Zeitung Heute : Reise der Woche: Die Kinder der Kalifen

Roland Mischke

Fassaden sind Gobelins aus Stein. Auf Mauern tanzen Blumen, Blätter, Sterne - und dazwischen Allahs Name, tausendfach in weißem Marmor. Paläste sind ziseliert wie Schmuckstücke. Der ganze Komplex ist eine Stickarbeit aus Stein. Und aus Pflanzen: Heckenumrahmungen, überall. Wege, Blumenbeete und Fontänen sind von vielfach grünen Leisten aus Lorbeer, Jasmin und Apfelsinenbäumen eingefasst. Lebensbäume sind zurecht gestutzt wie arabische Torbögen, und noch jedes Rosenstöckchen ist beschnitten, als habe jeder Gärtner hier eine Ausbildung als Coiffeur absolvieren müssen.

Die Alhambra in Granada ist das Größte, was Arabien Europa hinterließ. Mehr als zwei Millionen Besucher pro Jahr lockt sie herbei. Sie rangiert in der Touristengunst mit erheblichem Abstand vor allem, was die Iberische Halbinsel, eine der meistfrequentierten Destinationen des globalen Tourismus, sonst noch zu bieten hat. Weil ihre Mauern aus eisenhaltigen Tonziegeln im Kranz grüner Büsche vor der Kulisse der oft schneebedeckten Sierra Nevada im Abendlicht rötlich leuchten, nannten die Araber sie

al hamra, die Rote. Nahezu jede Stunde verändert sich die Tönung, selbst nachts strahlen die tagsüber sonnengesättigten Mauern noch. Die christlichen Eroberer überbauten das orientalische Ensemble mit einem mächtigen Renaissancepalast. Ein filigranes Meisterwerk islamischer Baukunst und ein Zeugnis hochfahrender Renaissance wurden zwangsvermählt.

Gegenüber der Alhambra, auf ihrem Zwillingshügel, liegt das Viertel Albaicín, das Herz der Altstadt. Nochmal Arabien in Europa. Die engen Gassen und winkligen Plätze entsprechen dem Raster einer arabischen Medina. Auch die bauliche Gestaltung des auf einem Ausläufer der Sierra de la Yedra hockenden Viertels orientierte sich an orientalischen Strukturen: blumentopfbehangene Carmenes, wie die Landhäuser mitten in der Stadt genannt werden; Kachelmuster, Stuckverzierungen und Zackenbögen - besonders in der Calle de Pagues und in der Calle de Pardo; winzige Obstgärten, Treppengassen voller trocknender Wäsche und Teile der maurischen Stadtmauer.

Granadas ältestes Viertel ist ein Labyrinth ohne Wegweiser und Hauptweg: Man muss aufs Geratewohl losgehen. 12000 Menschen leben hier, in den Sechzigerjahren waren es noch drei Mal so viele. 1994 wurde der Albaicín von der Unesco zum Weltkulturerbe der Menschheit erklärt. Der zentrale belebte Platz ist die Plaza Larga. In den weißen Seitengassen der Calle del Agua ist der Albaicín von dörflicher Stille erfüllt, unendlich entfernt von der gar nicht weiten, verkehrsdurchtosten Unterstadt. Viele der knapp 3000 Häuser sind auf eine poetische Weise alt und verschlissen, einige in solch fortgeschrittenem Verfallszustand, dass sie nicht mehr zu retten sind.

In den Gassen, Lokalen und Geschäften des Albaicín sind viele Menschen unterwegs, deren Hautfarbe dunkler ist. Die meist jüngeren Leute stammen aus Marokko, sie leben mit einem Stipendium in Granada, belegen an der Universität die Boom-Fächer Informatik, Betriebswirtschaft, Sprachen, um das immer noch archaische Königreich jenseits der Meeresstraße von Tanger schneller an die moderne Welt anzukoppeln. Die Hoffnungen des jungen marokkanischen Monarchen ruhen auf diesen Landsleuten, doch viele von ihnen wollen neuerdings in Granada bleiben, suchen nach einem Partner mit spanischem Pass, um einheiraten zu können, oder legen in ihren temporären Jobs in Start-up-Firmen ein solch furioses Tempo vor, bis ihre Arbeitgeber sie behalten wollen.

Nicht nur materialistische Überlegungen bringen die jungen Araber dazu, in Granada Wurzeln zu schlagen. Auch ihre Religion, der Islam, wird schließlich von den Granadinern akzeptiert. Es scheint, als hätten die hier lebenden Spanier ein Faible für arabische Kulturen und Lebensweisen. Die Ereignisse des 11. September haben daran nichts geändert. Der Islam in dieser Region ist traditionell liberal und tolerant, die andalusischen Muslime schütteln die Köpfe über den fundamentalistischen Fanatismus und verurteilen die Anschläge.

In der Calle Caldereria, noch vor zehn Jahren eine verkommene Gasse, hat in den letzten Jahren ein arabischer Laden nach dem anderen aufgemacht. Es gibt Teestuben und Gebetshäuser, das Quartier ist zu einer Keimzelle muslimischer Lebensart geworden. Nicht nur für Anhänger des Islam - neben Tausenden von Immigranten aus Nordafrika gibt es immer mehr Spanier, ihre Zahl geht hoch in die Hunderte, die zum Islam konvertiert sind. Wie alle Konvertiten nehmen auch sie die Religion überaus ernst. Die Gesetze des Korans werden streng ausgelegt, Alkohol und Sex vor der Ehe sind tabu, der regelmäßige Besuch des Gebetshauses ist obligatorisch. Nun wird eine neue Moschee gebaut. Granada entdeckt seine zweite, lange Zeit unterdrückte Seele wieder.

Rund 800 Jahre bestimmten Araber die Geschicke Granadas. 711 eroberten arabische Heere den Süden Spaniens und gaben ihm den Namen al-Andalus. Mit ihrer Ankunft setzte die wirtschaftliche und kulturelle Blüte ein. Es wurden Bewässerungssysteme angelegt, Medizin und Bildhauerei, Malerei, Dichtkunst, Gesang und Tanz kamen in Schwung, Verwaltungsstrukturen regelten das Alltagsleben unterschiedlicher Ethnien.

Vom 11. Jahrhundert an bildeten sich islamische Kleinfürstentümer. Die Nasriden setzten der Entwicklungshilfe der Kinder Allahs die Krone auf. Von 1238 bis 1492 hatte die Dynastie in Granada das Sagen, hielt der christlichen Dauerbelagerung stand und führte die islamische Kultur auf europäischem Boden zu höchster Pracht. Granada besaß damals 200000 Einwohner, vier Mal so viel wie im damaligen London. In dieser Zeit entstand die Alhambra, der königliche Sitz der maurischen Herrscher.

Viele Kalifen waren hoch gebildet und versammelten aus Ehrgeiz und Freude am Gespräch Gelehrte und Schriftsteller um sich. Christen aus den übrigen Teilen Spaniens schickten ihre Söhne zum Studium in den arabisch okkupierten Süden. Handwerk und Wissenschaften kamen zum Zug. Jüdische Mitbewohner wurden nicht in ein Getto gepfercht, sondern integriert. Die Ärzteschaft Granadas bestand überwiegend aus Juden, jüdische Diplomaten strebten im Auftrag ihrer arabischen Herrscher freundschaftliche Beziehungen mit dem christlichen Kastilien an. Toleranz und Zusammenleben zwischen Muslimen, Juden und Christen waren beispiellos in Europa - bis nach der christlichen Reconquista christliche Unduldsamkeit diese einzigartige Kultur zersetzte.

"Die maurische Zeit war das Goldene Zeitalter in Andalusien", sagt Magali González in einer Teestube im Albaicín. Die 29-Jährige hat einen Algerier geheiratet, ist zum Islam übergetreten und erwartet ihr erstes Kind. Sie ist froh darüber, dass es in eine multikulturelle Stadtgesellschaft hineingeboren wird, die ihresgleichen sucht in der westlichen Welt. Magalis Eltern staunten kurz, als sie von ihrer Verbindung mit einem Muslim hörten, lernten ihn dann kennen und schätzen. Sie sind zufrieden mit der Verbindung.

"Der Islam ist die am schnellsten wachsende Religion in Spanien", freut sich Magali und rührt im süßen Minztee. "Die Moscheen in Barcelona oder Marbella wurden von Scheichs finanziert. In Granada aber bringen wir Spanier das Projekt voran. Es entsteht seit 1998 auf dem Hügel des Albaicín." Missionarin im Dienst des Halbmonds ist Magali nicht geworden, hat sich aber intensiv mit der maurischen Periode befasst und schwärmt davon. "Noch zu Beginn des 17. Jahrhunderts lebten in diesem Viertel spanische Muslime, bis sie aus dem Land gejagt wurden", erklärt sie. Das Kapitel wurde gewaltsam abgeschlossen, war aber noch nicht zu Ende. Das grandiose maurische Erbe lebt in der Sprache, im Essen, in der Lebenseinstellung und in der Architektur weiter. Der amerikanische Schriftsteller Washington Irving erkannte Mitte des vorletzten Jahrhunderts, als er sich länger in Granada aufhielt und seine "Erzählungen von der Alhambra" schrieb, die tiefe Wirkung dieser arabischen Hinterlassenschaften. Schon damals prophezeite er die Renaissance des Islam.

Nach 500 Jahren verliert Europa die alte Maurenstadt wieder an den Islam. Es sind vor allem die jüngeren Stadtbewohner, die zukünftige Elite, die mit der arabischen Vergangenheit sympathisieren. Granadas bislang exzessiv zelebriertes Nachtleben leidet schon an leichter Auszehrung, weil das Jungvolk sich nicht mehr so vergnügungssüchtig zeigt wie ehedem. Der aus dem Norden importierte Lifestyle schwächelt, weil er im Süden nicht wirklich kompatibel ist. Hier gehen die Uhren eben doch anders.

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