Zeitung Heute : Reden gegen den Kleinmut

HERMANN RUDOLPH

Keine andere Debatte hätte dem Beginn der Arbeit des deutschen Bundestags im Reichstag deshalb auch mehr entsprochen als die über den Zustand der deutschen Einheit, die er gestern führte.Aber neben allen den Fragen, die Bundestagspräsident, Kanzler, Oppositionsführer und die anderen Redner stellten, warf diese Debatte vor allem auch die eine auf: Wie soll man, wie kann man heute über die deutsche Einheit sprechen - zehn Jahre nach der Herbstrevolution, fünfzig Jahre nach dem Beginn der deutschen Teilung und was sonst noch an symbolischen Daten in den Kulissen steht? Nur so bemüht sachlich? So ohne herausfordernde neue Gedanken? So vernünftig?

Es war ja, das muß gesagt werden, eine gute, ernsthafte Debatte.Es wurde so ziemlich alles gesagt, was zu sagen ist, und insgesamt zeigte sich das Parlament durchaus auf der Höhe des einschlägigen Problembewußtseins.Die wirtschaftlichen Probleme wurden benannt - noch nicht sehr gut, aber doch besser, als oft behauptet wird; die bekannten Befindlichkeiten zwischen den Deutschen in West und Ost erörtert - viel schwerer wiegend als die wirtschaftlichen, vermutlich noch lange andauernd; auch wurden die Verdienste der Menschen in der DDR im allgemeinen und die der Bürgerbewegten im besonderen der Herbeiführung der Einheit gebührend hervorgehoben.Nicht nur der CDU-Vorsitzende Schäuble, sondern auch Bundestagspräsident Thierse, seines Zeichens SPD-Mitglied, würdigten die Rolle Helmut Kohls, und hätte man auch noch Lothar de Maizière erwähnt, der als letzter DDR-Ministerpräsident wahrhaftig zur Einheit beigetragen hat, wäre an diesem Punkt der historischen Gerechtigkeit ebenfalls genüge getan worden.

Es fehlte der Debatte auch nicht an spürbarer Bewegung, und unverkennbar war - angefangen mit der Ansprache des Bundestagspräsidenten - ,daß dies eine große Stunde war.Dennoch drängte sich der Eindruck auf, daß alle diese wohlgemeinten und redlichen Anmerkungen, Analysen und Erklärungen doch ziemlich ratlos gegen das massive Gefälle anredeten, das zwischen Ost und West im vereinten Deutschland besteht - wirtschaftlich, aber auch mental.Es trifft ja auch nicht zu, daß der deutsch-deutsche Lernprozeß - wie es der Bundeskanzler wissen wollte - genauso von Stuttgart nach Schwerin verläuft wie umgekehrt.Andererseits haben selbst die Verständnis-Bekenntnisse der Westdeutschen gegenüber der besonderen Situation der Ostdeutschen - bei aller Ehrlichkeit, die man ihnen ruhig zubilligen kann - mittlerweile längst etwas Gebetsmühlenhaftes angenommen haben.Gregor Gysi e tutti quanti sitzen sie mit ihrem Verweis auf die ostdeutsche Alltagserfahrung, die sich der westdeutschen Einfühlung entzieht, aus wie der Igel den Hasen.

Aber daß die Debatte so viele Wünsche offen läßt, zeigt vermutlich vor allem, wie schwierig die Aufgabe ist, die den Deutschen mit der Einheit gestellt ist.Es gibt kein lösendes Wort und wohl auch keine Vision, die das, was da geschehen muß, abkürzen kann.Ohnedies kann das rhetorische Handauflegen allein die Schieflage zwischen Ost und West nicht richten.Das Handanlegen muß dazu kommen - und es kommt ja auch hinzu, auch wenn es bedrückt, daß es noch immer die gleiche Handvoll von Unternehmen ist, die als Beispiel vorgezeigt wird.Doch gibt es keinen anderen Weg als die Fortführung der Anstrengungen, die seit der Rückgewinnung der Einheit unternommen wurden.Sie sind erheblich gewesen und sie haben zu Resultaten geführt, die - mit dem großen bilanzierenden Blick gesehen - zu Genugtuung Anlaß geben.Darüber, immerhin, herrschte im Reichstag Einigkeit.

Hatte das schon mit dem neuen Standort Berlin zu tun? Wahrscheinlich war es eher der Reflex des erhebenden Gefühls, mit dem Einzug in das neue, alte Haus einen Schritt getan zu haben, der nicht nur eine Annäherung darstellt, sondern in sich selbst ein Ziel ist.Aber um die viel beschworene wahrnehmungsschärfende Wirkung des neuen Ortes braucht man sich nicht zu sorgen: sie wird sich mit Sicherheit einstellen.

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