Zeitung Heute : „Rechtsradikale treten oft dumm auf“

Kay Wendel über Täter, Opfer und Polizeistatistiken

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KAY WENDEL (41) ist Mitbegründer und Sprecher der Initiative „Opferperspektive“, die Verfolgte unterstützt.

Wie gefährlich sind die Rechtsradikalen in Brandenburg?

Was uns im Augenblick besonders beunruhigt, ist die Serie von Brandanschlägen auf Imbisse von Ausländern. Die Türken oder Vietnamesen sind in kleineren Orten oft die einzigen Ausländer und müssen als Symbol für alles Fremde herhalten. Insgesamt haben wir im vergangenen Jahr vorläufig 116 gewaltsame Angriffe gezählt. Wir müssen die Zahl noch mit der Polizeistatistik abgleichen, die meist zu anderen Ergebnissen kommt.

Gibt es den politischen Willen, die Zahlen möglichst niedrig zu halten?

Eine Absicht kann ich im Ministerium oder den Polizeipräsidien auf keinen Fall feststellen. In vielen Fällen läuft einfach die Ersteinstufung der Taten falsch. Das hängt mit den Wahrnehmungsmustern der Polizeibeamten vor Ort zusammen. Im letzten Jahr gab es in Potsdam einen größeren Prozess wegen versuchten Mordes an einem Mosambikaner in Ludwigsfelde. Der ermittelnde Beamte hat im Prozess sinngemäß ausgesagt, er habe die Tat als schweren Raub eingestuft, weil dabei auch eine Geldbörse verschwunden ist. Die rassistischen Tatmotive hat er einfach nicht wahrgenommen.

Ihr Verein wirbt für mehr Verständnis für die Opfer rechtsradikaler Gewalt. Mit Erfolg?

Auf jeden Fall. Das merken wir zum Beispiel bei unseren Spendensammlungen für Opfer von Brandanschlägen. Auch bei Behörden gibt es eine veränderte Wahrnehmung und in den Medien haben die Verfolgten jetzt eher eine Stimme. Aber es gibt auch immer wieder Rückschläge. Beispielsweise gab es Anfang Februar einen Brandanschlag auf die Imbissbude eines Türken in Hörlitz. Darüber wurde kaum berichtet.

Die Zahl rechter Gewalttaten scheint zurzeit stabil zu bleiben. Nehmen die politischen Aktivitäten zu?

Da kann ich kein vollständiges Bild zeichnen. Was ich mitbekomme ist, dass die politische Organisation in Brandenburg eher desolat ist. Zum Beispiel gab es hier vor einiger Zeit eine Abspaltung von der NPD. Diese „Bewegung Neue Ordnung“ hatte vor ein paar Tagen einen Auftritt beim monatlichen Treffen der Initiative „Gesicht zeigen“. Die hat den Störern zehn Minuten Redezeit zugestanden. Die Sprüche, die dann kamen, „Toleranz ist Scheiße“, haben unterstrichen, wie dumm die Rechtsradikalen oft auftreten. Aber man darf nicht vergessen: Es gibt noch immer ein erhebliches Gewaltpotenzial, es kann jeden Tag ein schlimmer Anschlag passieren.

Das Gespräch führte Alexander Visser.

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