REGGAE-POPPatrice : Lass die Sonne rein

Es ist ein verbreiteter Irrglaube, dass die Rezeption mancher Musikstile an bestimmte Abschnitte des Kalenderjahres gebunden wäre. Wenn etwa im Hochsommer eine neue Platte der erzmelancholischen Tindersticks rauskommt oder der düstere Prediger Nick Cave ein Konzert gibt, plärrt jeder zweite Rezensent: falsche Jahreszeit. Genauso ist es natürlich auch umgekehrt: In der dunklen Jahreshälfte im Allgemeinen und in der Vorweihnachtszeit im Besonderen hat man gefälligst todestraurige Balladen zu hören oder die Auftritte schwermütiger Bänkelsänger zu beklatschen. Oder man pfeift auf jahreszeitliche Analogien und hört einfach antizyklisch Sommermusik im Winter. Und was wäre als Soundtrack für die innere Sommerzeit besser geeignet als Reggae?

Womit wir bei Patrice wären, auch wenn die stilistischen Gratwanderungen des gebürtigen Kölners durch den kulturellen Hauptexport der Karibikinsel Jamaika nur unzureichend umschrieben werden. Denn Patrice, der mit der Soulsängerin Ayo liiert ist und beruflich zwischen Köln, Paris und New York jettet, hat sich von Reinheitsgeboten emanzipiert und mischt über alle Genregrenzen hinweg seine stimmungsaufhellenden Cocktails zusammen. Das rhythmische Fundament seiner Songs bildet, mal mehr, mal weniger eindeutig, der lässige Offbeat des Reggae, aber sie bedienen sich auch bei Afropop, nostalgischem Soul, zeitgenössischem R’n’B und digitalem Dancehall-Geknatter. Dass dem 34-Jährigen die vielfältigen Zutaten auf seinem aktuellen Album „The Rising of the Son“ nicht zum beliebigen Ethnopop-Pudding geraten, ist wohl der individuellen Klasse dieses weltoffenen Multitalents zu verdanken. Jörg Wunder

Postbahnhof, Mo 16.12., 20 Uhr, 25 € + VVK

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!