Zeitung Heute : Regensburg: Mit Lust durchstöbern

Volker Kipke

Mit schön hässlichem Lächeln kriegt die Stadtführerin das reizend hin: "Regensburg war schon Hauptstadt Bayerns, da war München noch ein Biotop." Einige Gäste in der Gruppe zucken zusammen, als wären sie irgendwie schuldig, es müssen ja wohl Münchner sein. Der nächste Hieb dürfte irgendwann, während die Führerin ihr Trüppchen durch die Goldene-Bären-Straße und die Rote-Hahnen-Gasse und die FröhlicheTürken-Straße geleitet, auf die Berliner niedergehen, man wappnet sich; denn schließlich war Regensburg in frühen Tagen auch eine Art Hauptstadt Deutschlands, und Berlin blieb noch länger pure Wildnis als München. Aber diesmal ist sie milde und zählt bloß auf: "Seit Karl dem Großen haben hier sechzig Reichstage stattgefunden, ab 1663 dann der Immerwährende Reichstag." Doch das Besondere an Regensburg ist vor allem, dass aus so vielen Epochen so vieles und aus manchen immerhin so einiges erhalten blieb - achtzehn Jahrhunderte deutsche und europäische Geschichte kann man hier mit Lust durchstöbern; zuweilen allerdings auch mal mit weniger Spaß, etwa beim Rückblick in jene Zeiten, als der Sklavenhandel noch fette Gewinne brachte. Regensburg, im Krieg nicht durch Bomben zerstört und folglich nicht durch Neuaufbau ruiniert, gilt als die einzige Großstadt in Deutschland, die das Bild einer mittelalterlichen Metropole weitgehend original bewahrte.

Hier lernt der Besucher Umgang zu pflegen mit Leuten, die ihm allenfalls als lästiger Lernstoff aus dem Geschichtsbuch in Gedächtnis-Nischen blieben. Wer war doch gleich Juan de Austria, der "Retter Europas"? Den hat man nach seinem Tod in vier Stücke geteilt und in Satteltaschen durchs feindliche Frankreich geschmuggelt, um ihn angemessen im Escorial beisetzen zu können. Sohn Kaiser Karls V., während eines der Reichstage mit einer Regensburger Bürgertochter gezeugt. Er befehligte die Armada, die 1571 bei Lepanto die zum Sturm auf Europa ausgelaufene islamische Flotte vernichtend schlug, immerhin "mit der tatkräftigen Hilfe Gottes", wie auf der Gedenktafel an seinem Geburtshaus steht.

Der älteste Herr mit dem man hier Bekanntschaft schließt, war ein Kraftmeier der Sonderklasse: "Germanensieger, Oberster Priester, Vater des Vaterlandes ..." - so und mit weiterem Bombast ließ sich der Imperator Marcus Aurelius schriftlich auf einem Steinblock feiern, als das Militärlager Castra Regina am nördlichsten Donauknie "mit Türmen und Mauern" 179 nach Christus fertiggestellt war. Der Stein mit der ältesten Geburtsurkunde einer deutschen Stadt befindet sich jetzt im (sowieso überaus reich bestückten) Historischen Museum. Ein großer Teil eines der Tore überstand alle 1822 Jahre bis heute. Das Kastell blieb nach dem Abzug der Römer in dauerndem Gebrauch. In ihm erkoren Sippen unterschiedlicher Germanenstämme und Reste keltischer Bevölkerung, die fortan unter dem gemeinschaftlichen Namen Bajuwaren auftraten, einen gewissen Garibald zu ihrem ersten Herzog. Es war ums Jahr 550. Falls Garibald dem Wotan schon abgeschworen hatte und Christ geworden sein sollte, betete er vielleicht an dem klobigen Altar, der noch in einem Nebenraum des (später an der Stelle der Ur-Kirche gebauten) Doms zu sehen ist. Bonifatius, der aus England gekommene "Apostel der Deutschen", richtete 739 hier einen Bischofssitz ein. 1002 wurde ein bayerischer Herzog zugleich deutscher König, seine immer noch mit römischen, aber teilweise "modernisierten" Mauern umgebene Hauptstadt somit ein politisches Zentrum ganz Deutschlands.

Genuesische Enge

Eine einzige andere deutsche Stadt war im Hochmittelalter größer: Köln. 1273 begann Regensburg, inzwischen freie Reichsstadt, mit dem Bau seines mächtigen gotischen Doms, "weil wir nicht hinter Köln zurückstehen wollten", erklärt Gästeführerin Hildegard Zweck. Die Türme wurden erst im 19. Jahrhundert vollendet, wie in Köln. In jüngster Zeit schwärzt Luftschmutz den grünen Sandstein der Außenmauern, und "es flogen geschädigte Teile des Doms regelrecht davon". Das Abstrahlen mit Glasgranulat bringt nur für kurze Zeit die alte Farbe zurück; ständig wird mit neuen Konservierungsverfahren experimentiert, weil nicht der gesamte Grünstein durch härteren, helleren Kalk ersetzt werden soll. Der größte Teil der wundervollen Farbfenster, die das Innere in mystisches Halbdunkel tauchen, stammt noch aus der Bauzeit; einige wenige Nachträge sind ganz modern, mit einem grimmig blickenden Herrgott. "Wirkt er nicht aztekisch?", fragt die Führerin in die Runde. Auch das noch! Als wäre Regensburg nicht schon international genug.

Vor allem italienisch; dies sei sogar "die nördlichste Stadt Italiens", heißt es. An Gassen von oft genuesischer Enge errichteten Patrizier nach dem Vorbild von Bologna und Siena Geschlechtertürme, bis zu zwölf Stockwerke hoch. "Ein Manhattan des 13. Jahrhunderts", ruft Führerin Helga Daferner begeistert, und Recht hat sie ja "Je reicher der Kaufmann, desto höher der Turm, und dabei standen diese Türme immer leer." Sie wurden aus reiner Prahlerei gebaut. Zwanzig ragen noch heute über die anderen Altstadthäuser. Und aus Italien kam im 18. Jahrhundert die Familie Torri e Tasso ("Türme und Dachs"); halb passte sie ihren Namen dem deutschen Umfeld an: Thurn und Taxis. Die Dynastie hatte den Postdienst in Mitteleuropa geschaffen und erhielt dann bis 1866 das "Reichs-General-Erb-Postmeisteramt". In Regensburg baute es sich eine riesige Schlossanlage neben dem Kloster St. Emmeram, das es in seine Obhut genommen hatte. Die Klosterkirche ist eine so recht regensburgische Mischung, die den empfindsamen Besucher einigermaßen ins Taumeln bringen kann, denn wo sonst in Deutschland gibt es so etwas: älteste Mauern von etwa 750, Grabkrypta des heiligen Wolfgang aus dem 11. Jahrhundert, im Hauptteil schwelgerisch umgestaltet von den Brüdern Asam, den berühmten Barockkünstlern.

Das Geschlecht der Thurn und Taxis spielte auch in der Politik ordentlich mit: Ihr Oberhaupt hatte beim Immerwährenden Reichstag als Prinzipalkommissär den Kaiser in dessen Abwesenheit zu vertreten. Bis das Heilige Römische Reich Deutscher Nation 1806 zu Grabe getragen wurde, versammelten sich dazu Kaiser, Kurfürsten, Erzfürsten, Bischöfe und sonstige Potentaten - oder meistens nur deren Abgesandte - im Alten Rathaus. "Die Reichstage der Deutschen sind langweilig und weinselig", schrieb ein Beobachter im 18. Jahrhundert. Getrunken haben die hohen Herrschaften vermutlich in den Mauschelräumen, die man ebenso wie den prächtigen Reichssaal besichtigen kann. Zu der Ehre, frühparlamentarische Hauptstadt zu sein, kam Regensburg vor allem deshalb, weil es vom Wiener Sitz der Habsburger auf der Donau leicht zu erreichen war. Die Reichsbürokratie machte sich bald so breit, dass die Stadtverwaltung in den barocken Rathausneubau nebenan flüchten musste. Im Untergeschoss befindet sich die städtische Fragstatt - hübscher Ausdruck für die Einrichtung, in der Delinquenten mit Hilfe knochenbrechender Instrumentarien verhört wurden. Durch diese Folterkammer gibt es sehr beliebte Extraführungen.

Was nicht erhalten blieb, aber doch wenigstens in einem bekannten Lied verewigt ist: der "Strudel" von Regensburg, die Kaskade von einem halben Meter Höhe, die sich zwischen den Pfeilern der Donaubrücke bildete; ein Wehr bremst neuerdings die Strömung. Die Steinbrücke, 1146 fertiggestelt, war die längste der damaligen Welt (310 Meter) und ein sicherer Ort: Raufen war auf ihr verboten, Adlige durften hier den Degen nicht ziehen. Aber schwerbewaffnete Krieger überquerten sie - mehrmals sammelten sich die Heere der Kreuzritter in dieser bedeutenden Stadt vor dem Aufbruch nach Nahost. Vorsichtshalber wurden die ansässigen Juden zwangsgetauft. Einige Jahrhunderte später, als Regensburg in eine Wirtschaftskrise geraten war, zerstörten die Bürger das jüdische Viertel; von der Synagoge machte Albrecht Altdorfer - der bedeutendste Dürer-Schüler, Regensburger Stadtbaumeister - vor dem Abriss schnell noch einige Radierungen. Dann errichtete man eine Kirche auf dem Schutt des Gettos, erkennbar steht sie auf höherem Grund als die Häuser nahebei. Die Fundamente der Synagoge wurden jetzt ergraben, es gibt umfangreiche Informationen dazu.

In die bald zu Luthers Lehre übergetretene Reichsstadt strömten im 17. Jahrhundert protestantische Glaubensflüchtlinge, unter ihnen war Johannes Kepler, Entdecker der Ellipsenbahn der Planeten, der in kaiserlichem Auftrag auch Horoskope erstellte - "er hat aber nicht hundertprozentig dahinter gestanden", beteuert Matthias Freitag in dem Museum der frühneuzeitlichen Wissenschaft, das in Keplers Sterbehaus eingerichtet ist. Es gibt zugleich Einblick in die bürgerliche Wohnkultur jener Zeit.

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