatten gestern den Saal für eine Geburtstagsfeier“, erklärt der Ältere, dessen Vater im Gemeinderat sitzt. „H8Maschine“ steht auf seiner Brust, das Logo einer Rechtsband, im Codeverzeichnis der Szene übersetzt mit: „Heil-Hitler-Maschine“. Es sind nette Jungs aus der Nachbarschaft. Kevin ist auf der Realschule zweimal sitzen geblieben. Schon als Kind trug er Kampfstiefel mit 14 Schnürlöchern. 16 Löcher hätten martialischer ausgesehen, konnte seine Familie sich aber nicht leisten. Freunde hat er in der Schule keine. „Freunde, pah!“, sagt er. „Die findest du dort nicht.“ Als ihn neulich ein Lehrer am Kragen packte, habe ihm keiner beigestanden. Auch dem Rektor habe keiner gesagt, dass er sich nur habe verteidigen wollen. „Da traut sich niemand. Die haben doch alle Angst um ihre Noten.“

Alle Jugendlichen des Dorfes kämen zu ihnen, sagen die Jungs. Nur die Höckner-Kinder nicht. „Die Berliner mit dem schönen Haus“, sagt der Jüngere. „Was die für abgefahrene Musik hören“, ergänzt der Ältere. „Die tanzen im Sommer ums Lagerfeuer.“ Gitarre hätten sie gespielt und indische Musik gehört. Den Club, den der Staatsschutz als „Schulungszentrum“ bezeichnet, bauen sie derzeit in Eigenarbeit aus. „Ich stecke da mein ganzes Taschengeld rein“, sagt der 15-Jährige. Gerade haben sie den Boden erneuert, das Dach abgedichtet, die Wände neu gestrichen. Ihre Trommelgruppe ist naziweit bekannt, manchmal treten sie bei Dorffesten auf, wenn die Verantwortlichen nicht überreißen, dass es sich beim Heimatbund nicht bloß um eine Wandertruppe handelt. Mehrfach hat die Polizei bei Razzien rechtes Propagandamaterial im „Jugendclub“ beschlagnahmt. „Stimme der Heimat“ heißt ihre Kampfzeitschrift, für Kinder gibt es Sonderausgaben mit Rätseln und Spielen. Die älteren Dorfkinder ziehen die jüngeren nach. Auf der Homepage des Heimatbundes sind schon die Allerkleinsten zu sehen – Zweijährige, Dreijährige –, und immer wieder die blaue Baracke in Bargischow.

Seine Beratungsgrundlage sind die Reichsgesetze von 1935 und 1937

Die Stärke der NPD in der Region ist auch die Schwäche des Kommunalpersonals. Über den Bürgermeister in Bargischow etwa heißt es inoffiziell im Landratsamt: „Wir wissen, Herr Thurow braucht Hilfe.“ Sein Haushalt für 2006 sei immer noch nicht durch die Kommunalaufsicht, und seine Dörfler regiere er vor allem durch Vorgaben. Manche nennen ihn gar „den Imperator“.

Der rechte Aufschwung bringt nicht nur die NPD hervor. Den Umsturz in Bargischow betreibt auch Kfz-Meister Wilfried Schieweck. Seufzend beugt er sich über seinen Schreibtisch. „Was schreiben wir nur aufs Transparent?“ In der Bürokabine der Werkstatt stehen neun empörte Nachbarn, die sich allesamt gegen die Sanierung einer Straße wehren. „Vielleicht: Hier entscheiden wir?“ Im Herbst hatte Bürgermeister Thurow von plötzlich frei gewordenen EU-Fördergeldern erfahren und mit seinen Räten den Ausbau der Straße beschlossen – ohne zuvor die Anlieger vernünftig anzuhören. Jetzt sollen die angeblich bis zu 17 000 Euro Beteiligung zahlen. „Schreibt doch: Lieber tot als Sklave!“, empfiehlt der einzige Auswärtige in der Runde, den sich Schieweck als Berater aus Westmecklenburg geholt hat. Sein Name ist Lutz Kind. Er trägt einen schwarzen Mantel und den Kopf tief zwischen den Schultern. „Das deutsche Volk muss aufwachen“, sagt er. „Wir sind Sklaven der Alliierten!“

In einer Einkaufstüte trägt Kind Reichsgesetze von 1935 und 1937 mit sich, seine Beratungsgrundlage für die Einheimischen. „Diese Aufregung hier lass ich mir nicht entgehen“, sagt er. Er ist bester Stimmung. Seine Visitenkarte ziert der Fantasietitel „Landesinspektor Mecklenburg-Vorpommern“, seinen Laptop der Reichsadler. Er und Schieweck gehören den sogenannten „Reichsbürgern“ an. Sie glauben an die Existenz einer „Kommissarischen Reichsregierung“, von denen es ein Dutzend konkurrierender gibt, und predigen ein Weiterleben des Deutschen Reiches. „Wir haben keinen Staat“, sagt Kind in der Werkstätte, „wir haben keine Behörden, also gelten auch eigentlich deren Gesetze nichts.“ Die Reichsregierung gibt Reichsführerscheine heraus, Reichsbaugenehmigungen und Reichspässe. „Können wir wieder über die Straße sprechen?“, unterbricht ein Anwohner.

Er spricht von den Juden, der Nato und der geheimen Wettermanipulation

Derweil sitzt hundert Meter entfernt Bürgermeister Thurow mit seinem Stellvertreter zusammen. „Ich gehe da nicht rüber und spreche mit denen“, sagt er. Zwar hätten die Anwohner erst zwei Wochen vor Baubeginn von der Sanierung erfahren, aber hätte er deswegen 70 500 Euro Fördergelder verfallen lassen sollen? „Dafür haben die uns doch gewählt“, sagt der Stellvertreter und Schichtleiter der Polizeidirektion Anklam, „dass wir so Sachen entscheiden.“ Er habe das Gemeinwohl im Auge, und wenn sie mit den Leuten sprächen, würde „die Meinung der Gemeindevertreter negativ beeinflusst“, fürchtet er. Dass nur die Anwohner die Seitenstraße nutzen können, sie bisher aber nie genutzt haben und auch nicht brauchen, ist da nicht so wichtig.

Die Nacht über malen und basteln Bürger und Reichsbürger. Für den nächsten Morgen ist die Einweihung der Straße angesetzt, es kommt Lokalpresse, da wollen sie sichtbar sein. Bis zu den nächsten Kommunalwahlen 2009 planen sie, einen Gegenkandidaten zu Thurow zu finden. Kfz-Meister Schieweck redet sich in Rage. Er spricht von Juden und ihren Wirtsvölkern. Und der Verdunkelung der Sonne. Gestern Abend seien wieder die Boeings geflogen, die Chemie in die Atmosphäre einsprühen. Nato-Plan. Geheime Wettermanipulation – mit der sich auch die NPD offiziell beschäftigt. Es gebe in Deutschland keine Verfassung, daher sei nichts verfassungsfeindlich, auch nicht die „Pommern-Jungs“ im Jugendclub. „Die sind in Ordnung.“ Das Ehrenmal vor seiner Werkstatt hätten sie wieder hergerichtet, „ohne Geld dafür zu verlangen!“. Man dürfe sie nicht wie Abschaum behandeln, sagt Schieweck. „Es sind doch unsere Kinder!“

Da es in Deutschland keine Verfassung gebe, sei auch nichts verfassungsfeindlich

Nebenan sagt der stellvertretende Bürgermeister, der Polizist: „Einmal ehrlich: Ich verstehe das Ganze nicht. Der Gemeinderat ist nicht verantwortlich für die politische Bildung.“ Die Polizei sei nicht dazu da, „sich um die politische Bildung von Jugendlichen zu kümmern“. Seine Kollegen vom Staatsschutz bitten die Gemeinde in letzter Zeit immer häufiger, etwas gegen das Schulungszentrum zu tun. „Die Gemeinde steht in der Verantwortung“, mahnt der Leiter der Anklamer Kriminalpolizeiinspektion. „Wenn die Kommunalpolitik nichts tut, sind wir machtlos.“ Verbieten könne er den Heimatbund nicht, da er nicht offen verfassungsfeindliche Symbole zeige.

Die Proteste gegen die Straße sind auch zum NPD-Abgeordneten Andrejewski vorgedrungen. Ein Anwohner hat ihn bereits mit allen Unterlagen versorgt, demnächst will Andrejewski ein Flugblatt verfassen. „Wir werden zu den nächsten Wahlen in Bargischow jemanden aufstellen“, sagt auch er.

Und auch Ulrich Höckner überlegt, bei den nächsten Kommunalwahlen als Bürgermeister zu kandidieren. Er weiß aber nicht, ob er dafür genügend Rückhalt hat. Die Nachbarn des „Jugendclubs“ beschimpfen ihn immer noch. Seiner Frau rufen sie manchmal zu: „Hau ab, du Schlampe!“ An solchen Tagen ist Herr Höckner sehr ratlos. Sehr mutlos. Er läuft dann durch das Moor und lauscht den Vogelschwärmen. „Es gibt in diesem Land“, sagt er und atmet durch, „doch noch etwas Heiles.“

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