Zeitung Heute : Reform zu Lasten der Patienten?

CARSTEN GERMIS

Viele Kranke haben Angst, weil Mediziner behaupten, die Reform gefährde die medizinische Versorgung der Bevölkerung.Und tatsächlich - manches Krankenhaus wird künftig schließen müssen.Auch ist es richtig, wenn viele niedergelassenen Ärzte befürchten, ihre Praxis in Zukunft mit knapperer Kasse betreiben zu müssen.Doch die Versorgung der Bevölkerung bleibt sicher.Denn das Ziel der Reform ist es, Überkapazitäten abzubauen.Es gibt eben zuviele Krankenhäuser.Es gibt zuviele Ärzte.Und es gibt zuviel Arzneimittel.Wer heute so tut, als ließe sich das alles auch morgen und übermorgen unbegrenzt bezahlen, gefährdet die medizinische Versorgung erst recht.

Gesundheitsministerin Andrea Fischer stülpt mit ihren Reformplänen unser Gesundheitssystem nicht um.Doch wenn sie es nicht reformiert, wird es an den unbezahlbar gewordenen Überkapazitäten zerbrechen.Weil die Gesundheitsministerin das weiß, wagt sie es, erstmals auch Strukturen zu ändern.Den Ärzten geht es aus verständlichen Gründen um ihr Geld.Sie wollen trotz steigender Ärztezahlen einen wachsenden Anteil vom Milliardenkuchen der Gesundheitsausgaben.Die Interessen der Patienten sehen anders aus.Sie und die Beitragszahler sind es, die durchaus von der Reform profitieren könnten.Auch die Ärzte können ernsthaft eine praktikable Alternative zum geplanten Globalbudget, das eine Obergrenze für die Ausgaben setzt, nicht nennen, wenn die Beitragssätze auf Dauer stabil gehalten werden sollen.Das Gesundheitswesen ist eben kein marktgesteuertes System.Leistungserbringer und Kostenträger, also die Anbieter, bestimmen über die Preise - nicht die Patienten, die in einer Mischung aus Ausgeliefertsein, Fürsorge und Informationsmangel befangen sind.Die Gesundheitsministerin will die Besitzstände beschneiden und Wirtschaftlichkeit wie Qualitätskontrolle einen höheren Stellenwert geben.Den Patienten schadet das gewiß nicht.

Viele Kranke befürchten dennoch, ein wirtschaftliches Gesundheitssystem gefährde ihre medizinische Versorgung.Aber muß wirklich jeder Eingriff, der heute stationär gemacht wird, im Krankenhaus erfolgen? Auch wenn es weniger Kliniken geben wird, bleibt die Grundversorgung immer gesichert.Und wer in eine Spezialklinik muß, wird dort auch weiterhin hinkommen.Aber eben nur dann, wenn er muß und bisweilen in einer entfernter liegenden Stadt.Nicht jede Untersuchung, zu der Patienten geschickt werden, ist heute wirklich sinnvoll und notwendig.Es schadet weder Ärzten noch Patienten, wenn die ärztliche Versorgung besser verzahnt wird und die Doppel- und Dreifachuntersuchungen vermieden werden, von denen chronisch Kranke heute ein Lied singen können.Es schadet den Patienten auch nicht, wenn ihr Hausarzt gestärkt wird und sich sein Einkommensabstand zu den Spitzenverdienern unter den Medizinern verringert.Daß die Einkommen der Ärzte sinken, liegt vor allem daran, daß es in den vergangenen Jahren eine wahre Medizinerschwemme gegeben hat.Der einzige Weg, ihnen allen ein hohes Einkommen zu garantieren, wäre, noch mehr Geld in das Gesundheitswesen zu pumpen.Doch das scheidet aus, weil es politisch niemand verantworten könnte.Der Beitragssatz für die Plfichtversicherten hat bereits Höhen erreicht, die für weitere Erhöhungen keinen Raum mehr lassen.Mit Fischers Reformplänen sollen die Kassen entlastet werden - zugunsten der Patienten, auch wenn die Einzelinteressen mancher Leistungsanbieter daran leiden.

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