Zeitung Heute : Reden ist Gold

Barbara Bierach

Das ganze Leben ist ein Marketingproblem! Das gilt nicht nur für die Vermarktung von Produkten und Dienstleistungen. Sondern auch auf dem Heirats- und erst recht auf dem Arbeitsmarkt. Wer von sich selber ein gewinnendes Bild malen kann, hat in der Regel die Nase vorn, bei der süßen Blonden von nebenan ebenso wie beim Personalchef. Klar gibt es all diese komischen Studien, die besagen, dass es auf Körpersprache ankommt – angeblich bekommen wir 50 bis 60 Prozent der Information, die uns ein Gegenüber vermittelt, über non-verbale Kommunikation. Über den Umkehrschluss aber redet kein Mensch: die andere Hälfte der Info kriegen wir über das gesprochene Wort.

Leider wird diese Erkenntnis in Deutschland weitgehend ignoriert, das lernt jeder Besucher internationaler Konferenzen. Da wimmelt es von Leuten, die nicht reden können, es wird gefaselt, genuschelt und gelangweilt. Die rhetorischen Totalausfälle kommen aus aller Herren Länder. Bei Rednern aus Italien, Kanada oder der Mongolei weiß man vorher nie, was einen erwartet. Steht jedoch ein Teutone auf dem Programm, erklimmt mit 90-prozentiger Sicherheit jemand das Podium, der keine Rede halten könnte, selbst wenn sein Leben daran hinge. Leider hat sich das herumgesprochen und auf Konferenzen gehen viele Leute gleich Kaffee trinken, wenn sich eine deutsche Rede zusammenbraut.

In den heimischen Unternehmen wurde inzwischen als Wettbewerbsnachteil ausgemacht, dass den eigenen Leuten keiner freiwillig zuhören mag. Seither gibt es Kurse in Rhetorik und Präsentationstechnik. Das kommt in der Regel zu spät. Die Briten und vor allem die Amis lernen nämlich schon in der Schule, wie man vor Publikum spricht, ohne dasselbe ins Koma zu schicken. Schon die Kleinen haben „show and tell“ – das heißt sie bringen etwas, woran ihr Herz hängt, mit in die Klasse, stellen sich vor die Tafel und erläutern den anderen, warum dieses spezielle Objekt so toll ist. Später gibt es „projects“ bei denen die Kids eine Rede erarbeiten und halten müssen. Vor dem Abi geht es dann in den „debating club“ wo nach der Rede ein anderer Schüler aufgefordert wird, den Redner mit Argumenten herauszufordern. Nach einiger Zeit werden die Rollen getauscht. Das alles vor Publikum, der Rest der Klasse buht oder jubelt dazu.

Natürlich gibt es auch Amis, die schreckliche Redner sind – einer davon ist gerade Präsident – aber in der Regel wissen die boys and girls, wie man eine Botschaft so verpackt, dass die anderen sie auch hören. Wenn deutsche Kinder das jetzt auch als Teil der Abiturvorbereitung lernen sollen, ist das eine gute Nachricht. Reden können, hat noch keinem geschadet, weder beim Flirten noch beim Arbeiten.

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