Zeitung Heute : Reemtsma-Prozess: Ende einer Verbrecherlegende

Bernd Matthies

Hochspannung wenige Minuten nach zwölf im Großen Saal des Hamburger Landgerichts - doch das erwartete Duell blieb aus. Denn einerseits ging die Wanduhr, die die symbolträchtige Zeit zeigte, genau vier Stunden vor. Andererseits ließ Jan Philipp Reemtsma nicht die Spur einer Gemütsbewegung erkennen, als er kurz nach dem Angeklagten Thomas Drach den Raum betrat, sich in alle Richtungen kurz umsah, zur Richterbank, zu den Journalisten, zum Angeklagten - und dann ohne Umschweife neben seinem Anwalt Platz nahm. Es ist nicht einmal sicher, dass sein Blick an diesem Morgen sich mit dem von Drach traf, jenem Mann, der ihn 1996 33 Tage lang als Geisel genommen und gepeinigt haben soll. Reemtsma trug jenen stoischen Gesichtsausdruck zur Schau, mit dem er sich schon auf vielen öffentlichen Auftritten selbst geschützt hat, er ließ keinen Blick auf sein Innenleben zu. Kein Gedanke mehr an den filmreifen Abschiedsdialog von der Autobahn. Drach: "Vergessen Sie nicht, dass dies eine Luxusversion der Angelegenheit war." Reemtsma: "Hätten Sie eine Karte bei sich? Ich könnte Sie an jemanden weiter empfehlen, falls der entführt werden will."

Am gestrigen Mittwoch hat das Hauptverfahren in Sachen Reemtsma-Entführung begonnen. Thomas Drach, das haben die vorausgegangenen Verhandlungen gegen seine Komplizen zweifelsfrei ergeben, ist der Initiator und Haupttäter der Entführung im März 1996. Er selbst sieht keinen Sinn darin, allzu viel zu leugnen. Ja, sagt er zu Beginn seiner Vernehmung, er gebe die Beteiligung an der Entführung zu, werde aber zur Sache weiter nichts aussagen. Dann folgt eine weitschweifige Anschuldigung gegen die Ermittlungsbehörden und gegen Privatdetektive, die nach seiner Auffassung illegal operierten, seinen Bruder schikaniert und eine unbeteiligte 70-jährige Frau um Haus und Hof gebracht haben. "Das wollte ich nur mal gesagt haben."

Wer ist Thomas Drach? Die Medien haben ihn zum Superhirn stilisiert, doch der 40-Jährige im dunkelgrünen Pullover, mit Halbglatze und Kölner Akzent, der da vor dem Gericht sitzt, fällt nicht durch intelligente Einlassungen auf. Auch das Amalgam aus Horst Tappert und Günter Neutze in "Die Gentlemen bitten zur Kasse", das Reemtsma in seinen Erinnerungen ironisch skizziert hat, will nicht in Erscheinung treten. Da sitzt nur ein Berufsverbrecher mit 13 Jahren Knasterfahrung, der weiter nichts zeigt als die Fähigkeit, sich von Autoritätspersonen nicht über die Maßen beeindrucken zu lassen. Vor dem Gericht entblättert er einen traurigen Lebenslauf, der aus dem Bürgersohn mit abgebrochener Gymnasialausbildung eine zwielichtige Gestalt werden ließ, einen Autodieb und Bankräuber. Gegen die These vom Superhirn spricht, dass er immer wieder erwischt wurde und erst in den 90ern eine gewisse Weltläufigkeit gewann.

Doch die nützt ihm jetzt nur noch wenig. Es drohen 15 Jahre Haft, und Drach will jetzt wissen, wie die drei Jahre Haft in Argentinien in deutsche Haftjahre umgerechnet werden können. "Das war dermaßen entwürdigend", sagt er, "dass ich eine besonders hohe Anrechnung für angemessen halte." Konkret heißt das, 3:1 müsse für ihn herausspringen. Dann blieben noch sechs Jahre übrig, kein Thema für einen geübten Mann wie ihn.

Argentinien muss, folgt man seinen Ausführungen, eine Vorhölle gewesen sein. Erst sieben Tage in einer Massenzelle mit 80 Matratzen für 130 Insassen, dann Einzelhaft in einer Gefängnisruine ohne irgendwelche Ernährung außer einem Brötchen pro Tag, keinerlei Kontakt zu anderen Insassen. Erst nachdem seine Freundin Zugang erhalten habe, sei es ihm gelungen, die Zelle "auf eigene Kosten" bewohnbar zu machen. Reemtsmas Anwalt Johann Schwenn deutet an, es könne ja wohl nur das Geld Reemtsmas gewesen sein, mit dem die argentinische Zelle wohnlich gestaltet worden sei, nicht wahr?

In diesem Prozess ist neben der nach dem Verbleib des Löwenanteils der Beute die einzige Frage von Substanz jene, ob Thomas Drach nach seiner Inhaftierung in Argentinien wirklich so leiden musste, wie er es darstellt. Ganz so isoliert scheint Drach in Argentinien jedenfalls nicht gewesen zu sein. Er wolle ja keine Scherze machen, sagt Schwenn, aber könne es sein, dass Drach zwar keinen Verkehr mit Gefangenen, aber durchaus Verkehr mit Nichtgefangenen gehabt habe? Die Anspielung wirkt: Drach berichtet darüber, dass er zweimal wöchentlich drei Stunden von seiner Freundin besucht worden sei, freilich stets mit zwei Aufsehern vor der Gittertür. "Es kam also nicht zu sexuellen Kontakten?", hakt der Vorsitzende nach, und Drach kann in seiner Knacki-Eitelkeit nicht anders: "Möglich ist alles", sagt er und gibt so ohne Not indirekt zu, was ihm die Nebenklage in mühevoller Arbeit hätte nachweisen müssen.

Überhaupt scheint allerhand möglich gewesen zu sein im argentinischen Gefängnis. Die Nebenklage hat, wie man weiß, mit hohem Aufwand recherchiert und kann eine ganze Reihe von Besuchern nennen. Beispielsweise einen Anwalt, der zwei Mal aus Deutschland anreisen musste. Von welchem Geld eigentlich? Drach braust auf und teilt mit, bislang sei ihm noch nicht der Besitz einer einzigen Mark aus der Beute nachgewiesen, und er frage den gegnerischen Anwalt ja auch nicht, wer ihm seine Reisen bezahle, nicht wahr?

Drachs Mittäter K.  demontiert dann am Nachmittag ein weiteres Stück vom Bild des Superhirns. "Absolut chaotisch verlaufen" sei die Entführung, schildert er aus seiner Erinnerung. "Er war so auf eine Entführung fixiert", sagt er über Drach, dass vernünftige Argumente nicht durchgedrungen seien. Es fehlte bis zuletzt an technischen Geräten: Ein für 10 000 Mark aus England gelieferter Störsender gegen den Polizeifunk habe nicht funktioniert, Beschattungsoperationen scheiterten an mangelnden Parkplätzen, es fehlten Chipkarten für Handys. "Alles ein einziges Provisorium", sagte K.  im Ton eines überforderten Behördenleiters, "wir waren einfach personell unterbesetzt."

Dabei bleibt es für diesen ersten Verhandlungstag. Drach lässt sich abführen und zeigt dabei wieder diesen trotzig-selbstbewussten Blick, mit dem er eine einfache Botschaft signalisieren will: "Ich habe zwar alle rechtlichen Möglichkeiten ausgeschöpft, um in Argentinien freigelassen zu werden", hatte er eingangs gesagt, "aber wenn ich alle ausgeschöpft hätte, säße ich jetzt nicht hier." Welche unerschöpflichen Möglichkeiten mögen dem rastlosen Superhirn wohl noch zu Gebote stehen? Jan Philipp Reemtsma reibt sich noch einmal erschöpft die Augen.

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