Zeitung Heute : Reinickendorfs Sonnenküste

Die Greenwichpromenade ist noch immer der schönste Weg am Tegeler See. Und weil sie wieder belebt sein soll wie noch vor Jahren, steuern Geschäftsleute allerlei neue Konzepte bei – und hoffen auf die Mithilfe des Bezirks

Rainer W. During

Die alten Kanonen an der Greenwichpromenade, die ihren Namen 1966 zu Ehren des Londoner Partnerbezirks von Reinickendorf erhielt, zielen hinaus auf den Tegeler See. So, als wollten sie von der Havel kommende Eindringlinge abschrecken. Doch die Geschütze sind ungeladen und wurden noch nie abgefeuert. Gäste werden an Reinickendorfs Sonnenküste nicht nur gerne gesehen, sondern in Zeiten des allgemeinen Sparens von den Betreibern der Ausflugsdampfer und Gastwirte geradezu umworben.

Manfred Rankewitz will die traditionsreichen „Seeterrassen“ neu beleben. Im Februar hat er die Gaststätte übernommen, die in den 60er Jahren gemeinsam mit den Wohnhäusern „Nixe“ und „Neptun“ nach Plänen von Architekt Heinz Schudnagies gebaut wurde. Er setzt auf mediterrane Küche und Außergewöhnliches wie den „Themen-Brunch“ ( gegrilltes Hähnchenbrustfilet mit Tomatengnocchi und kleinem Salat, Frische Erdbeeren mit Vanilleeis und Sahne).

„Früher war hier richtig was los“, sagt der Gastronom und deutet aufs Ufer. Er wünscht sich wieder mehr Veranstaltungen auf der Promenade und will selbst mit gutem Beispiel vorangehen, bietet Musikveranstaltungen und Bälle im Veranstaltungszentrum für bis zu 1500 Personen. Spaziergänger allein können ein Ausflugsrestaurant heute nicht mehr füllen. Die ehrgeizigen Pläne des Bezirks, der Greenwichpromenade mit Boule- und Beachvolleyballplätzen, Biergärten, Anlegeplätzen für Fluss-Kreuzfahrtschiffe und einer 100 Meter langen Seebrücke das Flair eines Ostseebades zu verleihen, sind vorerst an fehlenden Investoren gescheitert.

Ein Jogger trabt unter der Platanenallee entlang. Auf dem Spielplatz tummelt sich eine Kita-Gruppe zwischen Rutschbahn und Schaukeln. Dort, wo die Straße Alt-Tegel einmündet, erweitert sich die Greenwichpromenade zu einem großen Platz. Auf den zahlreichen Bänken genießen Rentner die Frühlingssonne. Spaziergänger füttern eine Schar schnatternder Enten mit Brotkrumen, draußen auf dem Wasser landen mit elegantem Flügelschlag zwei Schwäne. Am gegenüberliegenden Ufer hebt sich das Strandbad Tegel als schmaler, hellbrauner Streifen von der Kulisse des Tegeler Forstes ab.

Hier, am Nordteil der Promenade, reiht sich Stegbrücke an Stegbrücke, liegen sie nebeneinander zur Abfahrt bereit, die großen und kleinen Ausflugsdampfer. Von der „Astor“ über die „Hanseatic“ bis zum „Großen Kurfürst“. Gerade legt die „Havelqueen“ zur Oberhavel-Rundfahrt ab. Seit dem Mauerfall reichen die Fahrtrouten von Oranienburg über Potsdam bis nach Brandenburg/Havel und selbst nach Stettin.

Doch die Fahrgäste kommen nicht mehr so wie einst. „Die Leute schauen aufs Geld“, sagt Rainer Tempelhof, Kapitän des „Moby Dick“. Auch nach 32 Jahren ist der Dampfer mit seinen 400 Plätzen das Flaggschiff der Stern- und Kreisschifffahrt. Seit einem Jahrzehnt ist die Greenwichpromenade sein Heimathafen. Und „Moby Dick“ ist nach wie vor ein Publikumsliebling.

Doch Konkurrenz belebt das Geschäft: Vor lauter unterschiedlicher Angebote übertönen sich an den Wochenenden die Kartenverkäufer oft gegenseitig, wenn sie versuchen, den Spaziergängern ihre Touren schmackhaft zu machen. Um neue Kundenkreise zu erschließen, setzen die Reeder verstärkt auf Eventfahrten von der „Halloween-Geisterparty“ bis zur „Karibischen Nacht“.

Die „MS Deutschland“ ist indessen dauerhaft vor Anker gegangen und dient jetzt als Restaurationsschiff mit gutbürgerlicher Küche.

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