Zeitung Heute : Redewendungen aus dem Mittelalter: Das Leben als Inszenierung

Werner Röcke

Jemandem aus Verärgerung "auf das Dach zu steigen", ist eine bis heute gebräuchliche Redewendung. Auch wird die Ehe manchmal als "Joch" bezeichnet. Kein Wunder, steckt doch in dem lateinischen Wort für Ehe ("coniugium") das Wörtchen "iugum", was soviel heißt wie "Joch" oder "Querholz, das die Ochsen bei der Feldarbeit zusammenzwingt".

Beide Redewendungen bezeichnen eine Handlung, deren ursprünglicher Sinn längst verloren gegangen ist. So stammt die Redewendung "jemandem auf das Dach steigen" von dem mittelalterlichen Fastnachtsbrauch, mit dem man "schädliche Leute" maßregelte. Solche "Rügebräuche", lärmende Umzüge maskierter junger Männer, ersetzten das Recht nicht, aber sie ergänzten es. Mit oft fatalen Folgen für die Betroffenen: beschmutzte Türen, eingeschlagene Fenster, zerstörte Öfen und Dächer. Auch beim Ehejoch handelt es sich um einen Brauch aus dem Mittelalter: Unverheiratete Mädchen und Frauen wurden von "jungen Gesellen" wie Ochsen oder Pferde unter ein Joch gepresst und mit Peitschenhieben gezwungen, einen Pflug, eine Egge oder auch nur ein schweres Holz durch die Straßen zu ziehen. Damit wollte man sie zwingen, sich der Produktion von Nachwuchs zur Verfügung zu stellen.

Gemeinsam ist beiden "Rügebräuchen", dass die "Heilung" des Rechts und der Ansprüche des Gemeinwesens auf diese Weise faktisch in Szene gesetzt und damit tatsächlich vollzogen wurden. Es ist die "Ausführung" (Performance) des Rechts, die - wie in Ritualen und rituellen Handlungen üblich - immer wiederholt werden muss, um den Bestand des Gemeinwesens zu sichern.

Literatur und Kultur des Mittelalters waren von performativen Akten dieser Art viel stärker als die heutige Zeit geprägt, doch blieben sie in sprichwörtlichen Wendungen erhalten. Das gilt auch für die komische Literatur, die Lachkulturen und Witze. Bereits Sigmund Freud wies in seiner Studie über den "Witz und seine Beziehung zum Unbewussten" darauf hin, dass jeder Witz als "sozialer Vorgang" einzuschätzen ist, der erst während der Erzählung seine theatralen und sozialen Wirkungen entfaltet. So ist es zu erklären, dass die Grenzen zwischen aggressiv-obszönen Witzen und Rügebrauch, ethnischen Witzen und praktischer Ausgrenzung fließend sind. Das gilt auch für die Witze des Mittelalters und der frühen Neuzeit. Sie stehen im Mittelpunkt eines Projektes am Sonderforschungsbereich "Kulturen des Performativen", der an der Freien Universität, der Humboldt-Universität und der Universität Potsdam angesiedelt ist. Sprecher ist die Freie Universität.

Dabei liegt ein besonderer Akzent auf dem Neben- und Miteinander unterschiedlichster literaturwissenschaftlicher und kulturwissenschaftlicher Fächer, die gleichermaßen davon ausgehen, dass die "Kulturen des Performativen" gar nicht anders als interdisziplinär zu erarbeiten sind. Die Rügebräuche vom "Egge ziehen" oder "auf das Dach steigen" wurden in der komischen Literatur des Spätmittelalters auf vielfältige Weise aufgegriffen, reflektiert und kommentiert, aber auch verändert. Ebenso steht auch für die anderen Projekte des Sonderforschungsbereiches das Verhältnis von Darstellung und Text im Mittelpunkt. Dieser Vergleich hat sich bislang als außerordentlich produktiv erwiesen. Ende 2001 steht der Sonderforschungsbereich zur Verlängerung an.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar