Zeitung Heute : Reden wir über andere

Hartmut Wewetzer fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin Heute: Warum Tratschen gesund ist

Hartmut Wewetzer

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Schon gehört? Der Maier ausm Marketing hat ’ne Neue!“ – „Maier? Hatte der nicht mal was mit dieser Blonden aus dem Vertrieb? Also mein Fall ist der ja nicht ...“

Klatsch & Tratsch. Jeder redet gern über andere, die rein zufällig nicht anwesend sind. Über Menschen aus dem eigenen Umfeld, über Chefs und Kollegen. Oder über Prominente. Die halbe Medienwelt lebt vom unersättlichen Appetit auf Skandalgeschichten, Affären und verrutschte Abendroben. Der Treibstoff fürs Lästern geht nicht aus.

Wenn etwas so verbreitet ist, dann muss es einen tieferen Sinn haben. Sagen sich zumindest Psychologen und Biologen, die unser Verhalten ergründen.

Erklärung Nummer eins: Tratschen schweißt zusammen. Es festigt unsere sozialen Bindungen. Vor allem, wenn es „leicht negativ“ gefärbt ist, wie Jennifer Bosson von der Universität von Oklahoma festgestellt hat. Die Psychologin veröffentlichte ihre Ergebnisse vor kurzem im Fachblatt „Personal Relationships“. Das despektierliche Reden über Dritte erzeugt Vertraulichkeit; man teilt ein kleines Geheimnis. Aber man soll es mir dem Herziehen über andere auch nicht übertreiben. Sonst geht der Schuss nach hinten los, schlechte Gefühle gewinnen die Oberhand, aus Freundschaft wird Feindschaft.

Erklärung Nummer zwei führt zu unseren nächsten Verwandten, den Affen. Naturgemäß stammt sie von einem Evolutionspsychologen. Diese Wissenschaftlerspezies leitet menschliches Verhalten aus Überlebensvorteilen unserer Vorfahren ab. Für Robin Dunbar, Psychologe an der Universität von Liverpool, ist Tratschen die Fortsetzung des Lausens mit anderen Mitteln. Affen verbringen bis zu einem Fünftel ihrer Zeit damit, sich gegenseitig das Fell zu kratzen. Dabei geht es nicht um Läuse, sondern um die Pflege sozialer Beziehungen.

Menschen ist das nicht mehr möglich. Unsere Gemeinschaften sind viel größer als eine Affenhorde. Alle kann man nicht kraulen. Klatschen ist da praktischer. So tauscht man wichtige Informationen aus, versichert sich seiner Loyalität und baut Stress ab. Leute mit guten sozialen Netzen leben länger und gesünder, werden seltener depressiv und herzkrank.

Doch auch eine von der Evolution entwickelte Strategie hat ihre Grenzen. Wer zu schlecht über andere redet, riskiert das Gegenteil von dem, was er sich wünscht. Es drohen Ablehnung und Isolation. Aus dem Gespräch als sozialem Klebstoff wird zersetzende Säure. Manche Leute verzichten deshalb ganz auf den „schlechten“ Tratsch. Auch ein Weg.

Übrigens sollen es die Frauen gewesen sein, die mit dem Tratschen angefangen haben. Behauptet eine Frau, nämlich die Anthropologin Nicole Hess von der Universität von Kalifornien in Santa Barbara. Während die Männer der Steinzeit sich beim Jagen zusammentaten und sich mit roher Gewalt gegenüber ihren Widersachern durchsetzten, griffen Frauen zu subtileren Methoden. Sie schufen sich Verbündete mit dem Mundwerk. Was das Wort von den Waffen einer Frau in neues Licht taucht.

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