Zeitung Heute : Recruiting über Bekannte ist passé - Mitarbeitersuche wird für Unternehmen zum Hauptproblem

Anja Müller

"Die meisten guten Bewerber haben ein Problem, sie können nicht morgen bei uns anfangen", sagt Mathias Entenmann, Gründer der Paybox.net AG, Wiesbaden. Sein im Juni vergangenen Jahres gegründetes Unternehmen bietet Zahlungssysteme per Mobiltelefon an. Derzeit arbeiten bei dem ehemaligen Berater von Arthur D. Little 15 Mitarbeiter. Tendenz steigend. Wachstumsproblem: Personal. Auch wenn sich die Deutsche Bank vor kurzem mit 50 Prozent an dem Startup beteiligte, lässt sich dieser Engpass nicht auf die Schnelle lösen. Entenmann: "Am schwersten zu kriegen sind Macher oder solche, die sich dafür halten".

Auch andere Startups suchen qualifizierte Mitarbeiter. Die Zeit drängt. Selbst im Internet-Zeitalter dauert es oft noch zu lange, die richtigen Bewerber zu finden. Sind die erst einmal ausgemacht, handeln die jungen Unternehmer schnell. "Innerhalb von 24 Stunden wissen die Bewerber bei uns, woran sie sind", erklärt Alexander Artopé, Gründer und Geschäftsführer der Datango GmbH in Berlin. Sein Unternehmen bietet Führungen durch das Internet an. Die User werden mit der selbstentwickelten Software mit Sprache und Musik durchs Web geleitet.

Wie Datango suchen viele Gründer vor allem über Online-Stellenmärkte und natürlich über die eigene Homepage Mitarbeiter. "Manchmal, wenn wir jemanden mit Erfahrungen suchen, schalten wir auch Headhunter ein", sagt Artopé. Für aufwendige Anzeigenkampagnen fehlt vielen Gründern eher die Zeit als das Geld, denn die allermeisten jungen Internet-Firmen haben ihre ersten ein, zwei Finanzierungsrunden bei den Risikokapitalgebern bereits hinter sich. Wachsen wird zur Unternehmensphilosophie. Personalentscheidungen werden dabei immer wichtiger, denn die Unternehmen befinden sich in einer kritischen Phase: Sie beschäftigen meist bereits 15 bis 20 Leute, suchen vielleicht nicht mehr die Visionäre der ersten Stunde, sondern vor allem Mitarbeiter mit Erfahrung im Sales Management, in der Pressearbeit und Software-Experten, die die neuesten Ideen ins Netz stellen.

Die Lebensabschnitte eines Internet-Unternehmens werden schneller - zwischen Anmeldung der AG und Börsengang liegen oft nur einige Monate. Dabei fällt nicht weniger Arbeit an als bei anderen Unternehmen auch, und irgendjemand muss sie auch tun. "Wir brauchen IT-Experten", sagt Sven Schreiber, Finanzvorstand der Getmobile AG, "das ist das Bottleneck in den Startups. Wir brauchen nicht noch mehr Denker". Und er fügt hinzu: "Wir sind mit rund 20 Mitarbeitern nun darüber hinaus, das Recruiting über Bekannte zu machen".

Ein falscher Kollege an der falschen Stelle kann für ein junges Unternehmen weitaus gefährlicher sein als für größere oder langsamer wachsende Unternehmen: Die Zahl der Mitarbeiter ist klein, unter Fehlgriffen leidet nicht nur das Wachstum des Unternehmens, sondern auch die gute Laune im Team. Sie ist wichtig, solange die Unternehmer noch keine Millionengehälter zahlen, aber Arbeitszeiten bis 22 Uhr erwarten.

Nahezu alle Internet-Startups bieten ihren Mitarbeitern Aktienoptionen an. Ein Einstieg bei einem Startup kann sich auszahlen. Garantien können die jungen Unternehmer aber nicht bieten. Niemand weiß sicher, ob nicht der nächste Konkurrent noch schneller ist oder ob das eigene Unternehmen vom Börsen- zum Übernahmekandidaten mutiert. Das hält die Jungunternehmer aber nicht davon ab, sich zusammenzusetzen und Lösungen zu suchen.

Die Netzwerke funktionieren - ganz ohne Verband. Im Dezember diskutierten einige Gründer, wie sie an die richtigen Mitarbeiter gelangen. Jetzt trafen sie sich wieder - zum Recruiting-Event start@startup. In der Rhein-Main-Halle in Hattersheim bei Frankfurt stellten sich rund 50 Internet-Startups mit einfachsten Mitteln - zwei Bierbänken und einer Wand samt ein paar Infobroschüren, T-Shirts und Gimmicks - vor rund 300 Bewerber. Diese sollten gleich beim Aufbau mithelfen und merken, dass bei Startups Improvisationstalent gefragt ist. Die Bewerber zusammengetrommelt hatte Thomas Fuchs, Gründer des Frankfurter Rifu-Instituts ( www.rifu.de ), das sich auf die Suche nach jungen Fach- und Führungskräften spezialisiert hat. Schnell haben Fuchs und sein Partner begriffen, dass der Startup-Markt auch ein stark wachsender Personalmarkt ist. Die versammelten Gründer suchen insgesamt rund 2500 Mitarbeiter, hat Rifu zusammengezählt. Einige Gründer haben schon Termine mit Bewerbern vereinbart. Andere wie Sven Schreiber haben ihre Netzwerke dichter geknüpft und mit Startup-Kollegen Gedanken ausgetauscht.

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