Zeitung Heute : Rehabilitationswissenschaften: Snoezelen - Schnüffeln und Dösen als Therapie für die Sinne

Sven-O. Lohmann

Der Teppich wechselt die Farbe. Tausende Lämpchen in ihm verändern sich von leuchtend grün zu strahlend rot und weiter zu intensiv blau. Der Raum ist nicht groß und auch nicht hoch. Die Decke ist mit weißen Tüchern verhängt. Das Licht wechselt im ganzen Raum fließend die Farbe. Vor einem Spiegel stehen zwei große Wassersäulen, in denen unzählige kleine Wasserbläschen aufsteigen - von unten angeleuchtet. Das Licht wechselt die Farbe. Rund um den Teppich liegen glänzend weiße Matten. Große Kissen laden ein, sich fallen zu lassen. Musik spielt, irgendwie sphärisch.

"Von diesen Snoezelen-Räumen gibt es in Deutschland um die 800", sagt Professor Krista Mertens vom Institut für Rehabilitationswissenschaften der Humboldt-Universität. "Die Räume werden für die unterschiedlichsten therapeutischen und pädagogischen Zwecke genutzt." Snoezelen, ein merkwürdiges Wort. "Es kommt aus dem Niederländischen und leitet sich von den Worten Schnüffeln und Dösen ab", sagt Frau Mertens. "Zum Snoezelen soll eine Atmosphäre geschaffen werden, in der sich der Mensch wohlfühlen und entspannen kann." Gesnoezelt wird also ab dem Augenblick, in dem man den Raum betritt.

Die Ausgestaltungen hängt von den Wünschen und Bedürfnissen des Snoezelenden ab. So spielen viele Kinder mit dem Leuchtteppich, den bunten Kabeln oder schauen sich nur die Bilder an. Erwachsene machen es sich in den Sitzkissen bequem und öffnen so ihre Sinne. Daher die Einrichtung. Die Professorin: "Unsere Aufgabe ist es, die Wirkung wissenschaftlich zu überprüfen."

Das "Snoezelen" wurde Ende der 70er Jahre in den Niederlanden entwickelt. Von dort verbreitete sich die Idee über Mittel- und Nord-, seit den 90er-Jahren auch über Osteuropa, in die USA und bis nach Japan. Entscheidend dabei ist, dass der Raum möglichst von Störungen aus der Außenwelt abgeschirmt ist. Da traf es sich gut, dass das Institut für Reha-Wissenschaften im Keller eines ehemaligen Bankgebäudes untergebracht ist. Dort, hinter einer dicken Stahltür, in einem alten Tresor, sind nicht einmal S-Bahnen und Züge zu hören, die direkt vor dem Gebäude aus dem Bahnhof Friedrichstraße ein- und ausfahren.

"Im Großen und Ganzen sehen alle Snoezelenräume auf der Welt so aus wie unserer", sagt Mertens. So gibt es auch noch ein Wasserbett, in das Lautsprecher eingelassen sind. Die Musik überträgt sich über das Wasser auf den Körper. Neben den Wassersäulen verlaufen lange klare Kabel, in denen bunte Lichter auf- und ablaufen. Doch wo wird geschnüffelt? "Wir haben eine Vorrichtung, um verschiedenste Düfte zu verbreiten", erläutert Frau Mertens. "Die können dann mit den Bildern zusammenwirken."

Beim Snoezelen geht es also um die Wahrnehmung durch alle Sinne. Nicht Inhalte, sondern Eindrücke sollen dabei aufgenommen werden. Im Gehirn werden Inhalte von den sie betreffenden Gefühlen getrennt gespeichert. Beim Snoezelen sollen die Gefühle unmittelbar angeregt werden, hauptsächlich um Wohlbefinden zu schaffen. Anfangs war die Methode deshalb auf die Therapie von Menschen mit schweren geistigen Behinderungen ausgerichtet. Ziel ist es, eine angenehme Abwechslung zum oft eintönigen Alltag zu bieten.

Seit den Anfängen haben sich die Anwendungsgebiete des Snoezelens vervielfacht. So snoezelen inzwischen auch Schwangere und Schmerzpatienten. Snoezelen wird in der Psychiatrie eingesetzt. Die Entspannung soll den Patienten helfen, "zu sich zu kommen". Autoaggressionen sollen so abgebaut werden. Künftig soll die Methode auch hyperaktiven Kindern zur Ruhe verhelfen. Sterbehospize setzen die Räume vermehrt ein. Bei Schlafstörungen, Asthma ("mal richtig durchatmen") und Herz-Kreislauferkrankungen wird gesnoezelt. Selbst Koma-Patienten verspricht die Arbeit mit Düften Wirkung, denn sie wirken ohne direkte Beteiligung des Großhirns.

Darüberhinaus findet diese gezielte Entspannung immer häufiger Einsatz zur allgemeinen Streßbewältigung im Alltag. Große Konzerne richten Snoezelenräume für ihre Manager ein. Kindergärten und Schulen bieten den Kleinen Snoezelen in den großen Pausen. Auch bei älteren Menschen wird esvermehrt eingesetzt - um die in vielen Lebensjahren erworbenen positven Emotionen zu wecken. Doch nicht selten brechen dabei negative Gefühle auf und mit ihnen bedrohliche Erinnerungen. Dann sind erfahrene Betreuer gefordert.

Wie bei allen Therapien spielt auch beim Snoezelen die Beziehung zwischen Patient und Betreuer eine entscheidende Rolle. Doch das Snoezelen verbreitet sich so schnell, dass die Aus- und Weiterbildungsstätten wie Pilze aus dem Boden schießen. "Es gibt viele Scharlatane", warnt Krista Mertens. Wie in vielen therapeutischen Bereichen sind die Betroffenen in Notfällen oft bereit, dem Erstbesten, der Linderung verspricht, zu vertrauen. "Die Gefahr ist groß, dass "Gurus" und selbsternannte Psychotherapeuten falsche Botschaften verkünden", befürchtet Mertens. Schon deshalb hält sie die universitäre Forschung für unverzichtbar. Das Institut für Rehabilitationswissenschaften der HU ist international eine führende wissenschaftliche Einrichtungen auf ihrem Gebiet. "So halten wir auch seriös die Hand drauf", sagt Mertens.

Den Snoezelen-Raum der Humboldt-Universität gibt es jetzt seit zwei Jahren. "Als wir anfingen, gab es nichts. Die ganzen Methoden, die wir bisher haben, mussten wir uns selbst erarbeiten", sagt die Reha-Wissenschaftlerin. Doch die Forschung ist nicht einfach. Snoezelen besteht ja im Wesentlichen aus Entspannung. "Wenn wir der Testperson einen Helm mit Drähten auf den Kopf setzen", sagt Frau Mertens. "Wie soll sie sich dann noch entspannen können?" Doch die Wissenschaftler geben nicht auf. So werden an der Humboldt-Universität gemeinsam mit den Informatikern Messmethoden entwickelt, die die Pupillenweitung oder die Spannung der Haut messen. So können Werte ermittelt werden, die den Entspannungsgrad des Probanden anzeigen. Mögliche Messwerte sind auch der Medikamentenverbrauch der Versuchspersonen. Bei älteren Menschen stellte sich heraus, dass sie nach dem Snoezelen sowohl weniger Medikamente als auch weniger Alkohol konsumierten.

Forschung wird seit 20 Jahren auch in anderen Ländern betrieben, mit intensivem wissenschaftlichen Austausch. Doch bislang fehlt es oft noch an Geld und so bleibt die Forschung Stückwerk. "Die Versuchsgruppen sind bislang meistens zu klein gewesen, um statistisch gesicherte Ergebnisse zu bekommen", sagt Frau Mertens. So gibt es eine Gruppe mit hyperaktiven Kindern, die Erfolge vorweisen kann. Allerdings fehlt die zur wissenschaftlichen Absicherung notwendige Kontrollgruppe von Kindern unter annähernd gleichen Bedingungen.

"Zudem ist die Forschung natürlich notwendig interdisziplinär. Wir brauchen Ärzte, die uns mit ihren Patienten besuchen." Doch: "Die Mediziner sitzen etwas auf dem hohen Ross", beklagt die Wissenschaftlerin. Doch ohne die wissenschaftliche Begleitung ist Snoezelen von der Anerkennung als Heilmethode und damit von der Krankenkassenfinanzierung noch weit entfernt. Krista Mertens ist optimistisch und hat entschieden: "Die Wirkungsweisen nachzuweisen ist unsere Aufgabe."

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