Zeitung Heute : Regional vernetzt Bildung ist gesund

Berlin und Brandenburg optimieren gemeinsam das Thema Gesundheit Die Charité ist ein überzeugter Partner der Urania

Günter Stock

Bildung, Fort- und Weiterbildung sowie das Wachrufen von Interesse sind zutiefst menschliche Bedürfnisse und zugleich kulturelle und soziale Notwendigkeiten. Hier war und ist die Urania ein leuchtendes Beispiel. Es ist immer wieder faszinierend zu sehen, wie es dieser alten und immer jungen Einrichtung gelingt, die aktuellen Themen und das neueste Wissen durch glaubwürdige Experten nahezubringen und durch vielfältige andere Aktivitäten, Kurse und Fortbildungsveranstaltungen das so notwendige lebenslange Lernen mitzugestalten.

Aber auch kleine und alltägliche Belange werden genauso durch entsprechende Veranstaltungsformate abgedeckt wie „Megathemen“. Zu diesen gehören auch die modernen Entwicklungen in der Medizin, vor allem Aspekte der Finanzierung des Systems sowie ethische Fragen, die sich naturgemäß sofort einstellen, wenn es um den Menschen geht. Fragen, die nur dann beantwortet werden können, wenn die Wissenschaft die Vorlage liefert und die Dilemmata des Handelns und auch Nicht-Handelns aufgezeigt werden. Dies alles tritt gegenwärtig in besonderer Weise zutage angesichts einer geradezu revolutionären Umwälzung auf dem Gebiet der nicht nur technischen Möglichkeiten, welche die moderne Wissenschaft dem Gesundheitswesen zur Verfügung stellt.

Aufklärung, Befähigung zum Diskurs zur Güteabwägung ist die eine Seite, die in der Urania in vorbildlicher Weise behandelt wird. Gleichzeitig ist sie auch der Ort, an dem mit großer Sorgfalt darüber nachgedacht wird, in welcher Weise Aus- und Weiterbildung gerade auch im Gesundheitsbereich verbessert werden kann. Dies ist der Hintergrund, auf dem die „Tage der Gesundheitsberufe“ an der Urania zu verstehen und einzuordnen sind, die am 7. und 8. März 2008 stattfinden. Das Netzwerk Gesundheitswirtschaft in Zusammenarbeit mit der Industrie und Handelskammer ist dankbar, dass der wichtige Aspekt der Gesundheitsberufe mit dieser Veranstaltung in den Mittelpunkt gerückt wird.

Das Netzwerk unter dem Titel „Health Capital“ der Region Berlin/Brandenburg hat sich vor einiger Zeit unter Mitwirkung der beiden Landesregierungen sowie aller relevanten Akteure im Gesundheitswesen zusammengefunden, um nicht nur die Kräfte zu bündeln und das Thema Gesundheit zu optimieren, sondern auch, um aus beiden Bundesländern eine beispielgebende Gesundheitsregion zu machen.

Das bedeutet, die wirtschaftliche Kraft zu stärken, die Versorgung zu optimieren und Arbeitsplätze zu schaffen. Gesundheit ist nicht nur eine soziale und karitative Aufgabe, sondern sie ist vor allem ein Wirtschaftsfaktor. 350 000 Menschen sind in Berlin/Brandenburg derzeit in Lohn und Brot. Der Bruttonutzen beträgt heute knapp 13 Milliarden Euro mit besten Voraussetzungen, in den nächsten zehn Jahren zu wachsen. Das bedeutet, präventive Medizin, Rehabilitation und die für die Vorbeugung wichtige Wellness-Bewegung nicht nur wissenschaftlich zu begründen, sondern auch wirtschaftlich zu nutzen. Gesundheitswirtschaft umfasst fast alle Berufe und alle Ausbildungsstufen und ist ein Wirtschaftszweig, der dringend auf Fortbildung, Nachwuchs und Weiterbildung angewiesen ist. Die „Gesundheitsstage“ sollen das Interesse wecken, Betätigungsfelder aufzeigen und über über die vielfältigen Möglichkeiten informieren. Auch soll dokumentiert werden, dass praktisch für alle Interessenten das passende Angebot gefunden werden kann.

Wenn es gelingt, nicht nur Waren- und Gesundheitskonzepte zu entwickeln und international zu verkaufen, sondern auch Menschen für die Region und weit darüber hinaus gut auszubilden, wird die Strahlkraft weit über die Metropolenregion hinaus wirken. Günter Stock

Der Autor ist Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften

Die Urania kann guten Gewissens als erstes Science Center der Welt bezeichnet werden. „Vermittlung von Wissen durch diejenigen, die es selbst neu gewonnen haben“, heißt ihr Erfolgsrezept. Dieses Prinzip ist ganz im Sinne Alexander von Humboldts, ein großer Gelehrter und alles andere als ein Stubenhocker. Ihm ging es um Forschung, besonders aber auch um deren öffentliche Vermittlung. Im Winter 1827 hielt Humboldt auf Einladung Carl Friedrich Zelters die erste seiner insgesamt 16 berühmten „Kosmos“-

Vorlesungen in der Berliner Singakademie, dem jetzigen Gorki Theater. Die Charité, 1710 gegründet, 1810 medizinische Fakultät der Humboldt-Universität, ist diesen Zielen eng verbunden. Professoren der Charité waren begeisterte Zuhörer Alexander von Humboldts.

Zur Gründungszeit der Urania erlebte die Wissenschaft und besonders die Medizin in Berlin eine Blüte. Viele der epochemachenden Entdeckungen, beispielsweise Infektionskrankheiten, Diphtherie, Tuberkulose, Immunologie durch die Nobelpreisträger Robert Koch, Emil von Behring, Paul Ehrlich wurden in großen öffentlichen Vorlesungen bekannt gemacht. Das gesellschaftliche Interesse an Wissenschaft war groß. Die Urania nahm hier eine Vorreiterrolle ein und kann als Pionier einer Bewegung gelten, die wir neudeutsch als „Push“ (Public Understanding of Science and Humanities) bezeichnen – Verstehen und Verständnis von Forschung außerhalb akademischer Elfenbeintürme.

Der Bedarf ist nicht nur ungebrochen, er nimmt angesichts des exponentiellen Wissenszuwachses besonders auch in den Lebenswissenschaften und wegen der ethischen Implikationen zu. Sensible Themen wie regenerative Medizin und Stammzellforschung eröffnen neue Möglichkeiten der Transplantation von Zellen zur Behandlung von schweren Erkrankungen. Die restriktive deutsche Gesetzgebung schränkt Forschung auf diesem wichtigen Zukunftsfeld noch erheblich ein. Ein informierter demokratischer Diskurs ohne ideologische Ressentiments ist nötig, um bewusst und vorurteilsfrei auch die Chancen neuer Methoden zu beurteilen und frei zu entscheiden. Das gilt heute wie damals. Umfrageergebnisse zur Gentechnik und gentechnisch produzierten Medikamenten zeigen die Diskrepanz zwischen der hohen Bereitschaft, selbst wirksame gentechnisch hergestellte Medikamente zu nutzen auf der einen Seite und einer grundsätzlich eher argwöhnischen und allgemein ablehnenden Haltung zur Biotechnologie insgesamt. Diese Gespaltenheit der Ablehnung bestimmter Methoden auf der einen Seite und der Annahme wissenschaftlicher Ergebnisse auf der anderen Seite, wenn konkreter Nutzen und eigene Betroffenheit greifbar werden, unterstreicht den Bedarf an Information, Wissenschaftskommunikation und offener Diskussion. Es gilt: Betroffene zu Beteiligten machen. Die Lebenswissenschaften betreffen wirklich jeden persönlich, weil es auch um die eigene Gesundheit geht.

Die Charité ist gerne und überzeugter Partner der Urania bei der Vermittlung selbst erforschten Wissens. Dieses Engagement ist durchaus im wechselseitigen Interesse, beispielsweise bei wissenschaftlichen Vorträgen, Beteiligung an Tagen der Gesundheitsforschung, der Langen Nacht der Wissenschaft und Informationsveranstaltungen für Patienten. Wir wünschen uns den informierten, mündigen, selbst und bewusst entscheidenden und aktiv beteiligten Patienten, der mit dem Arzt eine Behandlungspartnerschaft eingeht. Und wir sensibilisieren für aktuelle Forschungsthemen, aber auch die Notwendigkeit förderlicher gesellschaftlicher Rahmenbedingungen. Charité-Mitarbeiter haben einst den „Kosmos“-Vorlesungen gelauscht, und wir veranstalten jetzt in Partnerschaft mit der Urania die Vorlesungsreihe „Kosmos und Leben“. Detlev Ganten

Der Autor ist Vorstandsvorsitzender der Charité – Universitätsmedizin Berlin

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