Zeitung Heute : Reif für die Insel

Als Welcome-Drink bekommen sie auf Teneriffa heißen Tee, die Flüchtlinge aus Afrika. Und aus den Liegestühlen schaut ganz Europa zu

Deike Diening[Los Cristianos]

Kurt Neuner sah über die Palmen hinweg, über den Strand, das ganze Urlauberparadies. Es war der Ausblick, der ihm vertraut war, seitdem er vor zwölf Jahren hierher gezogen war. Er hatte das Apartment auch des Panoramas wegen gekauft. Das Meer wollte er sehen, hören und riechen können. Jetzt sah er, wie draußen an der Küste die Seenotrettung ein kleines Fischerboot zog. Er holte von drinnen ein Fernglas, um sich zu vergewissern. Dann ist ihm schlecht geworden.

Neuner ist Fotograf aus Deutschland. Er gibt die Zeitschrift „Teneriffa genießen“ heraus und ist entschlossen, das Schöne zu sehen und zu schaffen. Im März sah er eines der ersten Flüchtlingsboote aus Afrika, das tief im Wasser lag, mit zusammengepferchten Menschen darin, so entsetzlich viele, sie taten ihm entsetzlich leid.

Das war nur der Anfang. Allein im Mai kamen über 5000 Menschen in kleinen Fischerbooten auf die Kanaren, das ist mehr als im gesamten letzten Jahr. Schon seit Jahren kommen sie nach Fuerteventura, aber seitdem die Grenzen im Norden besser überwacht sind und sich der Startpunkt für die Reisen so weit in den Süden verlagert hat, bis in den Senegal, kommen auf allen Inseln Flüchtlingsboote an, die meisten auf Teneriffa, im Hafen von Los Cristianos. Seitdem sieht man immer die gleichen Bilder: Schwarze, mit Decken über den Köpfen, Teebechern in den Händen, am Ende ihrer Kraft. Und als wäre die Sache mit ihrer empörenden Ankunft abgeschlossen, hören dann die Bilder auf. Dann gibt es nur noch Zitate aus Madrid, Brüssel und Dakar. Aber wo sind die Flüchtlinge geblieben?

In Los Cristianos sind die Hotels und Apartments um die Bucht sortiert wie Eisenspäne um einen Magneten. Alle Balkone gucken aufs Meer. Es ist nur ein geografischer Zufall, dass das Flüchtlingsziel die Kanaren sind. Sie wollen nach Europa. Und vermutlich haben sie gar nicht bemerkt, dass ganz Europa sie empfangen hat. Im Liegestuhl. Engländer, Deutsche, Holländer, Italiener, Spanier. Liege mit Schirm sechs Euro am Tag.

Neuner sitzt in einem Sessel und weiß, dass dies ein bizarres Bild ist. Dass die Gegensätze schärfer werden in diesem Licht, weil Los Cristianos keine normale Stadt ist. Weil die Ärmsten dieser Welt zufällig neben denen aus dem Wasser gezogen werden, die sich etwas gönnen können. Dabei sind sie gar nicht so richtig reich. Nur so mittelreich, doch unendlich reich, verglichen mit jedem Afrikaner, der, jeden beschämend, nur mit einem letzten dreckigen Stück Kleidung an Land kommt. Das ist nicht zynisch, sondern sieht nur plötzlich so aus.

Im Hafen, dort, wo die Fähre nach La Gomera ablegt, steht Tag und Nacht ein Rote-Kreuz-Anhänger. Daneben liegt ein zusammengerolltes Zelt, daneben steht Austin Waimwright. Hier, sagt er, kommen sie an. So alle zwei Tage, ein Boot oder auch mehrere. Im März haben sie begriffen, dass die menschliche Welle nicht mehr abreißen würde. Sie haben ein Team eingesetzt, das Austin koordiniert: vier Leute, 70 Freiwillige. Man muss kein Arzt sein, um Decken zu verteilen.

Austin ist 24 Jahre alt, er setzt sich auf eine Wartebank und erzählt: Meistens, sagt er, sind 70 bis 80 Leute in einem Boot, das vollste hatte 186 an Bord. Manche sprechen Französisch, viele Wolof. In seiner Hosentasche hütet Austin einen Zettel mit den wichtigsten Phrasen in Wolof: Was tut dir weh? – Lan Mo Lay Meti, Wie heißt du? – No Tu Du, und Adios – Jaka Ak Jam. Die Reise hat oft zehn Tage gedauert, viele können nicht schwimmen, sie haben oft kein Radio, doch selbst einen Eimer, in dem die hundert Menschen das tun, was Menschen tun müssen, hat Austin noch nie bemerkt. Lachende, winkende Menschen hat er gesehen, die bei der Ankunft den Boden geküsst haben. Teilnahmslose, weinende und tote Menschen.

Sie kommen in afrikanischen Fischerbooten, „Cayucos“ oder „Pateras“, sie sind schwer zu orten, ziemlich flach für den Radar. Sie kommen am Tage und in der Nacht. Die Seenotrettung nimmt sie ins Schlepptau und zieht sie in den Hafen, wo das Rote-Kreuz-Zelt schon aufgebaut ist. Über ihnen kreist ein Hubschrauber.

Bei Alarm schnurrt Austins Team das Programm ab. Im Anhänger sind Medikamente, Generator, Flutlichtanlage, acht Liegen, sechs Bahren. Hier ist alles Kompetenz, Zuständigkeit, Effizienz. Sie raten den Menschen, zu laufen, da lösen sich die Krämpfe, die sich in den Tagen auf See gebildet haben. Oft sind sie unterkühlt und von der Sonne verbrannt zugleich. Sie waren so eng gepfercht, dass die Bootswand ihnen Wunden gescheuert hat, die zum Teil mit Diesel verunreinigt sind.

Zeit für den Welcome-Drink: heißer Tee, aber wenn sie zu kalt sind, injizieren sie warme Flüssigkeit, das wärmt schneller. Sie geben den Leuten Babytücher, mit denen sie sich das verkrustete Salz von der Haut wischen können. Und ein Paket neuer Kleidung: ein beiger Trainingsanzug, zwei T-Shirts, zwei Mal Unterwäsche, zwei Paar Socken. Die Flüchtlinge wissen noch nicht, dass das effiziente Überraschungspaket Europas für einige auch ihren Rückflug beinhaltet.

Europa begegnet ihnen mit Handschuhen und Mundschutz, aber das ist nicht persönlich gemeint. Entgegen aller Erwartung, sagt Austin, haben sie kaum Krankheiten. Die Familien haben ihre Besten geschickt. Die, die es schaffen sollen. Weshalb sie zusammengelegt haben und Land verkauft. Alle für einen. Für den, der später das Geld schicken soll.

Alle zwei Tage komme ein Boot, hatte Austin gesagt. Aber im Moment sind nur Touristen hier. Herübergeflogen mit dem Audio-Entspannungsprogramm der Airlines im Ohr, Kopfhörer drei Euro. Auch für sie gibt es Pakete: Halbpension, Vollpension, all inclusive. Sie wandeln auf Brücken über Pools und unter Palmen. Sie liegen reglos im Liegestuhl wie Instrumente in ihren Kästen. Die Unternehmungslustigeren unter ihnen umrunden vollkaskoversichert die Insel. Man hat an alles gedacht.

Wenn eine Frau verrenkt auf einer Bank in der Sonne sitzt, dann muss man sich keine Sorgen machen. Es geht ihr gut. Es ist nur der Versuch, die Unterarminnenseite, die Oberschenkelinnenseite und die Nierengegend gleichzeitig zu bräunen. Am Strand kann man beobachten, wie unterschiedlich die Vorstellungen vom Glück sind. Manche brauchen mindestens eine gefüllte Kühltasche neben sich, andere nur einen Faden zwischen den Pobacken. Sie sind harmlos, erwünscht, liquide. Es sind bloß Wetterflüchtlinge. Ihr Wohlstand liegt in Ringen um ihre Körper.

Der Tourismus ist die einzig nennenswerte Industrie der Kanaren. Sie ist abhängig von Bildern – und da passen, wie die Tourismusmanager finden, klapprige Boote, die von einem globalen Missverhältnis zwischen den Kontinenten zeugen, nicht hin. Kleinlich fürchten sie, dass von ihrem schönen Bild der Firnis platzt. Sie haben sich deshalb daran gemacht, die Spuren zu beseitigen. Erst haben sie die Flüchtlingsboote im Hafen verankert. Dort dümpelten sie tagelang zwischen den anderen Schiffen. Sie haben sie eingelagert oder verbrannt. Jetzt zerlegen sie sie noch vor Ort.

Die Flüchtlinge sieht man auf der Insel nicht, die Leute erzählen sich stattdessen Geschichten, wie die von dem Boot, das mit elf mumifizierten Leichen auf Barbados gestrandet ist. Afrikaner, arme Teufel, ein Leben mit eingebautem Scheitern. Alle haben sich mit der Vorstellung ausgezehrter, halbtoter Opfer arrangiert. Dabei sind sie auf der Insel. Ganz lebendig. Ihre Geschichte ist ja nicht mit ihrer Ankunft zu Ende. Wenn man nach 40 Tagen ihre Herkunft nicht kennt, dürfen sie sich frei bewegen. Viele bleiben in Spanien. Aber wo sind sie tatsächlich?

Sie werden schnell und mit Blaulicht in die Lager transportiert, fernab der Strände, aus den Augen der Touristen, um hinter Rolltoren, Gittern und Mauern zu verschwinden. Die Informationen sind spärlich und manchmal falsch, die Lager sind für Journalisten ohnehin geschlossen, heißt es.

Sie sind in Obhut des Militärs, der Polizei oder des Roten Kreuzes. Das größte Lager mit über 1000 Flüchtlingen soll in Las Raices sein, am Berg, wo die kieferngewürzte Luft feucht und neblig ist. Doch an einer Ecke mitten im Wald, wo die Straße von einem Bautrupp neu geteert wird, landen die Fernsehteams bei einer sommersprossigen Wirtin in einer Bar, wo sonst bloß Wanderer die Waden strecken. „Alle kommen hierhin“, stöhnt sie, „aber das Lager ist nicht hier. Es ist gleich hinter dem Flughafen Nord.“ Ein Militärcamp. Sperrzone. Vielleicht könne man sich durchfragen. An der Tankstelle steht ein Polizeiwagen. Sie mustern die Deutsche prüfend, dann fällt ihnen die WM ein, sie sagen: „O.k., folgen Sie uns.“

Der Ort heißt Esperanza, „Hoffnung“, aber von hier aus, quasi direkt hinter der Landebahn, können sie die Flugzeuge schon hören, mit der sie die spanische Regierung am liebsten direkt zurückschicken würde. Gegen die Sicht schützt an der Straße ein Erdwall. An das Torhäuschen ist eine Bombe gemalt mit brennender Lunte. Der Soldat zeigt sein Gewehr, schöne Zähne, aber kein Erbarmen. Am Schlagbaum darf nur noch der Blick weiter wandern. 100 Meter weiter hinten stehen Schwarze in bunten Kleidern.

Sie sind also noch auf der Insel, Hunderte Flüchtlinge. Und als ginge es darum, sie in den Lagern möglichst gründlich zu verstecken, soll eines in einem winzigen, abgelegenen Bergdorf im Westen der Insel sein. Die Wirte der kleinen Bars im Eck der Serpentinen zeichnen den Weg auf Servietten: Die Straße kräuselt sich den Berg hinauf, die Gänge werden niedriger, der Motor lauter, immer größer die Entfernung zum Meer, zu den Touristen, zu den Schiffen.

Die Höhe ist jetzt klamm und neblig. Wald. La Montañeta. Ja – hallo? Lourdes Guerrero kommt an das Eisentor, sie leitet das Camp. Es seien nur Minderjährige hier, sagt sie. Es sei nicht möglich, mit ihnen zu sprechen, der Jugendschutz ... Aber gucken, okay. Das Tor geht auf.

Es war immer eine Tischtennisplatte. Aber jetzt ist es eine Trommel, auf die zwanzig Hände schlagen. Die Rhythmen hallen hier oben wider, und die afrikanischen Laute werden die Leute in ihren Häusern vermutlich nur noch wütender machen. Trotzdem ist es vermutlich das hoffnungsfroheste Camp der Insel, denn sie sind dabei, anzukommen. Spanisch zu lernen. Hier herrscht zum ersten Mal Hoffnung und Übermut.

In der Küche schält die neue dicke Köchin Zwiebeln, bei ihrem ersten Essen haben alle applaudiert. Hier oben in klammer Höhe, morgens fünf Grad – die Sicht trübe, die Aussichten umso besser – wohnen seit zwei Wochen 41 Jugendliche von 12 bis 17 Jahren in einem Sommercamp des Roten Kreuzes. Provisorisch. Denn es ist nicht möglich, Minderjährige zurückzuschicken, wenn man ihre Familien nicht kennt. Werde in 90 Tagen die Familie nicht ausfindig gemacht, sagt Lourdes, bleiben sie halt da. Und werden Spanier.

La Montañeta ist ein winziger Ort mit beschränkten Bewohnern. Sie schrien und beschimpften die Jungs bei ihrer Ankunft als „dreckige Schwarze“. Sie warfen Steine, hängten beschriftete Bettlaken an das grüne Eingangstor und riefen nach dem Staatschef, dem großen Zapatero.

Was zur Folge hatte, dass die Jugendlichen das Lager eine Woche nicht verlassen konnten, man wollte warten, bis sich die Lage beruhigt hatte, bis die Leute sehen würden, dass von ihnen keine Gefahr ausginge. „Manche hier sind sehr verschlossen“, sagt Lourdes Guerrero. „Und wir fragen sie nicht.“ Nicht nach der Reise, auch nicht nach dem Geld, das dafür nötig war, und wie sie daran gekommen sind. Nicht, wie hoch das Wasser stand im Boot, und nicht nach den Eltern.

Ob sie sich Europa so vorgestellt haben? Ein provisorisches Camp mit Doppelstockbetten? Lourdes kann es nicht sagen, vermutlich ist es völlig anders. Sie wollten arbeiten, aber sie haben nicht mit den pädagogischen Konzepten Europas gerechnet. „Das müssen sie verstehen lernen.“ In Afrika, da sind sie Männer. Sie haben Berufe und ernähren eine Familie. Sie sind hergekommen, um zu arbeiten und Geld nach Hause zu schicken. Jetzt sind sie hier, gelten als Minderjährige, und sollen – spielen! Tischtennis und Trommeln und Schach und Kicker. Lourdes sagt, sie sind hoffnungsvolle Jugendliche, sie sollten jetzt eigentlich Comics kaufen und Süßes, und begreifen, dass diese Zeit eine Investition ist. Dass sie später bessere Jobs bekommen, wenn sie jetzt Konjugieren lernen.

Die Jungs sind stark und ihre Körper ungeheuer trainiert. Hier oben am Berg werden sie sich selbst wieder ähnlicher. Jetzt schauen sie wieder wie der Stolz ihrer Familien. „Sie haben so viel Energie und Willen“, sagt Lourdes. Es gelte jetzt herauszufinden, wer da eigentlich gekommen ist: Zimmerer, Fischer, Gärtner, auch Köche dürften dabei sein. „Was unterscheidet sie denn von unseren Teenagern?“, fragt Lourdes. Vielleicht seien sie einfach nur tapferer und zielstrebiger. Sie können alles Mögliche leisten, wenn man sie lässt. Ihr Leben fängt erst an. Und dann zeigt sie den Stundenplan, sie fangen an mit einer Stunde Sprachunterricht am Stück. Im Stillsitzen sind sie nicht gut, die Zeit muss man langsam erhöhen. Mittagessen ist von halb zwei bis drei Uhr, Siesta inklusive. „Klar, sie werden jetzt Spanier“, sagt Lourdes. „Das haben sie sich ja ausgesucht.“

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