Zeitung Heute : Reich der Schatten

Die Welt weiß wenig über Birma. Mit Journalisten reden die Menschen nur mit großer Vorsicht, Spitzel sind überall. Wer erfahren will, wie das Land funktioniert, muss daher mit einem sprechen, der dort lebt – es aber nicht muss

Richard Licht[Rangun]

Der Mann ist zierlich, Franzose, er ist 76, seit 13 Jahren lebt er in Birmas Metropole Rangun. Er hat kein weitläufiges Haus mit mauerbewehrtem Garten, wie so viele Europäer in Drittweltländern, nein, er hat sich tief hineinbegeben in den Alltag. Sein Name: Jacques Langer. Langer hat etwas zu erzählen, von dem die Welt nicht viel weiß.

Die Welt weiß von den Diktatoren, die nach dem Zyklon „Nargis“ Hilfe von außen brüsk zurückgewiesen haben. Die dann irgendwann zwar die Grenzen ein wenig öffneten, seither aber so viel Bürokratie walten lassen, dass nach mittlerweile fünf Wochen immer noch Zigtausende im Irrawaddy-Delta unversorgt sind. Wer davon berichtet, wer Bilder des Leids und die Versuche privater Hilfe zeigt, wird in der Staatszeitung „The New Light of Myanmar“ bezichtigt, erfundene Geschichten zu verbreiten.

Die Welt weiß vielleicht auch ein wenig über die unter Hausarrest stehende Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi, und sie erinnert sich noch gut an die demonstrierenden Mönche im vergangenen Jahr. Die Welt kennt ein paar Ausschnitte von Birma, scheußliche Ausschnitte. Das, was die wenigen Journalistenaugen im Land sehen können, was deren Ohren von wenigen Mutigen oder Leichtsinnigen anvertraut wird.

Um etwas über den Rest zu erfahren, muss sie auf Menschen treffen, die weniger zu verlieren haben, die meinen, einigermaßen ungestraft reden zu können. Sie muss Ausländern zuhören, wie dem Franzosen Jacques Langer.

Langer lacht. Sein Gesicht erzählt von einem Leben, das er genossen haben muss. Braungebrannt ist er, weißes Haar, er sagt: „Anfangs habe ich mich eingesperrt gefühlt, inzwischen habe ich mich dran gewöhnt.“ Die Fenster und Türen seiner Wohnung sind vergittert, so wie bei allen hier in seinem Hochhausviertel. Langer ist dort der einzige Ausländer. Vor der Tür plärren Kinder und ein Radio, im Flur hocken junge Handwerker, mischen Beton an und reparieren Sturmschäden. Draußen, zwischen den von der immerwährenden Feuchtigkeit geschwärzten Fassaden, verkaufen Straßenhändler Bambus. Damit bauen die Menschen Gerüste, und manche auch ihre Hütten.

Langer müsste nicht hier wohnen. Er ist „400 Mal umgezogen, ich habe in zig Musterwohnungen gelebt, immer mit dem neuesten Chic“, sagt er. Aber mit diesem, seinem alten Leben – die zweite Adresse auf seiner Visitenkarte ist eine der exquisitesten in Paris – war er eines Tages fertig. Als Architekt und Innenarchitekt hat er gearbeitet, noch heute entwirft er an seinem Notebook – dem wohl teuersten Stück in seiner Wohnung – extravagante Häuser mit Interieur vom Feinsten. Für Freunde.

Langer, er trägt eine Cargohose und ein weißes Hemd an diesem Tag, hat sich in den Grauzonen des Landes eingerichtet. Aber über den Umgang der Regierung mit dem Volk nach „Nargis“ ist er schockiert. Er kennt noch andere Beispiele für den verachtenden Umgang mit Menschen, die doch nur ihr eigenes Leben leben wollen.

In seinem jetzigen Leben – er zählt bisher fünf innerhalb des einen – hat Langer sich für das der Birmanen entschieden, verkündet er in seinem kargen Wohnzimmer, das direkt hinter der Eingangstür liegt. Ein Tisch, zwei Stühle, ein mannshohes Regal mit Büchern wie „God save la France“ von Stephan Clarke und „2020“, Zukunftsszenarien von Joel de Rosnay – „meine Bibliothek“ –, ein Sideboard, die unvermeidliche Neonröhre an der Decke und auf dem Boden ein blaumetallicfarbenes Telefon. Es funktioniert nicht. „Das hier ist eine Mittelklassewohnung“, sagt Langer. Die Menschen in der Gegend fahren fast alle Auto, sie kauen keine Betelnüsse. „Sie sind nicht arm.“

Langers jetziges Leben spielt in einem Land, in dem zuweilen der gute Schein genügt, um durch den Alltag zu kommen. Nicht alle, die offiziell dem Staat dienen, dienen ihm so, wie es sich die Generäle vorstellen. Warum? Vermutungen.

Entweder haben nicht alle, die kontrollieren, den Überblick, etwa über Dokumente, die für eine Reise, einen Hausbau nötig wären. Oder sie wollen nicht so genau hinsehen, wenn die Möglichkeit bleibt, den Schein als Realität zu akzeptieren. Keimt da ein kleines bisschen Widerstand? Faulheit? Oder vor allem Korruption?

An einer Straßenkontrolle etwa muss man natürlich Papiere fürs Auto dabeihaben. Wer aber ein Papier mit einer plausibel klingenden Erklärung präsentiert, streng und wichtig schaut, wird durchgewunken. Lesen kann der Kontrollierende vielleicht nichts, wenn es in einer anderen Sprache dort steht, aber die Erklärung akzeptiert er unter Umständen.

Ist der schöne Schein das Geheimnis dieses Landes mit seiner irrwitzigen Hierarchie? Wo Stufe für Stufe der Nächsthöhere um Erlaubnis gefragt werden muss? Und keiner überspringe eine. Was im Normalfall heißt, dass eine Genehmigung drei Wochen dauert, bei großem Nachdruck vielleicht nur zwei. Wo die Drohkulisse gegen Abweichler riesig ist, wo es genug abschreckende Beispiele gibt: Inhaftierte. Wo aber am Ende kaum jemand weiß, wer von einem Vergehen wirklich erfährt. Und wen es am Ende schert.

Langer kam damals über Vietnam hierher. Warum er geblieben ist? Der Ausdruck in seinem Gesicht wird weich. „Das Naturell der Leute, die Liebenswürdigkeit.“ Wenn jemand ein Problem hat, hilft jeder sofort – und sie wollen nichts dafür haben. Selbst wenn es Stunden dauert. Langer sagt, er fühlt sich nicht als Birmane, aber auch nicht als Ausländer. „Ich kann ja dem Leben hier nicht aus dem Weg gehen.“ Er weiß, dass er nie ganz dazugehören wird. „Wir sind so reich im Vergleich zu diesen Menschen. Wir können leben, wie wir es wollen.“

Ausländer, die man in Rangun trifft, schwärmen alle von der Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Menschen, die sie so sehr angezogen hat. Sie schwärmen davon, dass sie in Birma eigentlich alles machen können, was sie wollen. Nein, nicht an jeder Ecke steht ein bewaffneter Soldat hinter einem. Ja, die Spitzel sind da, wahrscheinlich ist der Nachbar einer. Aber man sieht die Spitzel oft nicht. Für Menschen, die hier hängen geblieben sind, birgt Europa oft zu viele Reglementierungen. In Birma funktioniert vieles in Grauzonen. Das hat einen Reiz. Aber eine Regel gilt: Keine Einmischung in die Politik. Auch da sind die Grenzen wohl fließend. Politik kann vieles sein.

Da ist zum Beispiel die Sache mit dem Geld. Langer hat welches, und für Geld kann man in Birma das eine oder andere bekommen, das es anderswo nicht zu kaufen gibt. Selbst die Freiheit. Bei Bekannten wurde vor einiger Zeit ein Bruder festgenommen. Er wäre in Haft geblieben, hätte die Familie nicht gezahlt. Für eine Stange Geld kam er raus. Die Schwester hat alle angepumpt, die sie kannte, die geforderte Summe beschafft. Zurückzahlen können wird sie das nie. Die Freunde haben trotzdem gegeben.

Auf dem Schreibtisch steht eine Dose mit Moskitospray. Mücken gibt es während der Regenzeit viele. Die Mückengitter vor den Fenstern rollen sich längst an den Enden auf, sie bieten keinen Schutz. Im Raum ist es schwülheiß, es geht kein Lüftchen. Es gibt keine Klimaanlage. Nicht mal einen Ventilator.

Langer erinnert sich an den vergangenen Herbst, als Birmas Mönche auf die Straße gingen. Die meisten Leute seien ihnen nicht gefolgt. „Neben der Sule-Pagode in der Stadt haben sie ihre Geschäfte aufgemacht, als wäre nichts. Sie waren im Grunde nicht beteiligt“, erzählt er. Ein Volksaufstand sähe anders aus. Langer erwähnt auch den Glauben. Im Buddhismus ist das aktuelle Leben nur eine Station auf dem Weg in ein nächstes, besseres. Das lässt einen Menschen viel ertragen „Und hier, meine Nachbarn. Sie hatten Angst.“

Angst vor den Schnüfflern? Langer sagt: „Wenn ihr hier rausgeht, müsst ihr nicht vorsichtig sein. Meine Nachbarn wissen längst, dass ihr da seid und wie lange. Aber sie werden euch nie fragen, was ihr hier gemacht habt.“ Er selbst hat nie den Eindruck gehabt, dass ihm jemand gefolgt sei, sagt er. Aber immer wieder hört er, wo er gewesen ist, ohne darüber geredet zu haben. „Jeder hat in seiner Familie einen Polizeimitarbeiter“, sagt er. Langer spricht leise. Viele reden gar nicht. Einer, der redet, sagt, es gebe ein ausgeklügeltes Überwachungssystem. Es gibt drei oder vier parallele Polizeien. Jede checkt die andere, und jede hat vor der anderen Angst. Aus diesem Grunde trauten sich auch höhere Verantwortliche nicht immer, das zu tun, was sie wollten. Nicht einmal Distriktgouverneure, die in Birma kleine Könige sind. Könnte Langer für einen von ihnen ein Haus entwerfen? Wenn überhaupt, ginge das nur über viele Ecken. Ein Treffen? Unmöglich. „Ich bin Ausländer. Das müsste er melden.“ Schon allein, weil zwei andere Polizeien es melden würden.

In Birma schauen meist viele Augen zu. Ein Kontrolleur kontrolliert den anderen. Selbst in sogenannten normalen Zeiten bekommen Ausländer, denen eine Reise jenseits Ranguns genehmigt wird, meist nicht nur einen Aufpasser zur Seite gestellt. In Birma sind es zwei.

Und immer wieder gibt es Leute, die vor allem ans eigene Wohl denken, die Hand aufhalten. Darüber wird normalerweise nicht gesprochen. Langer erzählt von einem Grundstückskauf. Tausende Dollar Schmiergeld kostete der Landtitel. Doch dann ging der Mann mit der offenen Hand in Rente. Das Geld war weg, eingetragen nichts. Keiner weiß nun, wem das Land gehört. Nochmal zahlen? Nein. Also haben sie nicht weiter gefragt. Sie haben angefangen zu bauen.

In Birma ist es meist besser, keine Fragen zu stellen. Dann gibt es keine Antwort. Dann gibt es auch kein Nein. Das ist zwar kein Ja. Aber es ist auch kein Verbot. Sich darüber hinwegzusetzen, wäre schwierig.

Aber hat denn der blutig niedergeschlagene Aufstand der Mönche gar keine Folgen gehabt? Doch. Einige auf den unteren Ebenen der Regierung seien nachdenklich geworden, sagt Langer. Die, die nah an den Leuten sind. Die, die Kontakt zum Ausland haben. „Einige fangen an zu denken, es läuft etwas falsch.“ Vor allem die Jüngeren. Die Alten wollten das nicht so sehen. Aber auch sie haben Kinder. Kinder, die ins Ausland gehen. Die dort anderes erleben. Langer glaubt, das wird zu einer „Öffnung von innen“, zu einer „Implosion“ führen. Aber es wird dauern. Denn noch müssen Kinder in Birma ihren Eltern gehorchen. Dann guckt Langer traurig-nachdenklich, reckt die Nase wie ein neugieriger Vogel seinen Schnabel.

Besser ausgebildete Birmanen machen sich Gedanken. Wer sich umhört, trifft sie. Sie misstrauen ihrer Regierung. Sie sind bereit, sich anderen anzuvertrauen – wenn sie glauben, unbeobachtet zu sein. Denn jedes Gespräch ist ein Risiko. Ein Birmane, der etwas gegen die Regierung sagt, muss mit Haft rechnen – sie sagen, man lande „an einem unbekannten Ort“.

Langers Handy klingelt. Diese funktionieren nur im eigenen Land. Kein Anruf ins Ausland, quasi kein Empfang aus dem Ausland. Eingeschränkter Kontakt.

Langer sieht in Rangun im Vergleich zu früher kleine Veränderungen: Mädchen in Hosen etwa. Vor ein paar Jahren war das noch undenkbar. Oder Junge Leute im Internetcafé. Sie erfahren, was anderswo anders ist. Auch, wenn das Internet immer mal wieder abgeschaltet wird. Sie reden miteinander. Sie reden mit den Eltern. Die Information, das Wissen, es keimt im Kleinen. Die DVDs mit den Bildern der entstellten Toten aus dem Delta, die die Regierung so gern verschweigen würde. An den großen Kreuzungen in Rangun gibt es sie zu kaufen.

Jacques Langer setzt sich wieder an sein Notebook. Gerade entwirft er ein Café für ein Waisenhaus. Zuvor hat er für einen Freund ein Haus gebaut, das wie ein gestutztes Croissant aussieht. Drinnen raffinierte Details, teure Möbel, eingelassene Regale, gefrostete Glastüren zwischen Schlafzimmer und Bad. In seinem eigenen Bad findet das Rasierzeug Platz in einem ausgedienten Marmeladenglas. Parallele Welten.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar