Zeitung Heute : Reise der Woche: Bischof Albert aus Bremen und die Folgen für das Baltikum

Heinz Hartmann

Hier muss es gewesen sein, auf dem flachen Hügel über dem Ufer der Daugava, die damals Düna hieß. Befestigtes Gemäuer stand da, ein Kloster, eine erste Kirche, Holzhäuser drum herum. Hier müssen die livländischen Fischer den fremden Rittern und Priestern und Kaufleuten aus der Ansiedlung, die sie Riga nannten, ihre Hechte und Brachsen feilgeboten haben, und die Frauen die Blaubeeren und Steinpilze aus den endlosen Wäldern.

Und immer noch floriert dort der Handel, denn nun haben Andenkenkäufer ihre Tische aufgeschlagen. Sie preisen schillernd lackierte "Puppen in der Puppe" an, hastig gemalte Aquarelle mit Motiven aus den engen Gassen der Stadt, und Bernsteinschmuck zuhauf. Selbst der Abfall fand eine letzte Verwendung, auf kleine Stillleben geklebt, wo die Splitter das Blätterwerk herbstlicher Baumgruppen darstellen dürfen.

An Kundschaft herrscht kein Mangel, denn nach wie vor kommt jeder Fremde zu dem Platz neben der jetzigen Petrikirche. Seit dem Wiederaufbau ihres im Zweiten Weltkrieg zerstörten Turms führt ein Lift zu einer Aussichtsplattform hinauf, und da muss man einfach gewesen sein, weil man nirgendwo anders einen so überwältigenden Blick auf die verwinkelte Altstadt zu Füßen und auf den breiten Fluss werfen kann, der zum Rigaer Meerbusen hinaus strömt, oder auf das Dächergeflecht der im Osten fast an den Horizont wuchernden Metropole. Auf den Mariendom dazwischen, den größten Sakralbau im Baltikum, auf den Zuckerbäckerturm aus Stalins Zeiten, jetzt Sitz der "Akademie der Wissenschaften", auf den 368 Meter hohen Fernsehturm, der schließlich unter Breschnew errichtet wurde.

Hier an der Urzelle der Stadt kuscheln sich die Häuser des ehemaligen Konventhofs wie Küken aneinander, mit Bruchstücken des Mauerwerks noch aus dem 13. Jahrhundert. Jetzt aber ist die ehrwürdige Anlage ein Hotel, was sie einem Joint Venture zwischen Riga und seiner Partnerstadt Bremen verdankt, dessen Landesbank das Unternehmen finanzierte, wie vorher schon den Neubau des noblen Hotels "de Rome". Und obendrein stiftete die Weserstadt den Rigensern hier neben der Petrikirche ein Denkmal der "Bremer Stadtmusikanten".

Wie in Bremen späht auch ein geharnischter Roland, seit dem späten Mittelalter ein Symbol der Gerichtsbarkeit und der Marktfreiheit, über den Rathausplatz. Sein Standbild erhebt sich vor dem pompösen Giebel des Schwarzhäupterhauses von 1334, Sitz ehedem einer reichen Kaufmannsgilde. Doch es ist nicht mehr ihr Haus: Der Krieg verwandelte es im Juni 1941 in eine Ruine, der Rest wurde 1948 gesprengt. Was dort jetzt in strahlendem Rot, Weiß, Blau und Gold als nunmehr prächtigstes Gebäude den Glanz der alten Hansestadt aufleuchten lässt, trägt zu Recht die Jahreszahl 1999. Denn es handelt sich um nichts anderes als eine unglaublich luxuriöse Rekonstruktion.

Ebenso unbefangen ist der Umgang mit der Erinnerung an andere Deutsche, deren Namen die Zeiten überdauerten. Der legendäre "Lügenbaron" von Münchhausen lag hier von 1739 an in Garnison, als Kavallerieoffizier in der zaristischen Armee. Johann Gottfried Herder, den sie 1764 bis 1769 als Domschullehrer engagiert hatten, erhielt sogar ein Denkmal. Richard Wagner wirkte 1837 bis 1839 als Kapellmeister am hiesigen Theater, und schrieb gleichzeitig große Teile seiner Oper "Rienzi". Ein Sohn der Stadt war Wilhelm Ostwald, Professor am Polytechnikum; später lebte er in Leipzig und erhielt 1909 den Nobelpreis für Chemie. 1892 wurde hier auch der Erzähler Werner Bergengruen geboren, während der Lyriker und Schriftsteller Siegfried von Vegesack dort das Gymnasium absolvierte.

Soviel Deutschland hat seinen Grund: Es war der aus Bremen entsandte Bischof Albert von Buxhoeveden, der im fernen Jahr 1201 Riga gründete, mit seinen Ordensrittern Kurland, Livland und Teile von Estland eroberte, und sich damit als Stammvater der Christianisierung wie des Deutschtums im Baltikum in den Chroniken verewigte. Das war die älteste Kolonie des Reiches, und Deutsche regierten diesen Außenposten über dreieinhalb Jahrhunderte lang. Dann wurde das Land polnisch, auch schwedisch. Von 1710 an jedoch eroberten die Russen das Baltikum, und sie beherrschten es bis zum Ende des Ersten Weltkriegs.

Nun endlich hatten die Letten die Chance, erstmals in ihrer Geschichte ihren eigenen Nationalstaat auszurufen. Während des Zweiten Weltkriegs ging er schon wieder unter, wurde ein Teil der UdSSR - bis zu seiner Auferstehung im August 1991, weshalb Lettland jetzt den zehnten Jahrestag seiner erneuten Unabhängigkeit begeht. Riga aber putzt sich heraus, was das Zeug hält, denn die Metropole feiert ihren 800. Geburtstag.

Die letzten ungefähr 55000 Baltendeutschen im Staat wurden 1940 "heim ins Reich" ausgesiedelt. Nach dem Krieg rückten umso mehr Neubürger aus der brüderlichen Sowjetunion nach, was zur Folge hatte, dass sich von den 2,45 Millionen Menschen auf ihrem Territorium heute nur 56 Prozent zu den "echten" Letten rechnen können. In Riga mit seinen 810000 Einwohnern spricht sogar die Mehrheit untereinander russisch - eine fatale Bürde für das Staatsvolk.

Die immerhin 27000 Deutschen im Jahr kommen eher, weil die Balten eben nicht auf dem Balkan leben, wie manche Zeitgenossen vermuten. Um diesen weißen Fleck auf der Karte mit Landschaftsbildern aus flüsternden Kiefernwäldern, Seen und mäandernden Flüssen zu füllen. Oder um sich in Riga den Hals auch vor hunderten von Jugendstilfassaden zu verdrehen, deren faszinierende Vielfalt erheblich dazu beitrug, dass der Stadtkern 1997 in die Liste des Weltkulturerbes der Unesco aufgenommen wurde. Vielleicht auch, um Lettlands feudalstes Schloss zu besuchen. Das "lettische Versailles" versteckt sich weit südlich von Riga bei Bauska, und wurde 1735 bis 1769 als barocke Sommerresidenz mit französischem Park für Ernst Johann von Biron errichtet, den die Zarin Anna zum Herzog von Kurland gemacht hatte.

Der bei weitem romantischste Landstrich ist der "Gaujas nacionalais parks" 50 Kilometer nordöstlich der Hauptstadt hinter Sigulda. Die Gauja fließt hindurch, und weil ihr felsiges Tal über 80 Meter tief ist, nannte man die Ecke "livländische Schweiz". Dort ragen die Reste einer Burg der Ordensritter über die Wipfel, und Teile der noch aus Bischof Alberts Zeit stammenden Burg Turaida. Von ihrem Bergfried aus lässt sich erkennen, dass nirgendwo sonst mehr die grenzenlose Ebene von merkbaren Anhöhen unterbrochen wird: Lettland wie seit Ewigkeiten, groß und weit und leer.

Breschnew war nie da. Dennoch weilt er als Wachsfigur unter den Rigensern, und zwar im neuen "Rigas Motormuzejs" mit seinen denkwürdigen Oldtimern, darunter speziellen Raritäten aus den Beständen des Kreml. Dort sitzt Breschnew verschreckt in jenem "Rolls Royce Silver Shadow", den ihm einst die Briten schenkten. 1980 freilich steuerte er ihn mit einiger Gewalt gegen einen Betonpfosten, weshalb das nun der einzige havarierte Rolls Royce sein dürfte, der irgendwo auf Erden zum Schaustück eines Museums befördert wurde.

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