Zeitung Heute : Rehabilitationseinrichtung in Dierhagen sucht neue Wege im Gesundheitstourismus

Hanne Bahra

Wie eine Ziehharmonika entfaltet sich der langgestreckte Bau der Ostseeklinik Dierhagen auf den Wiesen zwischen Bodden und Meer. Von der Bäderstraße auf der Landenge kurz vor dem Fischland her kaum sichtbar. Autogeräusche verlieren sich in Wellenrauschen und Wind, das Haus steht nur 200 Meter von einem der schönsten Ostseestrände entfernt. Dunkler Klinker und Fensterläden aus wettergebleichter Silberlärche an der Sonnenseite, Putzfassade nach Nordosten. Ein sachlicher Neubau. Die Fassade verbirgt eher, was das Haus zu einem ganz Besonderen an der mecklenburgischen Ostseeküste macht. Schilder am Eingangstor: "Fachklinik für Allergologie, Dermatologie und Umweltmedizin" steht da geschrieben, auch "Touristische Gesundheitsprogramme" und "Zimmer frei". Urlaub in einer Klinik machen, obwohl man doch eigentlich ganz gesund ist?

Wer sterile Monotonie vor dem geistigen Auge mit in das Haus bringt, ist irritiert. Das weiträumige Foyer könnte auch das Entreé eines Hotels sein. Nicht eines x-beliebigen, dafür ist die Innenarchitektur zu funktional und klar, erinnert an Bauhausstil. Kein Schnickschnack. Im Foyer nur eine große Welle aus Holz, blaues Linoleum in den langen Fluren. Große Fenster rahmen den breiten mecklenburgischen Himmel.

Die Ruhe des etwa 80 Millionen Mark teuren Baus liegt in der Horizontalen. Es riecht nach Naturharzöl und Bienenwachs. Die meterhohe Fischschwanzpalme im Lichthof ist echt. Keine Plastik, keine Chemie, nichts gast und ätzt. Gut sichtbar hängt gleich neben dem Eingang ein Zertifikat über die Raumluftqualität vom Umwelt-TÜV. Streng wurde hier nach baubiologischen Kriterien gearbeitet. Die Farbe an den Wänden besteht aus pflanzlichen Rohstoffen und Mineralpigmenten. Vor den Fenstern der Gästezimmer, alle in Sonnenlage, hängen dichtgewebte naturbelassene Baumwoll- und Leinenstoffe. Teppichböden sind aus reiner Schurwolle. Fliesen und Natursteine wurden mit Bindemitteln aus Buchenholz-Cellulosepulver, Pflanzenstärke und Casein verklebt.

Ein Dorado nicht nur für Umweltgeschädigte, auch die überreizten Sinne eines gewöhnlichen Städters kommen hier ungewöhnlich schnell zur Ruhe. Überall Trittschalldämmung mit Holzfaserplatten - natürlich ohne fungizide und chemische Zusätze. Am lautesten sind hier die Gedanken im Kopf. Das aber lenkt ab von dem, was das Haus sonst noch zu bieten hat: Jeder kann sich hier ein Stück Gesundheit zum Beispiel durch Salzschlickpackungen (22 Mark) oder individuelle Ernährungsberatung (60 Mark) kaufen. Schwimmbad, Sauna, Massagen, Entspannungskurse, Heilfasten stehen im Programm; demnächst wahrscheinlich auch Qi Gong, Yoga, Heilkreidepackungen und Nichtraucherkurse.

Schon heute steht die hauseigene Psychologin nicht nur Asthmatikern und Neurodermitiskranken bei der psychosomatischen Ursachenforschung zur Seite, auch alle anderen Gäste können sich zwecks "Progressiver Muskelrelaxation" auf die Matte legen, oder in der "Kleinen Schule des Genießens" Langsamkeit üben. Ein Programm, das nicht nur gesundheitsbewusste Urlauber, sondern auch die gesamte Einrichtung wieder auf die Beine bringen soll. Und das möglichst schnell. Das Dierhagener Haus ist nur ein Beispiel für jene 50 Prozent der Kliniken im Lande, die das Sozialministerium für "hochgradig gefährdet" hält. Vor allem im Bereich Dermatologie gab es einen krassen Auslastungsabfall seit 1991 von 98,6 auf 48,5 Prozent (1998). "In den vergangenen fünf Jahren hat eine Art Wildwuchs im Bereich der Reha-Kliniken stattgefunden. Der Markt ist gesättigt. Erschwerend kommt hinzu, dass die Dauer für die Rehabilitation gekürzt wurde und die Menschen aus Angst um die Arbeitsplätze immer weniger von den noch bestehenden Möglichkeiten Gebrauch machen", heißt es aus dem Schweriner Ministerium. Ein Hauen und Stechen habe auf dem "Reha-Markt" begonnen. "Wir können aber leider nichts tun, weil solche Einrichtungen grundsätzlich nicht durch Bund und Land gefördert werden", bedauert die Sozialministerin Martina Bunge (PDS). Um so mehr lobt sie Fantasie und Kreativität, mit denen sich immer mehr Kliniken Angebote zur vorbeugenden Gesundheitspflege einfallen lassen. Das könnte für einige die Rettung sein.

Um eigene Überlebensstrategien zu finden, hat die Betreiberin der Dierhagener Klinik, die Focus Medical Klinikgesellschaft mbH, vor einiger Zeit die 37-jährige Berlinerin Birgit Schliemann engagiert. Neben den medizinischen Programmen will sie nun mit zunehmend naturheilkundlichen Angeboten und Wellnessprogrammen die leerstehenden Betten füllen. Gesunde und Kranke unter einem Dach vereinen, heißt das Rezept. Sicher, ein gewaltiger Spagat, da fängt das Umdenken schon bei der Sprache an. Das Wort Klinik kann und will man nicht streichen, denn als solche hat das Haus überhaupt seine offizielle Existenzberechtigung, Patienten aber werden von nun an Gäste genannt, und statt Krankengymnastik im Wasser kann man demnächst Aqua-Aerobic buchen.

Die 36 Mitarbeiter der Klinik - Pflegepersonal, Fachärzte, Physiotherapeuten, Masseure, Oecotrophologen, Sport- und Kunsttherapeuten - sind hoch motiviert, denn die Flaute im "Kurgarten Norddeutschlands" ist bedrohlich. Allein die 63 Reha- und Kureinrichtungen Mecklenburg-Vorpommerns seien in der Lage, den gesamten Bedarf Deutschlands zu bedienen, sagt Chefarzt Markus Schwarz. Nur Mutter-Kind-Kliniken oder Häuser mit Kassenoption haben anscheinend noch reale Chancen. Dem Mediziner, der erst vor wenigen Monaten die Leitung der Klinik übernommen hat, ist die teilweise Orientierung in Richtung Naturheilkunde anfangs wahrlich nicht leicht gefallen. Schließlich gebe es hier ein "tolles medizinisches Know-how". Eine medizinische Ausstattung auf neuestem Stand und fachärztliche Kompetenz ermöglichen die Behandlung eines breiten Spektrums von Haut- und Allergieerkrankungen. Umwelterkrankten, beispielsweise mit dem so genannten Chronic Fatigue Syndrome oder psychovegetativen Erschöpfungszuständen, sind hier ebenso gut aufgehoben wie Menschen mit Asthma bronchiale aller Formen. Viele, die dieses Haus einmal besucht haben, würden gerne wiederkommen. Ein Hintergrund, der Selbstbewusstsein schafft, kraft dessen die Klinik-Crew versucht, das Schiff doch noch erfolgreich gegen den Strom schwimmen zu lassen. Noch aber sind maximal 40 Gäste bei 170 Betten entschieden zu wenig.

Während Patienten in einer ähnlichen Klinik im bayerischen Wald bei einem doppelt so hohen Tagessatz mit Anmeldezeiten von zwei, drei Monaten rechnen müssen, ist die erst zwei Jahre alte Dierhagener Klinik noch nahezu unbekannt. Dr. Schwarz geht jetzt auf Vortragsreise. Er hofft bei abnehmenden Kassenleistungen auf ein zunehmendes aktives Gesundheitsbewusstsein des Einzelnen. "Gesundheitstourismus" heißt das Zauberwort, das die Türen der Klinik offen halten soll. Die ungewöhnliche Angebotspalette von Allergietest bis Wellness passt auf jeden Fall gut zum sonstigen Stil des Hauses - weder eindeutig Klinik noch ganz Hotel. Ganz sicher aber gelegen in einer der heilkräftigsten und schönsten Landschaften Deutschlands.

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