Zeitung Heute : Reich der Fantasie

Gold, Juwelen, Diamanten und Münzen: Unter einem Hindu-Tempel in Südindien habendie Behörden einen märchenhaftenMilliardenschatz entdeckt. Warum ist man erst jetzt darauf gestoßen?

Schatzkammer. Der Tempel Sree Padmanabhaswamy im Bundesstaat Kerala.Foto: Reuters
Schatzkammer. Der Tempel Sree Padmanabhaswamy im Bundesstaat Kerala.Foto: ReutersFoto: REUTERS

In Indien werden noch Märchen wahr, manchmal jedenfalls. Im südindischen Bundesstaat Kerala, der für seine Palmen, Strände und Ayurveda-Massagen bekannt ist, wurde jetzt ein milliardenschwerer Schatz aus der Maharadscha-Zeit entdeckt. Verborgen in unterirdischen Geheimkammern, hat er offenbar Jahrhunderte unter einem der bekanntesten Hindu-Tempel Südasiens geschlummert, bevor er nun geborgen wurde. Der Wert der Reichtümer wird auf umgerechnet mehr als sieben Milliarden Euro geschätzt, und das letzte Gewölbe sei noch nicht mal geöffnet. Der zuständige Beamte VK Harikumar dementierte dies jedoch. „Alle Zahlen über den Wert, die nun diskutiert werden, sind reine Fantasie.“

Der Sree-Padmanabhaswamy-Tempel liegt in Thiruvananthapuram, der Hauptstadt Keralas, und ist für seine kunstvollen Skulpturen weit über Indien hinaus bekannt. Der Tempel, der dem Hindu-Gott Vishnu geweiht ist, wurde einst von den Königen von Travancore erbaut. Begonnen wurde mit dem Bau wohl 1566. Die Legende besagt, dass die Herrscher die Opfergaben ihrer Untertanen in dem unterirdischen Gewölbesystem horteten, um für Hunger- oder Notzeiten gewappnet zu sein. Neben sehr alten Kostbarkeiten wurden auch Münzen aus der Zeit Napoleons gefunden. Man geht davon aus, dass der Schatz länger als 100 Jahre dort lag, heißt es in den Medien vage. Einige der Kammern sollen seit 140 Jahren nicht mehr geöffnet worden sein.

Nachdem Indien 1947 unabhängig geworden war, kümmerte sich zunächst eine Stiftung von Nachfahren der Travancore-Könige um die Anlage. Ein Gericht entschied allerdings jüngst, dass der Tempel unter staatliche Kontrolle kommt. Die Regierung ordnete eine Inventur an, Indiens höchstes Gericht berief dafür eine siebenköpfige Kommission. Doch schon in die Steinkeller vorzudringen war schwierig. Die Inspektoren mussten Fachleute zu Hilfe rufen, um die uralten Schlösser aufzubrechen. Sauerstoff musste in die sechs Meter unter dem Erdboden liegende Gruft gepumpt werden, damit die Inspektoren keine Atemnot bekamen.

Als sie ins Innere vordrangen, trauten die staatlichen „Höhlenforscher“ dann ihren Augen kaum: Was ihnen da im Licht ihrer Lampen aus den dunklen, muffigen Gewölben entgegenschimmerte, bot alles, was einen märchenhaften Schatz ausmacht: Säckeweise, so berichten indische Medien, sollen dort allein mehr als 500 Kilogramm Goldmünzen, überdies Diamanten, Rubine und Smaragde lagern, tausende kostbarer Halsketten aus Gold und Silber und unzählige edelsteinbestückte Goldfiguren. Allein eine der Halsketten aus Gold soll sechs Meter lang sein. Stimmen die Berichte, dürfte der Sree-Padmanabhaswamy-Tempel zum reichsten Tempel Indiens aufsteigen. Andere Gotteshäuser haben Schätze vor allem durch Spenden ihrer Anhänger angehäuft, etwa der Thirupathy-Tempel im südindischen Bundesstaat Andhra Pradesh, der bisher als reichste Kultstätte des Landes galt.

Die Polizei ist nun in heller Aufregung. Sie sorgt sich, dass sich auch Diebe auf „Schatzsuche“ nach Thiruvananthapuram begeben könnten. Laut Medienberichten sichert sie das Gotteshaus bereits mit Überwachungskameras und Alarmsystemen. Über die Frage, wem der Schatz gehört, dürfte nun gestritten werden. Die Nachfahren der Könige von Travancore hatten vergeblich gegen die Übernahme des Tempels durch den Staat protestiert.

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