Reform-Versprechen der Koalition : Wertet die Pflege endlich auf!

Jedes Jahr steigt die Zahl der Pflegebedürftigen um zwei bis drei Prozent. Doch Deutschland ist darauf nicht vorbereitet. Denn wenn uns die Pflegekräfte ausgehen, nützen auch die schönsten Reformen nichts. Ein Kommentar.

Viel Arbeit, wenig Lohn: An qualifizierten Pflegekräften herrscht deshalb großer Mangel.
Viel Arbeit, wenig Lohn: An qualifizierten Pflegekräften herrscht deshalb großer Mangel.Foto: Jens Wolf/dpa

Viele aus der Branche hätten keinen Pfifferling mehr darauf gewettet. Doch offensichtlich versucht sich die Koalition mit ihrem unscheinbaren Gesundheitsminister tatsächlich noch an einer Pflegereform, die diesen Namen verdient. Bis 2017 wollen sie Pflegebedürftigkeit ganz neu definiert haben. Das, glaubt man den Experten, hätte weit mehr zur Folge, als die überfällige Integration von Demenzkranken ins System.

Etwa, dass der Mensch bei der Pflege endlich nicht mehr aufs rein Körperliche reduziert würde. Dass sich Heimbetreiber nicht mehr darauf beschränkten, Pflegebedürftige in seelenlosen Gebäudetrakten satt und sauber zu halten. Dass es statt um Ruhigstellung plötzlich um Mobilisierung ginge, darum, soziales Miteinander zu ermöglichen und alle noch vorhandenen Fähigkeiten zu fördern.

Mangelware Pflegekräfte

Hätte, wäre, könnte. Wahrscheinlicher ist leider etwas anderes: Die angekündigte Großreform wird im Pflegealltag als Reförmchen verblubbern. Zum einen, weil die Regierenden dafür nicht genügend Geld lockermachen. Zum andern, weil die verheißenen Verbesserungen vor allem eines sind: personalintensiv. Woher aber, bitteschön, sollen all die zusätzlichen Pflegekräfte kommen, wenn schon jetzt kaum noch welche zu finden sind?

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In der Pflege-WG für schwule Männer
In der Pflege-WG für schwule Männer

Pro Jahr steigt die Zahl der Pflegebedürftigen hierzulande um zwei bis drei Prozent. Die Menschen werden älter, mehr von ihnen leben allein, Angehörigen-Pflege wird auch aufgrund beruflicher Belastungen immer seltener. So hängt alles an den Fachkräften. Doch ihr Beruf ist einer der unattraktivsten überhaupt.

Das liegt auch an der schlechten Bezahlung. Im Osten verdienen Vollzeit-Altenpfleger keine 2000 Euro. Viele erhalten nicht mal das, denn sie werden mit Teilzeitjobs abgespeist. Die Löhne liegen um fast 30 Prozent unter denen der Krankenpfleger – von Facharbeitern gar nicht zu reden. Die Botschaft, unüberhörbar für die Betroffenen und den Rest der Arbeitswelt: Alte Menschen und der Dienst an ihnen sind nichts wert.

Der Beruf muss aufgewertet werden

Hinzu kommen überbordende Bürokratie, Schichtdienste, psychische Belastung. Pflegekräfte sind die Hochrisikogruppe für Depression und Burnout. Die Politik hat kräftig dazu beigetragen, dem Image des Berufs den Rest zu geben. Wer verkündet, dass sich der Personalmangel in der Altenpflege doch problemlos mit Arbeitslosen und unqualifizierten Zuwanderern beseitigen lasse, muss sich nicht wundern, wenn immer weniger Menschen darin eine Berufsperspektive sehen. Wenn sich ausgerechnet die Engagiertesten davonmachen. Und wenn Demografen uns prophezeien, dass dem Land schon in 15 Jahren eine halbe Million Altenpfleger fehlen könnten.

Wer Pflegebedürftigen helfen will, muss bei den Pflegenden ansetzen. Ihr Beruf muss endlich aufgewertet werden. Die Politik kann dazu beitragen. Sie kann Kassen und Kommunen verpflichten, bei Budgetverhandlungen Tariflöhne zu berücksichtigen. Wenn sie ihren verkorksten Pflege-TÜV funktionsfähig bekäme, wären die Heime mit den schlechtesten Arbeitsbedingungen flott aussortiert – und die anderen würden ermuntert, besser mit ihren Leuten umzugehen.

Den Rest jedoch müssen die Pflegekräfte selber hinkriegen. Sie sollten sich organisieren, wie die Ärzte auch Pflegekammern installieren. Man stelle sich vor, sie nähmen sich ein Beispiel an den Piloten und Lokführern. Bei einem solchen Ausstand ginge nichts mehr in diesem Land.

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