Zeitung Heute : Reis, Salat und Pumpguns

„Wir wissen nicht, was Frieden ist“, sagt ein Afghane. Elf Menschen wurden in der Nähe von Kundus ermordet – einer Region, in der die Bundeswehr stationiert ist. Was kann sie tun?

Stefan Braun[K] us

Jetzt ist es passiert. Zum ersten Mal in dieser Härte im eigentlich von deutschen Soldaten kontrollierten Gebiet. Bei einem Anschlag gegen Ausländer in der nordafghanischen Provinz Kundus sind elf Menschen getötet worden. Mindestens acht afghanische Angreifer überfielen mitten in der Nacht ein Camp chinesischer Bauarbeiter, ermordeten erst den afghanischen Wachmann und schossen dann blind in die Zelte der Chinesen. Anschließend konnten die Angreifer entkommen. Und den Soldaten vom deutschen Wiederaufbauteam bleibt nichts anderes als die Spurensuche – und die Versorgung der Verletzten.

Damit, so scheint es, tritt der deutsche Einsatz in Nordafghanistan in eine neue Phase. Erstmals gibt es die Order an alle deutschen zivilen Helfer, die Stadt Kundus vorläufig nicht zu verlassen. Erstmals in den gut sechs Monaten, in denen die rund 300 deutschen Soldaten nun hier sind, gibt es einen ernst zu nehmenden, sehr gefährlichen Anschlag in einer bisher als einigermaßen ruhig geltenden Region. Der Anschlag fand rund 40 Kilometer südlich der Stadt Kundus statt. Noch nicht geklärt ist vor allem, ob er einen politischen oder doch eher einen räuberischen Hintergrund hat.

Bisher sah alles ganz gut aus. Das hat auch mit dem Stolz der Menschen zu tun. Er ist groß und ungebrochen. Und er hat auch einen Namen. Egal, welchen Weg man ins nordafghanische Kundus nimmt, an Mohammed Schah Massud kommt keiner vorbei. Kaum ist man angekommen am kleinen, zerbombten, mühselig geflickten Flughafen, da thront er schon über den Reisenden. Ein großes Bild des „Löwen vom Pandschirtal“, wie er liebevoll genannt wird, hängt am Tower. Ein Bild, das auch die deutschen Soldaten und Entwicklungshelfer als Erstes erblicken – und das ihnen fortan immer wieder begegnet: am Tor in die Stadt, am Kreisverkehr mitten im Zentrum, in den Büros fast jeder Verwaltung. Natürlich gibt es auch Porträts von Präsident Hamid Karsai, aber Massuds Konterfei hängt stets daneben, umrahmt von Blumen. An ihm, dem sagenumwobenen Kommandeur der Nordallianz, haben sie sich hier aufgerichtet, als es gegen die Sowjets ging, gegen die Mudschahedin und später gegen die Taliban. Er soll auf ewig Mut geben – auch wenn er längst tot ist, ermordet zwei Tage vor dem 11. September.

Paschtunen, Tadschiken, Usbeken – alle Menschen im Nordosten Afghanistans wollen aufrecht gehen. Mag sein, dass 20 Jahre Krieg das Land ausbluteten. Sie fühlen sich nicht als Verlierer. Nicht gegenüber den Sowjets, nicht gegenüber der Taliban, nicht gegenüber den Amerikanern. Dass in ihnen viel Energie steckt, lässt sich dort erkunden, wo sich alle zeigen: auf dem Basar. Am besten, wenn sich am Nachmittag die Sonne senkt, wenn das Licht weicher wird und die ganze Stadt in Bewegung gerät. Wie aufgeladen wirken die Menschen von der Hitze des Tages. Und über allem hängt der Staub, er raubt Sicht und Orientierung. Das Abwasser fließt durch offene Kanäle neben der Straße. Ausgelassen ist niemand, Leichtigkeit fehlt selbst den Kindern. Neugier ist behutsam, ist verrückterweise hinter den Burkas der Frauen am größten. Über allem steht Vorsicht geschrieben. Jeden Moment kann wieder etwas passieren.

Auf dem Markt gibt es noch nicht viel zu kaufen. Es gibt kaum Läden, aber zuhauf dunkle Verschläge und Kleinsthändler mit Pferdekarren. Salat und Reis liegen aus. Hammelfleisch hängt an großen Fleischerhaken. Die Händler für Hausrat verkaufen Eimer, die sie aus alten Autoreifen zusammenkleben. Nur wenig moderne Güter sind zu haben: Jeeps vor allem (wurden von den Saudis zu Hauf ins Land gebracht), Fernseher mit Satellitenschüsseln für 200 Dollar und Pumpguns.

Das vor allem ist Kundus, der Ort, in dem deutsche Soldaten für Stabilität sorgen sollen. Nicht nur auf dem Thermometer steigen hier jetzt nach dem Anschlag die Temperaturen, und in Deutschland stellen Politiker die ersten skeptischen Fragen. So skeptisch, dass sich das Verteidigungsministerium in Berlin gestern bemüßigt sah zu erklären, dass es an seiner Strategie nichts ändern werde.  

Hunderttausend Menschen leben in der Stadt, 500000 in der Region gleichen Namens. Das Gebiet umfasst an der breitesten Stelle 640 Kilometer, an der längsten sind es 340. In das 200 Kilometer entfernte Feisabad braucht ein Jeep wegen der schlechten Straßen zwölf Stunden. Es gibt einen zivilen Gouverneur, er heißt „Ingenieur Omar“. Und es gibt einen heimlichen Herrscher, den Kommandeur des VI. Korps der früheren Nordallianz, Mohammed Daud. Er soll noch 20000 Kämpfer unter Waffen haben. Der Chef der deutschen Militärpolizei, Major Timm, sagt: „Es sieht friedlich aus, aber es kann jederzeit kippen.“ Spätestens seit dem Anschlag auf die Chinesen weiß man, wie Recht er damit hat.    

Stabil ist deshalb, jedenfalls bisher, vor allem der Wille der Deutschen, mit den Afghanen das Land wieder aufzubauen. Knapp ein Dutzend deutsche Ingenieure, Techniker, Handwerker sind als Projektleiter nach Kundus gekommen. Was sie mit deutschem Geld und zumeist afghanischen Händen räumen und bauen und entstehen lassen, gehört zum Grundsätzlichsten: Straßen, Brücken, Schulen, Krankenstationen.

Auch Mohammed baut. Und sein Werkzeug ist eine Schaufel. Mohammed ist 27 Jahre alt, er hat sieben Kinder. Er hat Arbeit gefunden, und er strahlt mit blendend weißen Zähnen: „Ich bin überglücklich, dass ich das hier machen darf.“ Vor Wochen hat er hier den ersten Job seit Jahren bekommen. „Unter den Taliban waren wir nichts. Ich kann nicht lesen und schreiben. Da machten die mit dir, was sie wollten.“ Jetzt hat Mohammed jeden Morgen um sieben eine Schaufel in der Hand und kratzt und schabt, schiebt und schaufelt mit 150 Gefährten eine Straße frei. Die ist überzogen mit Dreck und Müll und Kotresten aus vergangenen Jahrzehnten. In ein paar Monaten soll eine asphaltierte Straße entstehen. Doch davor muss der Dreck abgetragen werden. Schnell geht das nicht. Aber es geht. Und Mohammed bekommt für seine Arbeit fünf Dollar am Tag. Hätte er einen Pferdekarren, könnte er 14 Dollar verdienen. Mit den Karren wird Schlamm aus dem Fluss herantransportiert, als Grundlage für die Grundlage sozusagen.

Die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) will auf diese Weise zunächst 14 Kilometer Dorfstraßen in Kundus herrichten. Die KfW kostet das 2,5 Millionen Euro. Die 150 Schaufler und 50 Pferdekarrentransporteure verdienen zwischen 120 und 300 Dollar im Monat. Das ist nicht wenig. Ein Lehrer bekommt monatlich gerade 50, ein Straßenpolizist nur 25 Dollar. Die KfW sagt dazu: „Wir wollen nicht nur Straßen bauen. Wir wollen auch Nachfrage schaffen.“ Und Mohammed sagt, unter dem Beifall seiner schnell hergelaufenen Schaufler-Kollegen: „Ich will, dass meine Kinder zur Schule gehen und etwas lernen.“

Es gibt immer mehr solcher kleiner Lichtblicke. Ein Grund dafür heißt Joachim Bönisch. Ein Bär von einem Kerl ist das, mehr als 20 Jahre Entwicklungshilfe hat er auf dem Buckel. Seine Stationen heißen Dschibuti, Osttimor, Tschad und Nordkorea. Dann kam er 2001 ins westafghanische Herat, als dort noch die Taliban herrschten. Und seit Januar sitzt der Mittvierziger in Kundus. Bönisch arbeitet für die Deutsche Welthungerhilfe, Bönisch baut Brunnen, unter anderem. Das bedeutet: Er reist wie kaum einer übers Land, spricht mit Dorfältesten und den Wasserkomitees der Gemeinden. Und erst dann, wenn er sie zur Kooperation überzeugt hat, wenn klar ist, dass „die Deutschen“ nicht nur einen Brunnen bauen, sondern die Afghanen auch dessen Bestand sichern, dann besorgt er das Geld, die Arbeiter, die Materialien. Bönischs Credo: „Es muss die Afghanen was kosten. Nur dann ist es auch etwas wert.“

Brunnen bauen – das war auch das erste große Ziel der Bundeswehr. „Sie sind gekommen, sie haben die Armut und die Trockenheit hier gesehen, und sie haben gesagt: Da müssen wir sofort helfen.“ Bönisch berichtet das. Und er lächelt gutmütig dabei. „Eine menschliche Reaktion. Nur: So vorzugehen ist falsch.“ Die Hilfe werde so zur milden Gabe. Und diese Geste wollen die Entwicklungspolitiker nach vielen schlechten Erfahrungen heute verhindern. „Wenn du willst, dass etwas lange wirkt, darfst du kein Wohltäter sein. Du musst Partner werden.“

Nicht nur in der Frage der Brunnen hat es zwischen den Soldaten und den Entwicklungspolitikern vor Ort geblitzt und gedonnert. Es hat, mindestens hinter verschlossenen Türen, auch übers Grundsätzliche einen handfesten Krach gegeben. Offiziell, so sagt es der Bundestagsbeschluss zum Einsatz in Kundus, sollen beide Seiten gleichberechtigt arbeiten. Kaum aber war die Bundeswehr eingetroffen, setzte ihre Führung, unterstützt vom Vertreter des Auswärtigen Amts, darauf, dass der militärisch-diplomatische Teil das Kommando übernehme – was die Vertreter der Entwicklungspolitik nicht akzeptieren wollten. Bönisch sagt: „Sobald wir mit dem Militär verbunden wären, betrachteten uns die Menschen nicht mehr als neutrale Helfer. Das müssen wir verhindern.“ Eine Debatte, die verschärft geführt wird, seitdem in der vergangenen Woche fünf Mitarbeiter der Organisation Ärzte ohne Grenzen (drei Europäer, zwei Afghanen) im Nordwesten Afghanistans erschossen wurden – und seitdem bekannt geworden ist, dass ausgerechnet eine private amerikanische Sicherheitsfirma namens Dyncorp in Kooperation mit dem afghanischen Innenministerium in Feisabad mit dem Abbrennen von Drogenfeldern beginnen will.   

Noch komplizierter wurde der Konflikt zwischen Militärs und Entwicklungspolitikern durch die Eitelkeiten zu Hause. Auch den Helfern in Kundus ist der Profilierungsstreit zwischen den Ministern in Berlin nicht verborgen geblieben. Zitieren lassen will sich niemand. Aber die Geschichte, dass sich Fischer, Struck und Wieczorek-Zeul im Kampf um die besten Plätze auf der Afghanistankonferenz fast so etwas wie ein Handgemenge lieferten, ist auch in Kundus angekommen.

Immerhin, mittlerweile haben alle Seiten Besserung gelobt. Die Arbeitsteilung ist konkreter geworden, auch weil sich die Bundeswehr jetzt auf die „Stimme der Freiheit“ konzentriert. Das ist der Name für eine Zeitung und einen Radiosender, die es in Kabul schon länger gibt. In Kundus kam Anfang Januar zuerst die Zeitung, aber weil noch immer 90 Prozent der Frauen und 40 Prozent der Männer Analphabeten sind, ging bald auch das Radio auf Sendung. Die Bundeswehr hat kein Geld für Brunnen und Straßen. Aber sie hat die PCs und die Technik fürs Drucken, Schneiden und Senden. Elf Redakteure in Uniform sind daran beteiligt, außerdem drei weibliche und zwei männliche afghanische Kollegen. Sie vor allem recherchieren und übersetzen. Und sie garantieren, dass der Sender in der Landessprache Dari, die Zeitung (Auflage 20000) zusätzlich in Englisch und Paschtu erscheinen kann.

Dass beide vor allem „positive Geschichten“ über die Arbeit der UN und der Deutschen verbreiten, stört Achmad Jama Schirzad nicht. Er ist „unser bester Mann“, wie die Soldatenredakteure sagen. Und er sagt über die Arbeit mit den Deutschen: „Wer zu Hilfe kommt, mit dem arbeiten wir gerne. Die Russen kamen, um uns zu besetzen, die Taliban auch. Nur die Deutschen haben keine Eigeninteressen.“ Fragt man nach den Interessen der Afghanen, sagt er: „Wir wissen nicht, was Frieden ist. Das müssen wir zuallererst lernen.“

Wichtige Wegmarken dorthin, so wollen es die Regierungen  in Berlin und Kabul, sollen die Wahlen und der Kampf gegen die Drogen werden. Das steht so natürlich auch in der „Stimme der Freiheit“. Die Deutschen vor Ort aber sind skeptisch. Bönisch sagt über den Urnengang: „Hier ist noch immer Mittelalter. Hier gelten archaische Regeln von Stammestreue und Familienehre. Hier regelt man alles von oben – oder wie im Dorfrat einstimmig.“ Deswegen kenne diese Gesellschaft keine Verlierer, jedenfalls keine, die mit einer Niederlage nicht auch ihre Ehre verlören. „Wer stellt sich da zur Verfügung?“

Und wie steht es im Kampf gegen das Opium? Ein kurzer Blick Richtung Osten, ein paar Kilometer holprige Autofahrt raus aus Kundus genügen, um eines festzustellen: Die Drogen verschwinden nicht, sie kommen immer näher. Selbst hier, wo viele im Frühjahr Weizen und etwas später im Jahr Reis anbauen, wo die Menschen also haben, was man braucht, um auf Opium zu verzichten, wächst noch die Anbaufläche.

Wie lange der deutsche Einsatz dauern wird, ist deshalb völlig offen. Meinrad Angermayer, Oberstleutnant und für sechs Monate in Kundus, vergleicht den Einsatz schon mit dem jahrzehntelangen Engagement der UN auf Zypern. „Wenn ich daran denke, wird mir ganz anders.“ Und Herbert Sahlmann, von Dezember bis Mai Vertreter des Entwicklungsministeriums, klingt ähnlich pessimistisch: „Ich hoffe, dass wir die Bundeswehr in fünf Jahren nicht mehr brauchen. Der zivile Aufbau wird Jahrzehnte dauern.“

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