Zeitung Heute : Rechtswege: Von runden und eckigen Bällen

Der Tagesspiegel

Diese Rubrik, die es mit dem bedauerlichen Umstand zu tun hat, dass die Wege zum Recht häufiger Pfaden im Dschungel als Autobahnen gleichen, hat es natürlich mit der Gerechtigkeit zu tun, die jedermann in gleicher Weise zuteil werden sollte.

Leider nur sagt der Volksmund, dass die Gerechtigkeit lahme Füße hat. Und ein Psalm, der sagt, dass der Gerechte viel leiden muss, ist nur ein karger Trost.

Zwar hat es den Anschein, dass staatliche Bürgschaften für den Profi-Fußball vom Tisch sind. Aber wer weiß. Sagen wir besser vorerst vom Tisch.

Denn als Fischer-Taschenbuch (Nr. 13965) hat Bernd Müllender unter dem Titel „Fußballfrei in elf Spieltagen“ dargelegt, wie bereits Joachim Ringelnatz (1883-1934) mit seiner Kritik am „Suchtalltag“ scheiterte. Der Fußballwahn sei eine Krankheit, meinte Ringelnatz, „aber selten, Gott sei Dank“.

Diese Einschränkung sei Unfug, befindet Müllender. Der Fußballwahn, einmal ausgebrochen, verbreite sich lauffeuerhaft. Er sei Pest und Cholera in einem, eine Menschheitsgeißel des 20. Jahrhunderts. Ringelnatz bringe das Auftreten des Übels mit Gott in Verbindung – „obwohl jeder weiß, dass die Entwicklung dem Herrgott aus den Händen geglitten ist“. Oder sollte das „aber nur selten, Gott sei Dank“ von Ringelnatz gar der kühne Versuch sein, „die Nichtexistenz Gottes zu beweisen“?

Nun ja, doch Ringelnatz konnte zu seiner Zeit nicht wissen, was dieser Tage geschehen würde und was Müllender als Beleg dafür anführen kann, dass gerade der Fußball es war, der 1986 den manuellen Gottesbeweis erbrachte, „als der später auf Kokain umgestiegene Diego Armando Maradona mit Hilfe der Hand Gottes das berühmte Tor gegen England erzielte“.

Seien wir also ein wenig glimpflicher mit dem Poeten und sagen wir nicht wie der im Übrigen treffliche Müllender „Wie bös uns Ringelnatz belügt“, sondern nur, dass von 1883-1934 nicht abzusehen war, wohin der „Suchtalltag“ noch führen würde. Ringelnatz reimte doch so schön:

„Ich kenne wen, der litt akut

an Fußballwahn und Fußballwut

Sowie er einen Gegenstand

In Kugelform und ähnlich fand,

So trat er zu und stieß mit Kraft

Ihn in die bunte Nachbarschaft.“

Anschließend wirft Müllender dem der Zukunft gegenüber blinden Ringelnatz vor, wogegen im „psychopathischen Amoklauf“ so alles getreten wird: gegen Käse, Krug, Kegelball, Seifenstücke, ein Kissen, ein Schwamm, und bar jeglicher Naturfreundschaft sogar gegen ein Schwalbennest, ein Straußenei und einen Igel. Und besonders grimmig attackiert er den Ringelnatz-Vers „Dann wieder mit geübtem Schwung stieß er den Fuß in Pferdedung“, denn das sei schlechterdings sehr unwahrscheinlich: „Nicht nur weil Pferdedung stinkt. Er ist auch recht ungeeignet zum Fußballspielen. Selbst in semitypischer Apfelvariante verliert er bald nach den ersten Tritten völlig die Form und entzieht sich durch Vermatschen und Auseinanderspritzen bald jeglicher Eignung als Fußball.“

Ach, Ringelnatz hatte gewarnt:

„Ich warne Euch, Ihr Brüder Jahns

Vor dem Gebrauch des Fußballwahns.“

Doch wer warnt, sollte hinzufügen „jedenfalls dieser Tage“. Und vor allem „vorerst“ – siehe oben die Anmerkung zu den staatlichen Bürgschaften. Und Müllender reimt auch abschließend boshaft:

„Die Menschen, ach, sind fußballkrank

Und zwar häufig – ran sei Dank.“

Fußballsucht, so Müllender, sei keine Momenterscheinung „wie ein kurzer epileptischer Anfall, er ist vielmehr eine schwere chronische Erkrankung, mit fürchterlichen Folgen für die Volkswirtschaft, für das Gemeinwesen und für den Einzelnen“.

Ringelnatz sage ja auch nichts über die Zuschauer, die doch vom Wahn weitaus betroffener seien als die Ballbeweger. Die Verstrickungen ganz besonderer Zuschauer erwähnt er taktvoll nicht. Sogar ein Bischof hat schon einmal Ärger bekommen. Und gehen wir auch über die Politiker hinweg, über die vielen Politiker, über jene, von denen es vorsichtig heißt, sie seien Fußballfans. Rupert Scholz, der bedeutende, strenge Jurist, der sich beispielsweise einmal damit beschäftigte, das Jugendstrafrecht um die Möglichkeit der Sicherungsverwahrung zu bereichern, ist Aufsichtsratsvorsitzender von Hertha BSC.

Dies war, wie es sich für diese Rubrik gehört, ein Plädoyer für die Gerechtigkeit. Für sie ist allein von Belang, dass der Ball rund ist und nur für den Fußballtrainer Daum derzeit – vor Gericht – eckig. Der Gerechte muss halt wirklich viel leiden. Vor allem an den lahmen Füßen der Gerechtigkeit – gerade dann, wenn es um Fuß-Ball geht.

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