Reinhard Mey : "Gesine Schwan ließ mich abschreiben"

… und das vergisst ihr Reinhard Mey nie. Er will sie als Bundespräsidentin, denn: Sie sei schon in der Schule die Schlaueste gewesen – und dann diese Knallerfrisur!

Interview: Jens Mühling

Herr Mey, singen Sie beim Fliegen?

Ich käme nicht auf den Gedanken.Vielleicht mal ein Freudenschrei, wenn man an einem strahlend blauen Himmel zwischen Kumuluswolken entlangfliegt. Das sieht unglaublich schön aus, man könnte fast religiöse Gefühle bekommen.

In knapp zwei Wochen wird Tempelhof geschlossen, der Flughafen, den Sie in „Über den Wolken“ besangen: „Wind Nordost, Startbahn Null-Drei …“

Ehrlich gesagt: Es gibt in Tempelhof gar keine Startbahn Null-Drei. Das Lied handelt vom Flugplatz Wilhelmshaven, wo ich meine Fluglizenz gemacht habe. In Berlin durfte man zu Mauerzeiten nicht fliegen. Aber Tempelhof war trotzdem ein Dreh- und Angelpunkt in meinem Leben.

Erinnern Sie sich an die erste Begegnung?

Das war während der Luftbrücke 1948/49, ich war sechs. Meine Tante und ich standen stundenlang auf dem Trümmerberg neben der Piste und sahen den Rosinenbombern zu. Ich habe mir dann so eine DC-3 als Spielzeug gewünscht. Es gab damals keine Spielsachen zu kaufen, aber Tante Ilse stöberte ein selbstgeschnitztes Holzmodell auf. Es war einer der schönsten Tage meiner Kindheit.

Berlin ohne Tempelhof, das muss schmerzlich für Sie sein.

Es verschwindet ein Monument. Und ich halte es auch für eine verkehrspolitische Fehlentscheidung. Schönefeld wird den Bedarf nicht auffangen können, der entsteht, wenn Tempelhof und später Tegel geschlossen werden. Die Leute werden noch lange Gesichter machen.

Haben Sie denn gar kein Mitleid mit den armen Flughafenanwohnern?

Klar, wer will schon ständig den Geschmack von Kerosin auf der Zunge haben. Aber zu wissen, da ist ein Platz, den ich von klein auf kenne und an den ich zurückkehre, das ist für mich nach Hause kommen. Ich bin sicher, viele Berliner werden traurig sein, wenn die Runway hochgeklappt wird. Aber vielleicht hat es auch sein Gutes, wenn man demnächst nach Schönefeld rausfahren muss. Das wird die Fluglust der Berliner deutlich bremsen, vielleicht fahren dann mehr Leute Bahn.

Ihre eigene Fluglust ist ungebrochen. Wie fing es damit an?

Ich hatte 1972 einen Auftritt in Wilhelmshaven und hatte mich verbucht: Am gleichen Abend sollte ich in Frankfurt auf die Bühne. Ich ging zum Flugplatz und fragte, ob mich jemand fliegen könnte. Es fand sich ein Charterpilot namens Uli Cop, der mich mit der Einmotorigen nach Frankfurt brachte. Unterwegs sagte er: „Hier, probier doch mal.“ Ich war so begeistert, dass ich ein halbes Jahr später die Lizenz bei ihm machte ...

… auf der Startbahn Null-Drei. Bei der einen Lizenz blieb es nicht: Sie haben Scheine für einmotorige und zweimotorige Flugzeuge, Doppeldecker, Kunstflug, Instrumentenflug, Hubschrauber, Bootsschein binnen, Bootsschein See, Motorrad.

Ich habe große Freude an Motoren, auch als Selbstbeweis: Die Mathematik, die mir mein Lehrer nicht beibringen konnte, habe ich mir selber beigebracht, als ich Trigonometrie für die Instrumentenflugprüfung lernen musste. Das hilft, Wunden aus der Kindheit zu heilen, als man in der Schule gesagt bekam: Du bist zu doof dafür.

Im Rechnen brachten Sie es weit: Sie hatten Ihr eigenes Charterflugunternehmen „Rent and Fly“.

Da haben aber nur die Navigationsrechnungen gestimmt, nicht die Rentabilitätsrechnung. Mein Fluglehrer Uli Cop und ich hatten eine Marktlücke entdeckt: Im damaligen Ölhafen Wilhelmshaven gab es großen Transportbedarf für Ersatzteile der Tankerschiffe. Ständig musste eine Pumpe nach Gran Canaria geflogen werden oder ein Ventil nach Marseilles. Eine Zeit lang florierte das, der Flieger war ständig in der Luft. Dann kam die Ölkrise, die Kunden blieben aus. Aber die Flüge, die ich mit Uli Cop gemacht habe, bleiben ein unvergleichliches Erlebnisreservoir. Alles, was ich über das Fliegen weiß, habe ich von ihm.

Er ist …

… tot, ja. Abgestürzt. Durch einen Fehler beim Kunstflug.

Genau wie Ihr späterer Kunstfluglehrer Manfred Strößenreuther. Riskantes Hobby.

Ich mache inzwischen selbst keinen Kunstflug mehr. Ich habe das gemacht wie Schleudertraining beim Auto – um die Grenzen zu kennen.

Über den Wolken sind Sie wagemutig, unter den Wolken ziemlich sesshaft. Sie besuchten das Französische Gymnasium Berlin, Ihre Ausbildung machten Sie bei Schering, umgezogen sind Sie nur zweimal im Leben.

1953 mit meinen Eltern von Schulzendorf nach Frohnau, 1972 in ein eigenes Haus auf der anderen Straßenseite. Es gab oft Momente, wo ich gesagt habe, jetzt ziehe ich weg. Aber das ist wie mit einer Liebesbeziehung, da schlägt man auch mal eine Tür zu, aber man kommt wieder und merkt, das ist die große Liebe, bei der bleibe ich.

Auch Ihre Karriere begann in Berlin. Sie tingelten mit Hannes Wader durch die Kneipen.

Damals spielte man kein ganzes Programm, sondern nur eine Viertelstunde, dann war Hannes dran, dann Ulrich Roski, dann Schobert und Black, später kam Jürgen von der Lippe dazu, die ganze Crème de la Crème. Jeder spielte ein paar Lieder, für einen Zehner und ein Bier.

Bald wurde Berlin zu klein: Unter dem Pseudonym Frédérik wurden Sie in Frankreich zum Chansonstar, in Holland wird Ihr Lied „Gute Nacht, Freunde“ seit über 30 Jahren jeden Abend nach den Nachrichten im Radio gespielt.

Der Unterschied ist, dass ich die holländischen Stücke nicht selbst schreiben konnte, auch das Singen auf Holländisch musste man mir mühsam beibringen. Wohingegen die französischen Stücke meine DNA in sich haben.

In Deutschland verkauft Ihre Plattenfirma EMI Jahr für Jahr mehr Reinhard-Mey-Platten als Beatles-Tonträger. Wie erklären Sie sich das?

Ich erkläre mir das gar nicht, ich bin dankbar. Aber ich begreife das auch als Verpflichtung, mit diesem Erbe gewissenhaft umzugehen. Wenn ich gefragt werde, dürfen wir eine Karaoke-Version oder einen Klingelton aus dem und dem Lied machen, dann würde das vielleicht Geld bringen, aber die Antwort ist trotzdem Nein. Jeder kann sich das Lied runterladen und es zum Klingelton machen. Aber ich würde es nie an Jamba verkaufen. Ich habe von meinem Publikum die Freiheit bekommen, keine Werbung für Brotaufstriche oder Mineralwasser oder Geflügelwurst machen zu müssen. Die sagen: Du alter Sack, du brauchst nicht noch irgendwo anders Kohle zu schachern, schreib gute Platten, dann bleiben wir bei dir.

Alle drei Jahre gehen Sie auf Tour, bei der aktuellen sind es 60 Städte in 60 Tagen. Jeden Abend stehen Sie vor einem ausverkauften Riesensaal, ganz alleine, nur mit Akustikgitarre. Ihr Freund Klaus Hoffmann sagte mal: Der Reinhard kotzt fast vor den Auftritten.

Meine Frau redet mir gut zu: Du hast es doch tausendmal gemacht, du hast den ganzen Sommer geübt, es wird alles gut gehen. Aber sobald sie schweigt, kribbelt es wieder. Ich muss dieses Lampenfieber wohl durchleiden, die Belohnung ist das Hochgefühl, wenn die Leute glücklich nach Hause gehen. Den Nervenkrieg nehme ich auf mich. Vielleicht auch, um zu gucken, wo die Grenze ist. Denn die Touren bleiben ja immer 60 Tage lang, nur bin ich jedes Mal drei Jahre älter.

Wo sind eigentlich die jungen Liedermacher?

Ich glaube, dass es die gibt. Was fehlt, ist das Podium, wo eine breite Öffentlichkeit sie entdecken kann. Wir hatten das Glück, dass es in den Siebzigern Radio- und Fernsehsender gab, die unsere Musik spielten. Heute ist deutsche Musik abgeschoben auf unerträgliche Schlagersendeplätze – da ziehe ich es vor, im Radio gar nicht zu laufen. Und der Hammer ist, dass die Leute sich davon nicht beeindrucken lassen, denn die Tournee ist ausverkauft. Insofern ist das für mich kein Problem, aber für die jungen Leute schon, die haben keine Chance. Es gibt ja hier in Berlin Leute wie Sebastian Krämer oder Bodo Wartke: handwerklich perfekt, werden aber nie gespielt.

Als Reinhard Mey noch im Radio lief, hörte man selten Ihre politischen Lieder, eher die menschelnden Stücke …

… und alles, was witzig war. Von zwölf Liedern eines Albums sind immer nur die drei lustigen gelaufen. Was sicher dazu beigetragen hat, dass viele mich für den Bruder Lustig vom Dienst halten.

Von Reinhard Mey denkt man immer, das ist dieser unheimlich nette Mensch, der so nette Lieder singt. Geht Ihnen das manchmal auf die Nerven?

Nein. Erstens glaube ich, dass ich wirklich nett bin. Und zweitens komme ich mit diesem Vorurteil klar, weil ich mir erklären kann, wie es zustande kommt. Jeder, der die Platten von vorne bis hinten hört, wird sagen, das stimmt so nicht.

Trotzdem: Hatten Sie nie Lust, mal alles anders zu machen? Den Anti-Mey zu geben?

Dazu müsste ich mich verbiegen. Auf die Kacke hauen, nur um auf die Kacke zu hauen, das ist bescheuert. Wenn man über etwas zornig ist, muss man es ausdrücken, aber man muss das nicht extra züchten.

Es muss ja nicht der böse Mey sein. Sie könnten mit E-Gitarre auf die Bühne steigen, wie Bob Dylan, den die Folkfans daraufhin als „Judas“ beschimpften.

Darüber habe ich oft nachgedacht. Bloß, dann bräuchte ich auch eine Band. Und dann ist es vorbei mit dem Einzelgänger, der ich gerne bin. Sicher spielt auch der Wunsch eine Rolle, dass ich notfalls ohne jede Technik ganz alleine mit der Gitarre auftreten kann.

In den Sechzigern wandte sich nicht nur Bob Dylan vom Folk ab, damals wurde auch das legendäre Liedermacherfestival auf der Burg Waldeck im Hunsrück von Politaktivisten gekapert: „Stellt die Gitarren in die Ecke und diskutiert!“ War das hart für Sie?

Überhaupt nicht. Als Waldeck 1964 losging, war es toll. Da entstand eine Alternative zur deutschen Schlagerschnulze. Das lief drei Jahre lang, 1967 war es schon nicht mehr ganz so neu, und als es 1968 den Bach runterging, hatte ich mich eigentlich schon davon verabschiedet.

Es hat Ihnen nichts ausgemacht, dass man Ihnen vorwarf, Sie stünden der Weltrevolution im Weg?

Es war geplant als Forum verschiedener musikalischer Meinungen, nicht als politisches Forum. Immer nach der fünften Note rief jemand aus dem Publikum: Diskussion! Besonders leidgetan hat es mir für Hanns Dieter Hüsch, dem übel mitgespielt wurde von Leuten, die außer ihrem Zerstörungswillen nichts zu bieten hatten. Es war keine Auseinandersetzung mit ihnen möglich.

Auch 1968 in Paris beobachteten Sie die Krawalle im Studentenviertel lieber aus der Ferne.

Ich konnte die Studenten verstehen: Der Muff von 1000 Jahren, den man in Deutschland anprangerte, herrschte an den französischen Unis wirklich. Nicht verstehen konnte ich, dass Blut vergossen wurde, vorsätzlich. Gewalt lässt mich schaudern. Im Mai 1968 kam ich direkt aus Paris nach Waldeck, wo die Leute ein Klein-Paris inszenieren wollten. Mir hatte schon Groß-Paris gereicht.

Ein paar Jahre später erschien Ihr 68er-Spottlied „Annabelle“. Und der Kritiker Thomas Rothschild schrieb: „Mit dieser Karikatur einer linken Studentin entpuppte sich Reinhard Mey endgültig als einer, der seinen kleinbürgerlichen Zuhörern nach dem Mund singt.“ Das muss wehgetan haben.

Für Rothschild war ich der Antichrist. Ich wusste natürlich, dass „Annabelle“ missverstanden werden könnte. Und dass man sich Angriffsflächen bei mir sucht, ist völlig okay – wer austeilt, muss auch einstecken können.

26 Jahre später schrieben Sie ein Versöhnungslied. In „Der Biker“ heißt es: „Annabelle, diesmal machen wir zwei es richtig / Ideologie ist diesmal nicht so wichtig / Kleinliche Polemik, sinnloses Gestreite / Eigentlich standen wir beide auf derselben Seite.“

Ich singe die beiden Lieder seitdem nur noch im Doppelpack. Ich glaube, dass ich, ohne je ein Vorzeige-68er gewesen zu sein, mir mehr von den Idealen bewahrt habe als die meisten echten 68er. Es gab im Tagesspiegel mal eine Karikatur von zwei 68ern, der eine ein Hippie, der andere ein Bekehrter mit Anzug und Krawatte, und beide sagten: igitt, ein 68er. Beide sind mir fremd. Aber was ich am 68er-Aufbruch positiv fand, das Infragestellen der alten Autoritätsgläubigkeit, den Pazifismus, die Offenheit für andere Kulturen und Denkweisen, das ist mir immer noch sehr nahe. Ich glaube, ich bin der gute 68er.

Sie lachen.

Na ja, weil es anmaßend klingt. Aber ich finde es erstrebenswert, für die Ideale der 68er einzustehen, weil es die Ideale der Menschlichkeit sind.

Politisch könnte man Sie als Verkörperung von Schwarz-Grün bezeichnen: Sie sind konservativ, was ihre Musik, ihr Familienleben und ihre Heimatverbundenheit angeht, gleichzeitig werben Sie für Umweltschutz und unbedingten Pazifismus.

Die Grünen sind doch gar nicht mehr pazifistisch.

Da sind Sie grüner als die Grünen.

Oder so grün, wie die Grünen mal waren. Ob Grün, Rot, Schwarz oder Gelb, ich habe bei jeder dieser Parteien schon mal mein Kreuzchen gemacht, weil mich irgendein Programmpunkt überzeugt hat – und dann später vor Zorn in die Tischkante gebissen, weil die eben auch für Sachen stehen, die ich nie unterstützen würde.

Haben Sie einen Wunschkandidaten für die Bundespräsidentenwahl?

Ich würde natürlich gerne Frau Schwan sehen …

… Ihre Klassenkameradin am Gymnasium.

Sie war schon damals superschlau, sehr gerecht, sehr redlich. Wenn man ein eher lausiger Schüler ist, hat man zum Klassenbesten ja oft ein gestörtes Verhältnis. Das hatten wir bei Gesine nicht, weil sie einfach Klassenbeste by nature war. Sie musste nicht streben oder schleimen, sie hatte einfach das Zeug dazu. Sie war auch nie eine von denen, die den Arm übers Heft legten, damit man nicht abkupfern konnte. Sie hat auch mal das Heft mit den richtigen Lösungen nach hinten gehalten.

Sie haben bei Gesine Schwan abgeschrieben?

Ja! Sie war da sehr kameradschaftlich. Weshalb wir sie immer zur Vertrauensschülerin gewählt haben. Ich würde sie heute noch zur Vertrauensschülerin wählen – oder zur Bundespräsidentin, wenn ich die denn wählen könnte. Sie ist einfach eine Klassefrau. Allein diese unglaubliche Frisur! Einfach ein Knaller.

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