Zeitung Heute : Regierung für das Netz: Netizens können Kandidaten bennen - Deutsche auf Platz vier

Jirka Albig

Wer schon immer mal regieren wollte, kann sich jetzt bewerben. Unter www.icann.org nimmt die kommende "Internet-Regierung" ICANN Vorschläge für ihr Kabinett entgegen. Jedoch werden einige Voraussetzungen erwartet: Dabei ist finanzielle Unabhängigkeit noch die geringste Hürde. Die Kandidaten für die zunächst fünf von 19 zu wählenden Direktoren-Posten in der "Internet Corporation for Assigned Names and Numbers" (ICANN), die kommenden Hüter über die technische Infrastruktur des Internet, müssen versierte, namhafte und vor allem vertrauenswürdige Kenner des Internets sein.

Kurz vor Schließung der Wählerlisten hatten sich mehr als 140 000 Menschen in aller Welt registrieren lassen. Dabei führten die Japaner zuletzt mit rund 33 000 Wählern vor den Chinesen mit rund 28 000 Registrierten. Das Internet-Land Nr. 1., die USA, folgt erst auf Platz drei mit 18 000, Deutschland liegt auf Platz vier mit 17 400 Wählern.

Fast unbemerkt vollzog sich in letzter Zeit ein organisatorischer Umbruch des Internet, der jetzt in einer einzigartigen Internet-Wahl mündet: der weltweiten Berufung von fünf ICANN-Direktoren durch die Internet-Nutzer. Seit Oktober 1998 wird die ICANN als Nachfolger der Vereinigung IANA aufgebaut, das bisher den immer enger werdenden Adressraum des Internet im Auftrag der US-Regierung verwaltete.

Die ICANN übernimmt auch die Macht über einen der wichtigsten Computer, den so genannten "A Root Server", der quasi als Adressbuch des Internet fungiert und bislang in der Hand der größten Registrierungsstelle für Internet-Adressen ist, der Firma Network Solutions. Der Schaffung der ICANN ging ein langwieriger Diskussionsprozess verschiedenster Interessen-Gruppen voraus. In dem Gremium sollen Wirtschaft, Internet-Verbände, Verbraucherschützer und Regierungen im Konsens das Datennetz zum Wohle aller steuern. Neun der 19 Direktoren werden von den Internet- Organisationen gestellt, neun sollen von der Internet-Gemeinde demokratisch legitimiert werden. Davon werden im Oktober zunächst fünf Direktoren von den Nutzern gewählt, je einer für die Regionen Afrika, Asien/Pazifik, Europa, Lateinamerika/Karibik und Nordamerika. Die Diskussion um den Einfluss von ICANN ließ nicht auf sich warten. Die USA fürchten den Ausverkauf der "amerikanischen Idee" Internet.

In den USA wird dabei allerdings auch ignoriert, dass entscheidende Impluse für die Entwicklung des Internets aus Europa und anderen Kontinenten kam. Noch bis Ende August läuft deren Aufstellung in den Weiten des Netzes. Nach Schätzung des Experten sind unter den 167 Kandidaten bislang 30 bis 40 Europäer, darunter 10 bis 15 Deutsche.

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