Zeitung Heute : Reiche Mitte

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Bundeskanzler Schröder reist ins Reich der Mitte. Wie kommt es, dass der chinesische Markt für die deutsche Wirtschaft so attraktiv ist?

Noch 15 Jahre, vielleicht auch 20 – dann wird nicht mehr Deutschland die drittgrößte Volkswirtschaft und die größte Exportnation der Welt sein. Sondern China. Kein anderes Land der Erde erlebt derzeit einen Wirtschaftsboom wie die Volksrepublik mit ihren 1,3 Milliarden Einwohnern. Bereits seit Anfang der achtziger Jahre wächst das Bruttoinlandsprodukt um bis zu neun Prozent pro Jahr. Langsam, aber sicher wandelt sich China vom Entwicklungs und Schwellenland hin zu einer Industrienation.

Das bedeutet eine enorme Nachfrage – und die exportorientierte deutsche Wirtschaft möchte mit von der Partie sein. 43 Manager begleiten deshalb Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) auf seinem sechsten Besuch im Reich der Mitte. Sie hoffen auf zahlreiche Vertragsabschlüsse – Drehstromlokomotiven wollen sie den Chinesen ebenso verkaufen wie Airbus-Flugzeuge, Medikamente oder Kläranlagen. Und demnächst wird vielleicht sogar die Strecke der Magnetbahn Transrapid erweitert.

Der Handel mit China wird weiterhin lebhaft bleiben. Zwar sagen Fachleute für die nahe Zukunft einen leichten Rückgang des Wachstums voraus. Zugleich aber wird China ab 2005 vollwertiges Mitglied in der Welthandelsorganisation WTO sein. Das bedeutet, dass zahlreiche Handelsschranken fallen – und Verbraucher wie Unternehmen zwischen Hongkong, Shenzen und Schanghai noch mehr deutsche Produkte einkaufen können. Schließlich hat das Land eine Menge aufzuholen, will es bei Wohlstand und Infrastruktur mit Amerika, Japan und Europa gleichziehen.

Aber nicht nur als Absatzmarkt ist China interessant. Auch die geringen Lohnkosten locken deutsche Firmen an. Zwischen 1997 und 2002 bauten und kauften ausländische Investoren für 269 Milliarden Euro Fabriken – das ist in etwa die Größenordnung des deutschen Bundeshaushaltes. In dem ehemals kommunistischen Reich werden die Massengüter für den Westen produziert – Computer, Handys, Stereoanlagen, Textilien. Doch nicht immer freuen sich die deutschen Manager darüber: Auch bei Raubkopien von Markenprodukten sind die Chinesen heute ganz vorn. Der Kanzler soll von den Chinesen Mäßigung verlangen, fordern die Manager. brö

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