Zeitung Heute : Reich der Schatten

Der Verfassungsschutz warnt: China betreibt Industriespionage im Internet. Wie gefährdet sind deutsche Firmen?

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Nach Erkenntnissen des Verfassungsschutzes spioniert China immer häufiger Computer auf der Suche nach deutschem Firmenwissen aus. „In letzter Zeit haben wir verstärkt chinesische Hackerangriffe festgestellt“, sagte der Vizepräsident des Bundesverfassungsschutzes, Hans Elmar Remberg, der „Financial Times Deutschland“. Sowohl Russland als auch China versuchten, durch Spionage an das Know-how deutscher Firmen zu kommen. Am weitesten seien die Chinesen. „Sie sind nach unseren Erkenntnissen hauptsächlich auf dem elektronischen Sektor aktiv“, sagt Remberg.

Schon im Verfassungsschutzbericht 2005 hatte der deutsche Inlandsgeheimdienst vor systematischer chinesischer Industriespionage gewarnt. China unternehme „große Anstrengungen, westliches Know-how aus allen wesentlichen Bereichen zu erlangen, um zu den technologisch hoch entwickelten Staaten des Westens aufzuschließen“. Ein entsprechendes Beschaffungsprogramm setze sich aus einer legalen (Kooperationen zwischen deutschen und chinesischen Hochschulen, Forschungsinstituten und Firmen) und einer illegalen Komponente zusammen. Nach Prognosen von Wirtschaftsforschern könnte China den Exportweltmeister Deutschland schon 2008 bei den Ausfuhren überholen.

Bei der Karlsruher Firma Wibu, die Sicherheitslösungen für das Internet anbietet, sind die Probleme in China schon länger bekannt. „Es ist ein großes Problem, dass alle Netze dort in staatlicher Hand sind“, sagt Firmenchef Oliver Winzenried. „Es gibt da viele Möglichkeiten, Daten abzufangen. Die Chinesen sind in diesem Bereich sehr kompetent, da sie ja auch über Behörden versuchen, den privaten Datenverkehr zu kontrollieren.“

Winzenried berät unter anderem die Chinazentrale von General Motors. Deren Reparaturanleitungen an Vertragswerkstätten werden inzwischen von Wibu verschlüsselt. „Einen hundertprozentigen Schutz gibt es nicht, aber so sind die Daten schwerer zu knacken.“ Wibu hat inzwischen einen Hacker-Preis ausgelobt. Wer die Firmenhomepage knackt, kann bis Ende Februar 30 000 Euro gewinnen. Zurzeit wird dies allein aus China rund 1000 Mal am Tag versucht.

Während sich internationale Konzerne eigene Sicherheitsabteilungen leisten können, gelten vor allem Mittelständler als besonders gefährdet. Nach Angaben von Panda-Software, einem weiteren Anbieter von IT-Sicherheitslösungen, müssen selbst kleine Unternehmen mit bis zu zehn Mitarbeitern im Jahr zusätzlich 136 000 Euro ausgeben, um die Folgen von Hackerangriffen zu bewältigen. Darin enthalten seien Produktionsverluste und ein zusätzlicher zeitlicher Aufwand zum Säubern der Netzwerke.

Ein besonderes Sicherheitsrisiko stellt nach Angaben der Verfassungsschützer die bei Firmen immer beliebtere Internettelefonie dar. Die Gesprächsdaten werden beim sogenannten Voice over IP (Voip) in der Grundeinstellung unverschlüsselt übertragen, erläutert Wilhelm Fuchs vom Voip-Anbieter Sipgate. Theoretisch ist es damit möglich, die Daten an den Internetknoten abzufangen und auszuwerten. Bei der Internettelefonie könnten Hacker mit den richtigen Tools auf anderen Kontinenten auch Gespräche, die über das offene Internet innerhalb Europas geführt werden, abhören, erklärt der Telekommunikationsexperte des IT-Verbandes Bitkom, Manfred Breul. „Es ist jedoch eine Frage des Aufwands, die Gesprächsdaten herauszufiltern. Aber mit dem entsprechenden Equipment ist dies sicherlich möglich“, sagt Fuchs. Dass China Internettelefonie mit dem verschlüsselten Skype-System verboten habe, lasse einige Rückschlüsse auf die Arbeit der chinesischen Behörden zu.

Allerdings sind den Nutzern die Schwächen der Internettelefonie durchaus bekannt, meint Harald Summa vom eco-Verband, in dem sich namhafte deutsche Internetprovider zusammengeschlossen haben. „Die Anbieter weisen durchaus darauf hin, dass Voip-Verbindungen verschlüsselt werden müssen. Schließlich kostet es nur einen Mausklick, diesen Schutz zu aktivieren“, so Summa.

Doch selbst verschlüsselte Internetgespräche versprechen keine hundertprozentige Sicherheit. Medienberichten zufolge wird derzeit in der Schweiz vom Ministerium für Umwelt, Verkehr und Kommunikation ein Abhörprogramm getestet, mit dem man die Gespräche direkt auf dem PC des Kommunikationspartners belauschen kann. Ähnlich wie bei dem in Deutschland geplanten, nun aber vom Bundesgerichtshof verbotenen Einsatz eines trojanischen Pferdes für Online-Durchsuchungen soll es mit diesem Spionageprogramm ebenso möglich sein, den PC fernzusteuern, um beispielsweise das Mikrofon eines Laptops oder eine Webcam einzuschalten.

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