Zeitung Heute : Reine Zeitverschwendung

Arbeitszeitpolitik sollte nicht missbraucht werden – findet die Wissenschaft

Lutz Haverkamp

Die gute alte Zeit? Zumindest für die Debatte um eine Verlängerung der Arbeitszeiten trifft dieses Sprichwort nicht zu. Denn die Deutschen müssen immer weniger arbeiten. Lag die tarifliche Wochenarbeitszeit 1991 im Osten noch bei 40,86 und im Westen bei 38,26 Stunden, sind es Ende letzten Jahres nur noch 39 und 37,4 Stunden gewesen. Soweit die Statistik.

Das Düsseldorfer Institut für Arbeit und Technik (IAT) hat berechnet, dass die faktische Wochenarbeitszeit bei 40 Stunden liegt. Und die Wissenschaftler stellen eine klare These auf: Die Diskussion um eine Verlängerung der Arbeitszeit führt nicht zu einer Belebung der Wirtschaft und Senkung der Arbeitslosigkeit, sondern konserviert lediglich die verkrusteten Strukturen auf dem Arbeitsmarkt. Der Grund: „Im Kern geht es nicht um Arbeitszeitpolitik, sondern um eine Senkung der Arbeitseinkommen pro Stunde über den Umweg von Arbeitszeitpolitik“, schreibt Steffen Lehndorff, Forschungsdirektor am IAT, in einer Studie. Das Anrennen der Arbeitgeber und Politik gegen die tarifvertraglichen Arbeitszeitbegrenzungen könne die unbeabsichtigte Nebenwirkung haben, dass Arbeitszeitpolitik als betriebliches Gestaltungsfeld diskreditiert werde, kommentiert Lehndorff weiter.

Und da hat Deutschland Vorbildliches geleistet: Nach einer EU-Managementbefragung aus dem Jahr 2000 reagieren 84 Prozent der Unternehmen im deutschen verarbeitenden Gewerbe auf schwankenden Kapazitätsbedarf mit einer Anpassung der Arbeitszeiten, gegenüber 70 Prozent im EUDurchschnitt. „Dabei wurden vielfältige Erfahrungen im komplizierten Prozess des Ausbalancierens unterschiedlicher Arbeitszeitinteressen im Betrieb gesammelt“, sagt Lehndorff. „Der Versuch einer Zweckentfremdung von Arbeitszeitpolitik könnte die Vertrauensbasis, die für diesen Prozess erforderlich ist, ernsthaft beschädigen.“ Das sei um so problematischer, als die arbeitszeitpolitische Initiative und Zusammenarbeit der Betriebs- und Tarifparteien in den kommenden Jahren dringend für eine neue Gestaltung der Lebensarbeitszeit benötigt wird. „Außerdem“, so stellt das IAT fest, „geben lange Arbeitszeiten Anlass zur Zeitverschwendung.“

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