Zeitung Heute : Reichtum aus dem Meer

Fischkonserven und das Schwarze Gold brachten den Erfolg für Europas Kulturhauptstadt Stavanger

Franz Lerchenmüller

Es war das Öl, das die Stadt groß gemacht hat. Das schwarze, schwere aus der Nordsee und zuvor das goldene, das aus Oliven gepresste: Letzteres machte, zusammen mit dem Sterilisieren, die Sprotten in den Dosen haltbar, mit denen Stavanger ein Jahrhundert lang die Welt versorgte. Piers Crocker, der Direktor des Konservenmuseums ist Engländer, aber er erzählt so begeistert, als flösse norwegischer Aquavit in seinen Adern, wie die Firmen von der Herstellung von Fischklößen allmählich zum Eindosen geräucherter Heringe fanden. Fünf bis sechs Sekunden brauchte ein erfahrener Arbeiter, um eine Büchse fachgerecht mit Brisling, wie die Sprotten hießen, zu füllen. Bei dem Besucher, der sich an Gummifischchen versucht, dauert es fast eine Minute, und das Ergebnis kann sich nicht sehen lassen. Die Blütezeit der Konservenindustrie setzte Anfang des 20. Jahrhunderts mit der Einführung neuer Technik ein, und der Direktor freut sich norwegisch-königlich, wenn er den Schalter umlegt und Etikettier-, Falz- und Lötmaschine zu rattern und rasseln und klackern beginnen, als wären sie bis gestern noch auf vollen Touren gelaufen. 59 Fabriken gab es 1925 in Stavanger. Und ihre Direktoren waren clevere Marketingleute: Sie besuchten Lebensmittelmessen weltweit, ließen Plakate drucken und beklebten die Dosen mit bunten Etiketten. „Loreley“ hießen die, „Norwegian girl“ oder „Kaiser Wilhelm“. Rund 44 000 Motive sollen es insgesamt sein, das Museum hat eine prächtige Auswahl davon.

In den 1960er Jahren ging der Absatz an Fisch bedenklich zurück. Da traf es sich, dass am Weihnachtsabend des Jahres 1969 die amerikanische Ölfirma Phillips stolz verkünden konnte, dass sie nach jahrelangen Bohrungen nunmehr fündig geworden sei: Ekofisk, Europas größtes Ölfeld, war entdeckt worden, der Aufstieg Norwegens zum Großverdiener und der Ausbau Stavangers als Zentrum des Petroleumgeschäfts konnte beginnen. Heute ist Stavanger ein quirliger, teurer Knotenpunkt, in dem große Konzerne residieren und 116 000 Menschen aus vielen Ländern leben, Vergnügungsmeile für Erdölarbeiter auf Urlaub, Sprungbrett zu den Plattformen und Versorgungsbasis für die Tanker und Unterwasseranlagen vor der Küste.

Rund um das Hafenbecken Vagen reihen sich alte Speicher und neue Restaurants, der Fischmarkt und die Ausflugsschiffe. Die strenge Skagen-Brücke schließt die Bucht zum offenen Wasser hin optisch ab, daneben ein Yachthafen, Getreidesilos zur anderen Seite. Der Dom hat seit 1272 unverändert seine romanisch-gotische Form erhalten und musste nur im Innern ein paar barocke Schnörkel hinnehmen. Die Altstadt, fast durchgehend Weiß in Weiß, zeigt exakt 173 Holzhäuser aus dem 18. und 19. Jahrhundert, ansehnlich verziert mit Stakettenzäunen und Vorgärten mit Hortensien, Rosen und Bux. Geschichtsträchtig ist der Boden ohnehin: Ganz in der Nähe bei Hafrsfjord schlug Harald Schönhaar 872 seine Konkurrenten und einte das Königreich – die haushohen, martialischen „Schwerter in Stein“ des Fritz Roed, 1983 eingeweiht, erinnern unübersehbar daran.

In diesem Jahr kommt neue Kunst nach Stavanger – bleibende und flüchtige. Das Programm von Europas Kulturhauptstadt 2008 sieht ungewöhnliche Auftritte und Bauten vor.

Unter dem Motto „Open port“ – offener Hafen, aber auch offene Türen – werden im Lauf des Jahres an die 150 künstlerische Projekte realisiert: Das reicht von „Mot himaleite“, einer Show aus 90 Skiakrobaten, Musikern und Tänzern in einem Amphitheater aus Schnee, über ein Friedenscamp für Kinder und zwei Dutzend neuer Holzgebäude, die im Rahmen von „Norwegian Wood“ als Leistungsschau norwegischer Zimmererkunst entstehen, bis zu „Märchen in der Landschaft“. Vier Gastkünstlergruppen leben jeweils vier Wochen in der Stadt: Das Muziektheater Transparent aus Belgien, die Handspring Puppet Company aus Südafrika, die Inbal Pinto Dance Company aus Israel und Oskaras Korsunowas Theatre Company aus Litauen.

Auch das Ölmuseum wird miteinbezogen. Direkt am Wasser erhebt es sich, einem kantigen Gebirgszug nicht unähnlich, mit seinem Monolith aus grauem Gneis, einem blauen Quader und drei silbernen Zylindern auf Stelzen im Meer. Hier wird der Stoff gefeiert, der die Bilanzen explodieren lässt. Bohrköpfe sind aufgereiht wie die Häupter von Ölgötzen, metallene Spinnen und Wasserkäfer hängen von der Decke: Roboter, die Pipelines säubern und Steine am Meersgrund beiseite räumen, Leuchtschrift zeigt in Echtzeit die Abflugzeiten der Helikopter von der Stadt zu den Plattformen an: „21.30 – West-Alpha“. Doch auch die „Schwarzen Tage“ werden nicht verschwiegen: Als etwa am 27. März 1980 die Plattform Alexander L Kielland kenterte und 123 Mann unter sich begrub. Nach dem Sicherheitstraining per Video geht es „offshore“, in die Bohranlage – nicht ganz so ungewöhnlich in Norwegen, wo 240 000 Menschen ihr Geld mit Öl verdienen und zu jeder Zeit angeblich ein Fünftel davon auf dem Atlantik arbeiten.

Gleich hinter der Kabine mit Bett und Fernseher kommen Krankenstation, Fitnessraum und Musikzimmer. Im Herzen der Anlage steht der Bohrraum, aus dessen Führerkabine der Blick aufs Bohrgestänge nach unten geht – und auf die See, in der, ein paar Dutzend Kilometer weiter, all diese Technik nicht Spielzeug, sondern Arbeitsgerät ist, im, wie die Internationale Arbeiterorgansiation meint, „gefährlichsten Beruf der Welt“. Dem Beruf, der es durch seine Arbeit erst möglich machte, dass aus einer wenig attraktiven Stadt der Ölsardinen ein Anziehungspunkt für Touristen und Kunstinteressierte wurde: Europas Kulturhauptstadt 2008. Franz Lerchenmüller

Weitere Informationen im Internet auf Engliusch: www.stavanger2008.com

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