Zeitung Heute : Reden ist eine Form des Wahnsinns

Eva Leipprand

Wer ist nicht schon an Klausen vorbeigefahren, dicht an dicht mit den vielen anderen, die in teutonischer Italiensehnsucht den Weg nach Süden nehmen. Klausen kommt gleich nach Brixen und ist im schönen Eisacktal gelegen, malerisch mit dem Kloster Säben von der Brennerautobahn aus zu sehen, bei Nacht gelb angestrahlt, im Vorbeihuschen wie ein Gemälde, oder ein Stich, "Das große Glück" von Dürer, das den Ort berühmt gemacht hat. Wer schon im Rentenalter ist, schert vielleicht aus, verlässt den toskanawärts gerichteten Strom und kehrt in einer der Klausener Pensionen ein.

Der Lärm von der Autobahn ist das Grundgeräusch in Andreas Maiers neuem Roman "Klausen" und wesentlicher, wenn auch nicht einziger Anlass der dort behandelten "Ereignisse". Der Lärmpegel ist so hoch, dass man am Eisackufer nicht schlafen kann und die Besitzerin der Burg Branzoll ihre Fensterläden nach Osten zum Viadukt hin stets geschlossen hält. Im Klausener Gemeinderat wird wegen der Verkehrszunahme vor allem im "Schwerlasttransportbereich" ein Antrag auf Lärmmessung gestellt, der jedoch von der Mehrheit wegen Wirtschaftsfeindlichkeit abgelehnt wird. Mitglieder der daraufhin gegründeten Bürgerinitiative Lärmschutz Klausen werden bei ihren nächtlichen Messungen verprügelt. Auch der Immobilienhändler Zurner, der die Ploderburg gekauft hat und zwecks Gewinnmaximierung abreißen lassen will, bezieht Prügel, aber von anderen und aus anderen Gründen. Höhepunkt der "Ereignisse" ist die nächtliche Sperrung der Autobahn durch Umweltaktivisten. Die beschert den Klausnern doch für einen Augenblick eine Art Wunder, das Aufheben eines schrecklichen Naturgesetzes. "Stille in Klausen, nichts hätte noch eben unvorstellbarer geklungen als das, Stille in Klausen."

Verdächtigungen gegen Außenseiter

Von den "Ereignissen", auch "Unglück" oder "Skandal" genannt, wird vorausdeutend und rückblickend berichtet, keineswegs so säuberlich geordnet wie in dieser Zusammenfassung. Eine unablässig brodelnde Gerüchteküche hat sich des Geschehens bemächtigt. Während sich der Kreis der Beteiligten stetig erweitert, deutet jeder jedes Vorkommnis, jedes Wort, jede Geste auf seine Weise, wie es seinem Weltbild entspricht, stellt nach Belieben Zusammenhänge her oder löst sie auf und verdreht alles in sein Gegenteil. Die Verdächtigungen treffen natürlich gerne die Außenseiter, den jungen Gasser zum Beispiel, der ein paar Jahre in Berlin war, also fort von Klausen, und sicher irgendwie links ist, sowie ein paar andere dieser dubiosen Figuren, die sich da im Keller treffen, aber eigentlich zu besoffen sind, um wirklich subversiv tätig zu werden, oder auch die Italiener, die ja doch die Autobahn allein zur Unterwerfung des Eisacktales gebaut haben, oder die Albaner auf der Ploderburg und diese Piemonteserin auf Branzoll, die ihre Fensterläden so demonstrativ geschlossen hält.

Es ist ein ständig fluktuierendes Gerede, wobei die Klausner in der Wirtschaft, bei Gassers Eltern oder auch im Bürgersaal zusammenkommen, wo sie unablässig Wein trinken und mit ihrem Geschwätz Chaos und Begriffsauflösung bewirken. Sie reden auch über Philosophie, über Nietzsche und Heidegger, was aber auch keinen weiterbringt, und vor allem über Politik, ob der Mensch oder die Ökonomie das Maß aller Dinge sei oder ob es diesen Unterschied gar nicht gebe, und wie das sei mit dem "Wirtschaftsraum Südtirol". Und während sie reden oder in ihren bunten Magazinen lesen, was andere reden, und die Vermutung nähren, dass "die Öffentlichkeit nichts weiter als eine Form des Wahnsinns sei", bringen die anderen, die Mächtigen, die überall ihre Finger drin haben, ihr Schäfchen ins Trockene. So wie Martin Delazer, "der Haider Südtirols", der sich stumm und unauffällig im Hintergrund hält, die Fäden aber in der Hand.

Als politischer Roman gelesen, vermittelt das Buch eine bittere Botschaft. Die Klausner - und wir alle sind Klausner - sind nicht in der Lage, ihre Probleme zu formulieren, geschweige denn, Strategien für eine bessere Politik zu finden. Je mehr sie von Demokratie reden, desto ohnmächtiger werden sie, "wie es eben so ist". Sie werden überrannt von den Schlagwörtern Arbeitsplätze, Wirtschaftsraum und Wettbewerb und haben den Winkelzügen der Insider nichts entgegenzusetzen. Auch der eine große Moment der Stille, der Erkenntnis, wird folgenlos bleiben. Diese Botschaft kommt aber im Gewand hochintelligenter Satire daher, einer an Gert Hofmann erinnernden Komik, deren Schwärze immer auf den Abgrund verweist. Die Satire trifft alle gleichermaßen, die Fortschrittsgläubigen wie die Lärmmesser, Vogelschützer und Apokalyptiker jeder Couleur. Auch der Leser wird auf den Arm genommen mit unheilschwangeren Vorausdeutungen, von denen am Ende nichts bleibt außer der Frage: Was ist Wahrheit?

Zerreden als Politik

Andreas Maiers erster Roman "Wäldchestag", ganz im Konjunktiv geschrieben, machte das Geschwätz des Kollektivs zum Gegenstand. Auch "Klausen" ist ein Roman über das Verhältnis von Individuum und Masse. Es ist aber nicht so, dass Maier in seinem zweiten Buch lediglich von der Wetterau (woher er stammt) nach Klausen (wo er wohnt) umgezogen ist. Nun geht die Erzählperspektive nicht mehr völlig auf im Gerede, sie gleitet immer wieder in die Personen hinein, zeigt vor allem den jungen Josef Gasser in seinem Leiden an der Welt, so dass ein Vergleich möglich ist zwischen dem, was ist, und dem, was das Gerücht daraus macht. Das Zerreden wird als politisch wirksamer Vorgang dargestellt. Zwischendurch mischt sich der Erzähler auch ganz indikativisch ein, um seine Meinung zu sagen oder ein Fazit zu ziehen: "Die einen sind für etwas, die anderen dagegen, und die Welt geht desungeachtet ihren Lauf." "Klausen" hat nicht die Geschlossenheit von "Wäldchestag", obwohl auch dieser Roman in einem absatzlosen Stück erzählt wird. Dafür ist der Erzähler, indem er sich aus dem Schutz des Indirekten wagt, aktiver Teil der dargestellten Welt geworden.

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