Zeitung Heute : Reise der Woche: Das Reich der Töpfer und Keramiker

Rita Henss

"Allah u akbah." Sonor dringt der Ruf des Muezzins durch den frühen Morgen. Die Nacht geht gerade über in den Tag, lässt das Auge endlich zwischen einem schwarzen und einem weißen Faden unterscheiden. Fahl schälen sich die schier unzähligen Minarette der Moscheen von Fès aus dem schwachen ersten Licht.

Ein Bauer zockelt mit zwei Kühen von Allah weiß woher über die Hauptstraße der Ville Nouvelle, der 1912 von den Franzosen angelegten Neustadt auf einem Plateau im Südwesten des Königspalastes und der Mellah, dem einstigen Judenviertel. Am Busbahnhof wartet die silberne "Gazelle der Sahara" mit röhrendem Motor; hinter ihr treibt ein beleibter Fassi in wollener Djellaba seinen mit Schaffellen hochbeladenen Esel über die Straße hinein in die engen Gassen der mauerumgürteten Medina. Vor dem Café Al Wahdia hocken sich Handwerker hoffnungsvoll an der Bordsteinkante nieder und warten auf einen Job. Aus ihren Werkzeugbündel ragt meistens eine Kelle oder ein Meißel. Und am Bab Jamai, jenem Stadttor, hinter dem sich das gleichnamige, 1879 Für Sultan Moulay Hassan I. erbaute, in den dreißiger Jahren in ein feines Hotel umgewandelte und kürzlich stilgerecht modernisierte Palais erhebt, polieren die ersten Limousinen-Chauffeure ihre uralten weißen Mercedes-Karossen.

Monsieur Larbi ist der Senior unter diesen Fahrern. Versunken in den schwarz-weißen Kunstfellsitz seines temposchwachen Daimlers umkreist er nun langsam den kilometerlangen Mauergürtel des alten Fès el Bali und bringt uns zu den schwarzen Rauchsäulen im Süden. Hier erstreckt sich auf einem der vielen Hänge um den Kern der Königsstadt das Reich der Töpfer, Kachelmacher und Keramiker.

Die dunklen Feuerwolken rühren von ihren traditionellen, mit Olivenkernen und Kistenlatten befeuerten Öfen, in deren rundem Bauch unter dem Strohdach sie ihre Krüge, Schalen, Vasen und die "Zelliges", die berühmten Mosaikkacheln brennen, die nicht nur in Fès historische Paläste und Privathäuser zieren, sondern auch bei Restaurierung und Neubau im ganzen Land als Dekor hoch im Kurs stehen.

Seit Hunderten von Jahren schon entstehen die "Zelliges", von denen es heißt, die von Sultan Mulay Idris Anfang des 9. Jahrhunderts in Fès angesiedelten 800 moslemischen Familien aus Andalusien hätten die Kunst ihrer Herstellung mitgebracht, im gleichen manuellen Verfahren. Keine Maschine, sondern nur geschickte Finger schneiden und klopfen die aus dem feinen grauen Ton von Fès geformten Kacheln in Form, schlagen mit wuchtigen Hämmern die unregelmäßigen Ränder glatt und entlocken dem gebrannten Quadrat jene unzähligen Varianten von Sternen, Blättern, Sechsecken, Speerspitzen, Halbmonden und Pfeilen, die später das Auge als wunderbare Mosaikbilder entzücken. Mittels eines Bambustäbchens, das ursprünglich in Tinte getaucht war, heute jedoch meist mit einer Kugelschreiber-Mine verbunden ist, zeichnet der "Tailleur" die gewünschten Umrisse auf der Standard-Kachel vor. Danach legt er das gebrannte Toncarré vor sich auf ein niedriges Tischchen, dessen Platte aus Metall oder Marmor besteht. Hinter dem Tischchen sitzend, den Ellenbogen auf die Knie gestützt, umfasst er dann den schweren, auf beiden Seiten spitz zulaufenden Hammer und senkt den Arm mit ihm kontinuierlich und präzise längs der Umrisslinien nieder. Glatt und bruchlos geben die Kachelquadrate die auf ihrem Rücken aufgezeichneten Formen preis; die kleinsten von ihnen, - sie messen kaum drei Zentimer - werden an ihren Rändern schräg abgeschlagen, damit mehr Fläche gewonnen wird für das spätere Einbetten in Zement.

Die Komposition dieser Kachelmosaike obliegt dem "Maalem", dem Meister. Er hockt normalerweise auf den Knien, neben sich die keramischen Puzzleteile, aufgeschichtet in kleine Hügel nach Farbe und Form. Blau, Weiß, Schwarz, ein dunkles Grün und ein honigfarbenes Gelb umfasst die traditionelle Farbpalette, gewonnen jeweils aus Substanzen wie vermahlenen Sahara- oder Casablanca-Kieseln, Steinmehl aus dem roten Berggestein von Fès oder von jenem Stein, der sich nur bei Regen identifizieren lässt, Kupfer, Blei, Rost und dem Sand von Meknès. Stück für Stück dreht der Meister jede der winzigen "Zelliges" auf ihren Rücken, fügt sie bedachtsam zu einem aus der eigenen Fantasie geborenen Muster. Allein sein Gedächtnis gestattet ihm, die Farbigkeit des gelegten Motives zu kennen. Traditionell ist sie sprühend-lebendig für die Räume des Tages und matter für jene des Schlafes. Ist das Kachelpuzzle fertig, wird Zement darübergegossen. Sobald er getrocknet ist, kann die Mosaikplatte an der Wand angebracht werden - als eine von vielen, bis das Gesamtdekor des Raumes fertig ist. Meist gestaltet der "Maalam" seine Einzel-Platten nicht größer als 100 mal 60 Zentimer, damit sie auch durch die engen, ansteigenden und abfallenden Altstadt-Gassen von Fès, wo nach wie vor nur Esel als Verkehrsmittel dienen, noch leicht transportiert werden können.

Keramik in Fès

Nur knapp ein Dutzend kleiner Betriebe produziert die berühmten Tonwaren von Fès. "Zelliges" und "Bejmats" sind in der Regel nicht vorrätig, sondern werden aktuell, je nach Wunsch des Auftraggebers hergestellt. Wohnt er außerhalb Marokkos, können bis zur Ankunft der Ware allerdings oft Monate vergehen.

Fès ist nach wie vor Marokkos Zentrum fantasievollen Handwerks, exquisiter Künste und traditioneller Wissenschaft. Die Unesco bemüht sich seit einigen Jahren, die beiden ältesten Stadteile rechts und links des Oued Fès, El Kairouan und El Andalus, zu restaurieren. Eingerüstet und somit unsichtbar sind daher zum Beispiel die zwölf Bronzeglocken der astronomischen Uhr aus dem 14. Jahrhundert am Anfang der Talâa Kebira, der großen West-Ost-Achse durch die Medina, auf der man zur Kissaria und zu den verschiedenen Suks gelangt, wo "Gazellen-hörnchen" duften, Hammelkeulen baumeln, Garnröllchen in allen Farben glänzen und dottergelbe, spitze Lederpantoffel in hohen Türmen auf den Armen der Babuschenschuster durch die Gänge schwanken. Ein stechendern Geruch leitet dann zielsicher zu den Gerbern und Färbern, am rhythmischen Kling-Klong ihrer Hämmerchen erkennt man die Metallarbeiter, ein trockenes "Rak-rak" führt in das Innenhofreich der Weber. Auf der anderen Gassenseite verbirgt sich die wunderbare Medersa Attarin hinter einem Baugerüst. An der Place Nejjarin indes sind sie bereits gefallen. Hier, am schönsten - von einem Kachelbrunnen gezierten - Platz von Fès el Bali, um den einige Tischler ihre Werk- und Verkaufsstätten angesiedelt haben, erstrahlt ein um 1700 erbauter "Funduk" in neuem Glanze. Nach Abschluss der Wiederherstellungsarbeiten eröffnete in seinen Räumen im vorigen Jahr ein attraktives Museum für Kunsthandwerk.

Doch nicht nur in der Medina, auch vor den Toren von Fès tut sich einiges. Zwei Projekte sind allein am Südrand der Stadt vorgesehen: Das "Quartier Artisanale" und das "Quartier de la Gare Routiere". Um den "Gare Routiere", den neuen Busbahnhof, soll, so suggeriert das großflächige Werbeplakat - ein Wohnpark mit zahlreichen mehrstöckigen Häusern entstehen. Und das bislang noch eher armselig wirkende Viertel der Töpfer, Keramikmaler und Kachelmacher wird - auch das steht auf einem Schild an der Straße zu lesen - zum 20 000 Quadratmeter umfassenden "Kunsthandwerksviertel" aufgewertet. Inshallah - wenn Allahs große Güte es so will.

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