Zeitung Heute : Reise der Woche: Alles andere als bequem

Totenstille herrscht in der mächtigen Bahnhofshalle von Phnom Penh. Gespenstisch leer und trostlos. Die Fahrkarten-Schalter sind mit eisernen Jalousien verrammelt, sämtliche Schilder und Beschriftungen kaum noch zu erkennen. Draußen auf dem Bahnsteig setzt sich die Gruselstimmung fort: Die Zeiger der aus Paris stammenden, kolonialen "Henry Lepaute"-Uhr stehen seit Jahren still.

Zwischen den verwaisten Gleisen sprießt üppige Vegetation, während sich das weitläufige Gelände in der Ferne als Friedhof von Eisenbahnwaggons entpuppt. Durchlöchert von den Gewehrkugeln und Granatsplittern aus dem jahrzehntelangen Bürgerkrieg, teilweise nur als rostiges Stahlgerippe vorhanden, künden sie davon, dass es mit dem kambodschanischen Eisenbahnwesen nicht gerade zum Besten steht.

Trotzdem kann man von hier aus auch verreisen. Die beiden Züge, die täglich verkehren, verlassen die kambodschanische Hauptstadt bereits im Morgengrauen. Dann gibt es hier ein ungeahntes Gewusel - und sogar lange Warteschlangen beim Ticketverkauf.

Ausländer jedoch brauchen sich dort gar nicht erst einzureihen: die 4500 Riel (rund 2,50 Mark) teuren Billetts werden ohnehin nicht an sie verkauft. Zwar wird niemand am Besteigen der Züge gehindert, doch offiziell sind Eisenbahnfahrten für Ausländer verboten. Obwohl der Bürgerkrieg seit Dezember 1998 zu Ende ist, lastet auf dem kambodschanischen Eisenbahnwesen noch immer das Trauma der brutalen Überfälle durch die Roten Khmer. Als die Rebellen 1994 drei westliche Rucksack-Touristen als Geiseln entführten und später brutal ermordeten, gab es massive internationale Proteste, die gerade erst durch die Verurteilung der Täter beigelegt werden konnte.

Heute präsentieren sich die Schienenstränge wesentlich sicherer und staubfreier als Kambodschas Überlandrouten. Eisenbahnreisen durch das Land der Khmer sollen sogar bald als neue Touristen-Attraktion vermarktet werden!

Bis dahin ist es noch ein weiter Weg - wie auch die Strecke nach Battambang, die mit ihren 274 Kilometern einen ganzen Tag dauert. Zwei Mal verkündet ein schriller Pfeifton den Start, dann setzt sich der Zug auch schon mit einem sanften Ruck in Bewegung. Draußen zieht das Ufer des Boeng-Kak-Sees mit seinen Pfahlbauten vorbei. Die Bewohner sind gerade bei der Morgentoilette, fühlen sich durch die Blicke der Reisenden allerdings kaum gestört. Schließlich rollt dieses mehrere Jahrzehnte alte, bunte Sammelsurium der Eisenbahn jeden Morgen im Schritttempo vorbei: Die grün getünchten Waggons aus Vietnam, die rot-gelben aus der ehemaligen DDR und die sonnengegerbten Kastenwagen aus Indien - gezogen von einer röhrenden Diesel-Lokomotive aus Tschechien.

Im Inneren des überfüllten Zuges haben es sich die Passagiere bereits "gemütlich" gemacht. Obwohl die harten Holzbänke in den "Großraumwagen" alles andere als bequem und völlig überbelegt sind, dauert es nicht lange, bis das gleichmäßiger werdende Rattern die ersten Reisenden in den Schlaf geschaukelt hat.

Die erste Eisenbahnstrecke Kambodschas, die über Pursat, die zweitgrößte Stadt Battambang, und Sisophon bis zum thailändischen Grenzort Aranyaprathet führte, wurde erst in den 30er Jahren gebaut. Der zweite, landschaftlich besonders reizvoll eingebettete Schienenstrang wurde mit seinen 263 Kilometern von Phnom Penh über Takeo und Kampot bis nach Sihanoukville an der Küste sogar erst 1969 fertiggestellt, nachdem das Land dort einen Überseehafen erhalten hatte.

Danach griff bald der Vietnam-Krieg nach Kambodscha über und der der Einmarsch der Pol-Pot-Truppen, verdammte das Eisenbahnwesen 1975 endgültig zur Bedeutungslosigkeit, weil das "reaktionäre Verkehrsmittel" nicht in das Konzept der Steinzeitkommunisten passte. Die Gleise überzogen sich mit Rost und Dschungelgrün, Lokomotiven, Triebwagen und Waggons verwitterten auf freier Strecke und als das Blutbad des Terrorregimes Ende 1978 endlich vorüber war, hatten von etwa 20 000 Eisenbahnern nur rund 1000 überlebt.

"Eine einzige kleine Dampflok lief noch. Mühselig wurden mit ihrer Hilfe andere Loks und Wagen aus dem Dschungel gezogen und in das Ausbesserungswerk der Hauptstadt gebracht", erinnerte sich Oeur Roeun - einer der vier überlebenden Eisenbahn-Ingenieure - in einem Interview mit dem damaligen DDR-Korrespondenten an den Neubeginn. "In Handarbeit konnten einige wieder in Gang gesetzt werden. Parallel dazu liefen die Reparaturen an der Strecke und mehreren gesprengten Brücken." Doch bald darauf wurde die Eisenbahn erneut zum beliebten Angriffsziel der Roten Khmer, die sich nach ihrer Entmachtung durch die Vietnamesen als Rebellen zurückgezogen hatten und auf diese Weise bis vor kurzem noch ein Viertel des Landes kontrollierten.

Heute endlich können Lokomotiven wieder ohne ihre 25 Millimeter dicken, stählernen Schutzschilde durch das Land rattern und auf schwerbewaffneten Begleitschutz verzichten. Auch die berüchtigten, einst vorgespannten Minen-Räum-Wagen - auf dem ersten konnten die Passagiere zum "Free Ride"-Tarif und auf dem zweiten für den halben Fahrpreis durch das Bürgerkriegsgebiet reisen - rollen heute in der Mitte des Zuges und sind mit Gütern des täglichen Bedarfs beladen.

Zahlreiche Bahnhöfe unterwegs haben mitunter nur als Fundament überlebt. Aber besonders wichtig erscheinen sie sowieso nicht: Gerade ist der Zug zum Stehen gekommen, geht es auch schon weiter. Nicht einmal eine volle Minute dauert die Haltezeit an den meisten Stationen - als gelte es für den Zugführer, auf dieser Strecke einen neuen Geschwindigkeitsrekord aufzustellen. Die Einheimischen scheinen es gewohnt: in Windeseile verlassen sie den Zug oder springen auf ihn auf, während im Laufschritt lange Holzbohlen, dicke Plastiksäcke oder Bambuskäfige mit Hühnern, Enten und Schweinen aufgeladen werden.

Eigentlich fahren in Kambodscha bisher nur diejenigen mit dem Zug, die es unbedingt müssen - wie die beiden Soldaten ganz hinten im Wagen, die sich eine Hängematte aufgespannt haben, um abwechselnd darin zu dösen oder mehrere alte Frauen, die in ein von bunten Kopftüchern umwickeltem Menschenknäuel zusammengesunken sind. Ganz anders scheint es sich bei einer Gruppe kichernder Mädchen zu verhalten, die ihr schulfreies Wochenende zu einem Ausflug nutzen wollte. "Für uns ist diese Fahrt unheimlich aufregend. Denn wir alle sind zum ersten Mal mit der Eisenbahn unterwegs", gesteht die

18-jährige Khouth Davy, die sich unter ihren sechs Mitschülerinnen am wenigsten scheut, ihr spärliches Englisch auszuprobieren. Dass jeweils die Hälfte ihrer Freundinnen stundenlang im engen Gang stehen muss, scheint dem Reisevergnügen keinerlei Abbruch zu tun. Immer wieder zeigen sie aus dem Fenster, um sich gegenseitig auf kleine, von Mangobäumen und Bananenstauden umwachsende Siedlungen aufmerksam zu machen.

Kinder winken aufgeregt. In der Ferne glitzern Tempel und mit Lotusblumen überwucherte Teiche. Wasserbüffel waten durch knietiefen Schlamm. Außer dem saftigen Neongrün der Reisfelder sind es vor allem die kugelförmigen Königspalmen, die das Panorama fast überall bis zum Horizont prägen. Als "Kambodscha-Bäume" sind sie typisch für dieses Land und sonst nur noch im Süden Thailands zu finden. Die Blätter der bis zu 30 Meter hohen Palmen bilden eine fast runde Krone, so dass sie aus der Ferne geradewegs an Pusteblumen erinnern.

Als die Sonne höher in den Himmel steigt, ist jeder Luftzug durch das scheibenlose Fenster willkommen - bis der Zug am Bahnhof von Pursat ein weiteres Mal zum Stillstand kommt. Mit rund 20 Minuten wird hier die längste Pause eingelegt, die sich allerdings auch auf mehrere Stunden ausweiten kann, falls der Gegenzug auf der einspurigen Strecke technische Probleme haben sollte. Das ist heutzutage - abgesehen von Kindern mit den "flinken Fingern" - das größte Sicherheitsrisiko bei Eisenbahnfahrten in Kambodscha. Da sitzt man dann über mehrere Stunden, der gleißenden Sonne ausgesetzt oder muss gar eine ganze Nacht im Freien verbringen. Sonst sind die Abenteuer bei Zugfahrten jedoch eher kulinarischer Natur: Das reichhaltige Angebot der fliegenden Händler, die die Waggons bei jedem Halt stürmen oder in Trauben an den offenen Fenstern hängen und Speisen in das Innere reichen, lässt unterwegs gewiss niemanden Hunger leiden. Für wenige Riel werden - auf zu Tabletts geschnittenen - Palmenblättern klebrige Sesam- und Reisküchlein angeboten, gegrillte Hähnchenteile und lecker duftende Fleischspießchen, frittierte Fische, Schnecken und Insekten, Baguettes und Zigaretten, Zuckerrohr, Maiskolben, Kokosnüsse oder auch Früchte wie Mangos, Ananas, Bananen und Papayas.

Vielleicht werden schon bald livrierte Kellner landestypische Köstlichkeiten servieren. Bei einer fast historisch zu nennenden Bahnfahrt von Phnom Penh nach Kampot im vergangenen Frühjahr kam es zu dem touristischen Debüt für das kambodschanische Eisenbahnwesen. Die neunstündige Fahrt, für die das dampfende, mühevoll restaurierte Schmuckstück mit den sechs historischen Waggons rund 25 Kubikmeter Holz und 15 Kubikmeter Wasser verzehrte, sollte den Auftakt in eine viel versprechende touristische Zukunft bilden. Bislang ist es allerdings nicht gelungen, die Bahnfahrt zu einem regelmäßigen Angebot für Besucher des Landes zu machen.

Nach allen Seiten öffnen

Kambodschas Tourismusminister Veng Sereyvuth erklärt unlängst, dass sich sein Land mit immer neuen Grenzübergängen, Straßen und internationalen Flugverbindungen "nach allen Seiten öffnen" und vom Stigma des Bürgerkriegs befreien werde.

An historischen Dampfrössern jedenfalls mangelt es nicht - allein im Eisenbahndepot von Phnom Penh findet sich mehr als ein Dutzend davon. Sie waren vor rund zehn Jahren durch Diesel-Lokomotiven ersetzt worden, weil sich damals die meisten Waldgebiete in der Hand der Pol-Pot-Rebellen befanden und es immer schwieriger wurde, große Mengen Feuerholz für die gefräßigen Dampfkessel herbeizuschaffen. Es bleibt nur zu hoffen, dass nicht irgendein Museum oder ein Klübchen von Eisenbahnfreunden diesen stillgelegten, faszinierenden Fuhrpark mit unwiderstehlichen Kaufangeboten dezimiert und die alten Dampfrösser außer Landes bringt.

Es dämmert schon, als sich die urgemütliche Schaukelei ihrem Ende nähert und der Zug - über eine betagte, stählerne Brückenkonstruktion ratternd - in Battambang einläuft. Mit etwa 300 000 Einwohnern handelt es sich zwar um die zweitgrößte Stadt des Landes, aber spätestens nach Einbruch der Dunkelheit beginnt sie wie ein vergessenes Stück Südostasiens zu schlafen. Bisher finden erst ganz wenige Touristen in diese Stadt, obwohl sich in ihrer unmittelbaren Umgebung beispielsweise die Tempelanlagen von Wat Phnom Sampou und Wat Phnom Banon zur Erkundung anbieten.

Plötzlich und geheimnisumwittert auf Bergfelsen aus der flachen Reisfeld-Landschaft aufragend wird die ehemals strategische Bedeutung der Stadt noch immer eindrucksvoll durch die herumstehenden Armeegeschütze vor Augen geführt. Noch erlebnisreicher sind Ausflüge in die ehemalige Rebellen-Hauptstadt Pailin: Sie liegt rund 80 Kilometer von Battambang entfernt an der thailändischen Grenze und ist nur über die berüchtigte Nationalroute 10 zu erreichen, die durch ewig umkämpftes, minenverseuchtes Bürgerkriegs-Gebiet führt.

Seit wenigen Monaten können ausländische Touristen auch bei Pailin von Thailand nach Kambodscha einreisen, um beispielsweise über Battambang und Südostasiens größten Binnensee Tonle Sap zu den Tempelanlagen von Angkor zu gelangen. Selbst für eingefleischte Eisenbahn-Fans hat Battambang durchaus noch eine Überraschung zu bieten. Wer bei Tageslicht zum Ort seiner abendlichen Ankunft zurückkehrt und sich mit freundlichen Worten Einlass zum kolonialen Lokschuppen auf dem Eisenbahngelände verschafft, wird seine Begeisterung kaum verbergen können: Bedeckt von etlichen Spinnweben und unter einer dicken Staubschicht verborgen, zeichnen sich die Umrisse einer imposanten, 1912 in Frankreich gebauten Dampflok ab, die hier mit ihrem Tender unversehrt im Dornröschenschlaf schlummert - und eines Tages ebenfalls dazu dienen könnte, dieses schwer geplagte Land mit friedlichen Touristenfahrten aus dem Schatten von Genozid, Krieg und Landminen zu ziehen.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!